Afrika im Fokus

Wer spricht Namdeutsch?

5. September 2018 Deutsch in Namibia

Mit einer Facette der Vergangenheit und Gegenwart Afrikas befassen sich auch die Germanisten Horst Simon von der Freien Universität Berlin und Heike Wiese von der Universität Potsdam: Sie erforschen das Deutsche in der deutschsprachigen Sprechergemeinschaft in Namibia.

Straßenschild in Namibia

„Dies ist eine besondere Situation", betont Simon. „In Namibia lässt sich linguistisch erforschen, wie sich Deutsch in einem Kontext breiter gesellschaftlicher Mehrsprachigkeit weitab vom mitteleuropäischen Umfeld entwickelt hat."Tatsächlich bildet Namibia aus germanistischer Sicht eine Ausnahme: Handelt es sich bei den im nicht deutschsprachigen Ausland lebenden Sprechergemeinschaften doch zumeist um geografisch nahe beieinander lebende, schrumpfende Gruppen mit einem aussterbenden Dialekt. Eine solche Sprachinsel gibt es in Namibia nicht. Die deutschsprachige Gemeinschaft lebt über das ganze Land verstreut. Zudem sind hier sowohl eine formellere, standardnähere Variante des Deutschen als auch ein umgangssprachliches, Namibia-spezifisches Deutsch gebräuchlich.

Beides wird aktiv im Alltag von den Nachfahren der Einwohnerinnen und Einwohner der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika gesprochen, die bis 1915 bestand. Es gibt noch etwa 20 000 Sprecherinnen und Sprecher, was circa 1 Prozent der Bevölkerung von Namibia entspricht. Darüber hinaus wandern auch heute noch Muttersprachlerinnen und Muttersprachler aus Deutschland nach Namibia aus. „Alle Sprecherinnen und Sprecher sind mehrsprachig und sprechen neben dem Deutschen mindestens noch Afrikaans und Englisch, zum Teil auch noch weitere Sprachen", erläutert Simon. Dies sei eine komplexe Gemengelage.

Simon und Wiese beschäftigen sich mit jenen Sprecherinnen und Sprechern, deren Vorfahren seit Generationen in Namibia leben und die sowohl Standarddeutsch als auch Namdeutsch beherrschen. Es geht um die wissenschaftliche Analyse der Sprache, aber auch grundsätzlich um eine Bestandsaufnahme. Im Rahmen des DFG-geförderten Projekts „Namdeutsch: Die Dynamik des Deutschen im mehrsprachigen Kontext Namibias" beobachteten Simon und Wiese knapp 200 Personen bei alltäglichen Unterhaltungen und interviewten sie zu ihrer Sprachbiografie beziehungsweise ihrer Einstellung gegenüber der Sprache. Als dritte Komponente zeigten sie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Studie Fotos von einem (gestellten) Unfall, von dem sie anderen berichten sollten, und zwar mündlich, schriftlich sowie an verschiedene Adressatinnen und Adressaten gerichtet.

Außerdem haben Simon und Wiese ein Korpus mit namdeutschen Varianten der sogenannten Wenker-Sätze erstellt. Hierbei handelt es sich um eine Reihe von Sätzen, mit denen bestimmte grammatische und lexikalische Konstruktionen abgefragt werden können – von Georg Wenker bereits im 19. Jahrhundert entwickelt und mittlerweile ein Klassiker der Dialektforschung. „Wir haben die Wenker-Sätze von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Namibia in ihre Umgangssprache dort übertragen lassen", erklärt Wiese.

Bei ihrer Forschung arbeiten Simon und Wiese eng mit Marianne Zappen-Thomson von der University of Namibia zusammen. Durch die große Streuung der deutschen Sprechergemeinschaft müssen sie das ganze Land durchqueren. 2017 führten sie unter anderem eine Erhebung auf Farmen durch. „Dort haben wir den Leuten freigestellt, worüber sie sich unterhalten. Wir haben sie gefragt, was sie heute sowieso besprechen wollten. Dadurch konnten wir sie in einer ganz natürlichen Gesprächssituation erfassen", erläutert Heike Wiese.

„Im Vergleich zu anderen Sprach­inseln ist das Deutsche in Namibia sehr vital", stellt Simon fest. „Die Sprecherinnen und Sprecher sind zum Teil weit verstreut, doch gut vernetzt und sehr am Erhalt des Deutschen interessiert. Es gibt deutschsprachige Zeitungen und deutschsprachiges Radio. Die Sprache kommt in formellen und informellen Kontexten vor", so Wiese. Das sei etwas Besonderes.

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