Video-Interview mit Prof. Dr. Bénédicte Savoy

"Die Wissenschaft kann als Korrektiv wirksam werden" 

Forschung zu afrikanischer Kunst in europäischen Museen und Restitutionsfragen

Bénédicte Savoy forscht über Kunst- und Kulturgegenstände, die zu Kolonialzeiten auf verschiedenen, nicht immer gewaltfreien Wegen nach Europa gelangten. Bis heute sind sie im Besitz vieler Museen. Im Interview erklärte die Berliner Kunsthistorikerin, warum gerade für sie und ihre Forschung über das "geraubte Erbe" die Wissenschaftsfreiheit so wichtig ist. Und warum sie mit ihren Ergebnissen die gesellschaftliche Debatte befeuern will.

Frau Prof. Savoy, womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung – und warum halten Sie das Thema für wichtig?

Bénédicte Savoy: Ich beschäftige mich in meiner Forschung mit Kunstwerken aus Afrika, die in Zeiten, in denen die Machtverhältnisse zwischen Weltregionen unsymmetrisch waren, hin und her geschoben wurden. Entweder wurden sie gewaltsam entwendet oder bei armen Menschen gekauft. Und dieses Hin-und-Her von Kunstwerken – oftmals auch ohne Rückkehr – das ist es, was mich beschäftigt. Und es ist deswegen wichtig, weil genau diese Kunstwerke in unseren Museen zu sehen sind und wir in vielen Fällen vergessen haben, woher sie eigentlich kommen. Daran zu erinnern, scheint mir extrem wichtig.

Sie halten zu diesem "geraubten Erbe" inzwischen öffentliche Vorträge. Was erhoffen Sie sich davon?

Bénédicte Savoy: Meiner Meinung nach gehört es zu den Hauptaufgaben einer Wissenschaftlerin, die Ergebnisse der Forschung auch einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Und mit diesem Publikum zu diskutieren. Aus den Diskussionen ergibt sich oft eine Art Stimmungsbild darüber, was bekannt und was nicht bekannt ist. Und da es mir in meiner Arbeit sehr wichtig ist, Vergessenes wieder präsent zu machen, möchte ich im Austausch mit der Zivilgesellschaft, mit verschiedenen Gruppen und auch Schülern zu erproben, was angekommen ist. Und Fragen zu klären. Ich merke übrigens auch an der Universität, dass die jüngere Generation, die heutigen Studierenden, ganz andere Sachen wissen wollen, als die Studierenden vor zehn und vor 20 Jahren. Ich halte den Austausch darüber, was unsere Gegenwart ist und was unsere Verantwortung als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler für die Zukunft ist, für sehr wichtig.

Wie würden Sie folgenden Satz vervollständigen? "Freiheit und Wissenschaft gehören für mich zusammen, weil…"

Bénédicte Savoy: … ich sie gar nicht trennen kann. Freiheit ist eine Form von Wissenschaft, wenn man so will. Und Wissenschaft geht ohne Freiheit gar nicht. Also gehören sie zusammen, wie ein Auge zu dem anderen gehört. Und sie zu trennen macht auf einem Auge blind.

Können Sie näher erklären, was das für Sie persönlich in Ihrer Forschung bedeutet?

Bénédicte Savoy: Ich habe das Glück an der Universität über ein Thema forschen zu können, das in anderen Bereichen der Gesellschaft, beispielsweise in Museen oder in der Politik, nicht so frei gehandhabt werden kann. Wenn wir über Museumssammlungen sprechen, dann sind damit sehr viele Ängste verbunden, weil die Museen ihre Bestände möglicherweise nicht verlieren wollen. Und das große Glück, das wir in der Forschung – und gerade an der Universität – haben, ist die Freiheit. Und dass wir im Dienste der Wahrheit unterwegs sind. Und das gibt auch Mut zu wagen. Es kann auch Einiges kosten, aber das lohnt sich. Und deshalb ist die Wissenschaft auch als Korrektiv zu anderen Orten der Wissensgenerierung extrem wichtig.

