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Keilschriftalgorithmen

6. Oktober 2020 Sumerische Keilschrift

Die sumerische Keilschrift gilt als älteste Schrift der Welt. Entwickelt wurde sie im späten 4. Jahrtausend v. Chr. zwischen Euphrat und Tigris im heutigen Süd-Irak. Kaum eine andere Art der Überlieferung hat eine derartige Erfolgsgeschichte vorzuweisen.

Die sumerische Keilschrift gilt als älteste Schrift der Welt. Bisher konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammenhängende Fragen zum sumerischen Schriftsystem und zu lokalen Gebräuchen nicht systematisch untersuchen. Ein neues DFG-Projek

Anfänglich ritzten Schreiber mit dünnen Griffeln aus Rohr einfache Bildsymbole in die Tontafeln, später folgten Urkunden und literarische Werke: Aus einer Bilderschrift hatte sich eine komplexe Silben-
und Lautschrift entwickelt. Die Schriftzeichen bezeichneten nicht nur Gegenstände, sondern auch
Tätigkeiten und als Phonogramme sogar Laute. Unzählige dieser Täfelchen haben sich bis heute erhalten und werden in zentralen Sammlungen wie der „Cuneiform Digital Library Initiative“ digitalisiert.

„Während die potenziell möglichen Bedeutungen, die einem Keilschriftzeichen zukommen können, meist gut erforscht sind, gibt es bis heute kaum zuverlässige Daten dazu, welche dieser Einsatzmöglichkeiten in einer bestimmten Periode, an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Kontext tatsächlich in Gebrauch waren“, erklärt Walther Sallaberger, Professor für Assyriologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Struktur in diese Vielfalt bringen
soll das von ihm geleitete Projekt „Die Schreibung des Sumerischen im dritten Jahrtausend v. Chr.: Eine rechnergestützte Analyse des Gebrauchs der phonographischen Keilschriftzeichen und seiner diachronen und regionalen Unterschiede“, das die DFG im Jahr 2019 als Sachbeihilfe bewilligt hat. Ein wichtiges Unterfangen, denn bisher konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammenhängende Fragen, wie sich das sumerische Schriftsystem entwickelt hat und was lokal in Gebrauch war, nicht systematisch untersuchen. „Das liegt an der Masse an Texten, die sich kaum abschätzen lässt. Nur ein Teil, etwa 100 000 Urkunden, ist publiziert“, erklärt Sallaberger.

Mit jedem neuen Fund tauchen zudem neue Fragen auf. Die Zeichen müssen zunächst richtig  identifiziert werden; die Lesungen und Interpretationen hängen wiederum vom jeweiligen Forschenden ab. „Eine globale Erfassung des Gebrauchs der sumerischen Schriftzeichen ist deshalb eine große Hilfe“, sagt Sallaberger, „um die Texte einheitlich zu erschließen und nachzuvollziehen, wie sich die sumerische Keilschrift entwickelt hat.“ Zu diesem Zweck sollen zunächst mithilfe eines Lernalgorithmus sämtliche Belege für phonographische Zeichen in einem umfangreichen Korpus  erfasste und klassifiziert werden.

„Diese Grundlagenforschung ist aber ohne digitale Analyseverfahren gar nicht möglich“, erklärt  Sallaberger. Die will Marc Endesfelder in seiner Dissertation entwickeln und anwenden. „Er ist in der Lage, Keilschrift zu lesen, und kann programmieren. Ohne diese Doppelbegabung wäre ein solches Projekt nicht zu bewältigen.“ Als Ergebnis werden die Textgrundlagen in einer Open-Access- Datenbank vorliegen, eine wichtige Voraussetzung für die Sammlung von Erfahrungswerten und die Weiterentwicklung computergestützter Analysemethoden in der Sumerologie.

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