Das Digitale als Brückenbauer

„Beethoven in the House“

6. Oktober 2020 Musikleben des 19. Jahrhunderts

Was hätte Ludwig van Beethoven über Digital Humanities oder die musikalischen  Verbreitungsmöglichkeiten im 20. und 21. Jahrhundert wohl gedacht? Von Schallplatten und Musikkassetten über CDs bis hin zu Streamingdiensten, die binnen Minuten Musik weltweit zugänglich machen?

2020 feiert die Welt den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens. Und seine Musik ist aktueller denn je. Das spiegelt sich auch im Titel des DFG-geförderten Einzelvorhabens „Beethoven in the House – Digitale Studien zu Bearbeitungen für Hausmusik“ wide

Doch die Verbreitung der Werke zu Lebzeiten des musikalischen Revolutionärs, dessen 250. Geburtstag wir 2020 feiern, war viel mühseliger. Wer kam damals schon in den Genuss, Beethovens Sinfonien im Konzert zu erleben? Vor diesem Hintergrund regten Verleger an, Beethovens große  Orchesterbesetzungen für kammermusikalische Formationen als Klaviertrio, Klavierquartett und Streichquartett – oder als zwei- beziehungsweise vierhändige Klaviervariation – umzuschreiben. So  konnte sich sowohl der Adel als auch das musikalisch gebildete Bürgertum „Beethoven ins Haus“ holen und spielen.

„Beethoven in the House – Digitale Studien zu Bearbeitungen für Hausmusik“ heißt denn auch das  Einzelvorhaben, in dem deutsche und englische Wissenschaftler erstmals gemeinsam an Beethoven-Sammlungen aus beiden Ländern arbeiten und so ihre Methoden und Werkzeuge aus der digitalen  Musikwissenschaft zusammenführen. 2019 wurde es von der DFG bewilligt.

Auf deutscher Seite wird das Projekt federführend von Christine Siegert begleitet, die das  Beethoven-Haus in Bonn leitet. Sie richtet ihren Forschungsfokus auf die Ausgaben von Beethovens 7. und 8. Sinfonie sowie auf „Wellingtons Sieg“ durch den Wiener Verleger Sigmund Anton Steiner. „Die Veröffentlichung dieser drei Werke in einem Zuge war für damalige Zeiten eine  Ausnahmesituation“, erklärt die Musikwissenschaftlerin. Denn der Verleger kündigte an, jedes Werk in gleich vielen Ausgaben für verschiedene Besetzungen herauszugeben, ohne zu hierarchisieren: „Er bezeichnet alle  Bearbeitungen als verschiedene Ausprägungen eines einzigen Werkes. Das ist eine sehr pointierte Position, denn Steiner weicht damit die vorherrschende Meinung  auf, dass das Werk nur das ist, welches der Komponist geschrieben hat.“ Genau dieser breiter  gefasste Werkbegriff interessiert Siegert und ihre Kolleginnen und Kollegen: Was macht am Ende das  Werk in jener Zeit aus? „Da suchen wir nach einem nicht variablen Kern.“

In der zweiten Studie untersuchen die Forscherinnen und Forscher ein Korpus weniger bekannter  und oft nur schlecht katalogisierter Beethoven-Bearbeitungen, um typische Merkmale der damaligen  Musikindustrie zu identifizieren. „Daraus lässt sich beispielsweise schließen, was den Zeitgenossen aus musikalischer Sicht wichtig war“, sagt Siegert. Dabei setzen beide Studien Arrangements in Musikkodierungen um. Und digitale Analyseverfahren helfen, neue Erkenntnisse zu gewinnen und zu strukturieren. „Das Projekt versucht, die Praxis jener Zeit ins Zentrum zu rücken“, sagt Siegert. „Es  ist wie ein Kontinuum, von dem wir zwei Enden haben, um uns der Mitte zu nähern.“

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