Prof. Dr. Bénédicte Savoy

Prof. Dr. Bénédicte Savoy forscht und arbeitet an der TU Berlin. 2016 wurde sie mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis ausgezeichnet. Sie ist ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der Kunstgeschichte und Mitglied im Fachkollegium der DFG. Externer LinkMehr über Bénédicte Savoy

Was bedeutet für Ihren Forschungsbereich "Fortschritt"?

Bénédicte Savoy: In meinem Kontext ist Fortschritt: Das Sprechen über Tatsachen – über Tatbestände, die lange verschwiegen wurden, wie Familiengeheimnisse. In meinem Fall ist das die Geschichte der Wege von Objekten in unsere Museen. Geschichten, die Jahrzehnte eben nicht so gerne erzählt wurden, weil die Objekte in der Kolonialzeit, im kolonialen Kontext, weggenommen wurden. Möglicherweise auf einem Schlachtfeld oder unter Gewaltanwendung. Und für mich ist schon ein Fortschritt eingetreten. Nämlich dass wir – jedenfalls in Deutschland – frei und offen darüber sprechen. Die Befreiung des Wortes, das Lüften von Tabus, das Anfassen von Bereichen, die ansonsten im Dunkeln liegen, das ist wichtig. Und es macht uns als Gesellschaft stärker. Denn wenn wir ganz viele Geheimnisse, historische Geheimnisse, mit uns herumtragen, dann entsteht ein Unbehagen. Und dieses Unbehagen ist eine große Schwäche. Darüber zu sprechen, und darüber hinaus Unrecht wieder gut zu machen, das sind für mich große Angelegenheiten.

Welcher Aspekt hat Sie während Ihrer Forschung zum Staunen gebracht?

Bénédicte Savoy: Ich staune seit einem halben Jahr enorm über die Tatsache, dass die Debatte über die Restitution von Kulturgütern, die wir als "neue" und "unsere" Debatte erachten, dass es sie schon einmal komplett gegeben hat. Und zwar in den 70er Jahren. Als ich ein kleines Kind war, hat es die Debatte über zehn Jahre bereits gegeben – nicht nur in Fachkreisen. In Deutschland wurde im Fernsehen darüber berichtet, im Rundfunk, in der Presse. Als ich das erkannt habe, war ich ziemlich baff. Die große Frage, die sich daraus ergibt, ist: Warum haben wir das vergessen? Warum haben wir – 40 Jahre später – komplett vergessen, dass es diese Debatte schon gab. Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR; aber auch in Frankreich, in Großbritannien, in Belgien et cetera. Wer, welche Institutionen, welche Dynamiken haben dafür gesorgt, dass man so lange nicht mehr darüber gesprochen hat? Das interessiert mich jetzt, und das ist der Gegenstand meiner aktuellen Forschung.

Hintergrund

Der Raub von Kultur- und Kunstobjekten ist seit jeher Teil der Kulturgeschichte. Von der Antike bis in die Neuzeit gibt es zahlreiche Beispiele dafür, wie Kulturgüter durch gewaltsame Aneignung zur Beute wurden.

Als im späten 19. Jahrhundert die große europäische Kolonialisierung in Afrika begann, setzte im Westen auch die Zeit der Universalmuseen ein. Neue Technologien wie die Eisenbahn und die Dampfschifffahrt ermöglichten zeitgleich den massenhaften Transport von Gütern aller Art, auch von Kulturgütern. Im Rahmen von militärischen Expeditionen, wissenschaftlichen Kampagnen und missionarischen Projekten wurden in Afrika große Mengen an Gegenständen gesammelt, die in den Museen Europas, in Privatsammlungen und im Kunsthandel landeten. Es wird vermutet, dass heute über 90 Prozent des Kulturerbes von Subsahara-Afrika in westlichen Museen liegt.

Wer waren die Akteure dieses massiven und oft gut dokumentierten Kulturraubes und welche Folgen hat er bis heute für die Herkunftsländer? Darüber sprach die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in ihrem Vortrag am 23. Oktober 2019 im Paulinum in Leipzig.

Interner LinkGanzer exkurs-Vortrag von Bénedicte Savoy "Geraubtes Erbe"