Das Digitale als Brückenbauer

Intonation als Therapie?

6. Oktober 2020 Automatische Verarbeitung menschlicher Sprache

Ob Kunst, Geschichte oder Musik – die Informatik hilft, mehr Licht in die Vielfalt der Daten zu bringen.  Aber auch in der Linguistik und Psychologie gewinnt die automatische Verarbeitung von menschlicher Sprache zunehmend an Bedeutung – unter anderem als potenzielle Therapie zur Behandlung von Depressionen, an denen rund 5,3 Millionen Menschen in Deutschland laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe jedes Jahr erkranken.

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Lässt sich die Krankheit über Sprechpausen, Sprachrhythmus, Tonhöhe und Lautstärke beeinflussen? Das untersucht das DFG-geförderte Projekt „Paralinguistische Stimmmerkmale in Ma

Nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts zählen Depressionen inzwischen zu den häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Statistisch betrachtet, erkrankt jeder Fünfte einmal im Leben an einer Depression – Frauen doppelt so häufig wie Männer.

Die sogenannte Major Depression gilt unter den depressiven Erkrankungen als schwerste Form. „Ihre Erklärung, Diagnostik, Vorhersage und Behandlung stellt nach wie vor zentrale Herausforderungen für die Gesundheitssysteme weltweit dar“, erklärt Matthias Berking von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Der Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie ist einer der drei Antragsteller der von der DFG 2019 bewilligten Sachbeihilfe „Paralinguistische Stimmmerkmale in Major Depression (ParaStiChaD)“. Die Paralinguistik erforscht  Intonationsmerkmale wie Sprechpausen, Sprachrhythmus, Tonhöhe und Lautstärke. In dem interdisziplinären Projekt arbeiten Forscherinnen  und Forscher der Klinischen Psychologie und der Informatik zusammen, um über optimierte Algorithmen Depressionen anhand paralinguistischer Stimmcharakteristika (PSC) möglichst gut zu erkennen, vorherzusagen und zu klären, inwieweit ein bestimmter Intonationsstil dazu beiträgt, die  Depression aufrechtzuerhalten.

„Aber wir wollen über Diagnose, Vorhersage und Erklärung hinaus einen Schritt weiter gehen und  Depressionsassoziierte PSC perspektivisch auch als Therapie einsetzen“, erklärt Berking. Denn: Sich  bewusst positive Sachen zu sagen, ist ein wichtiger Ansatzpunkt in der Depressionsbewältigung. „Wenn sich aber jemand mit leiser, monotoner und kraftloser Stimme einredet, dass er etwas schon schaffen wird, stellt er durch die Art und Weise der Aussprache die Botschaft infrage“, sagt Berking.  Dann wirkt der Satz nicht auf das Gefühl. Wird der Satz hingegen mit kraftvoller, deutlicher und  dynamischer Stimme ausgesprochen, sind die Chancen deutlich größer, dass sich damit auch ein Gefühl von Hoffnung und Optimismus auslösen lässt.“ Deswegen müssten Therapeuten mit ihren  Patienten nicht nur erarbeiten, was sie sich sagen, sondern auch wie.

ParaStiChaD will hierfür die wissenschaftliche Grundlage schaffen. Dazu sollen Sprachproben mithilfe von Maschinellem Lernen (ML) untersucht werden, um Intonationsunterschiede zwischen klinisch- depressiven und nicht depressiven Personen zu erkennen. In Kooperation mit Björn Schuller von der  Universität Augsburg – einem renommierten Experten im Bereich der Paralinguistik und Informatik – wollen die Forscher Algorithmen entwickeln, mit deren Hilfe depressionsrelevante Intonationsmuster, die wir gar nicht in Worte fassen können, identifiziert werden können. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten helfen, ein intonationsfokussiertes Feedbacktraining zu entwickeln, das Menschen mit Depressionen helfen soll, depressive Phasen zu bewältigen.

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