Afrika im Fokus

Mode als Spiegel

5. September 2018 Modetheorie

Wer sich mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen in afrikanischen Metropolen beschäftigen will, sollte einen Blick auf die dortige Mode werfen. Das ist die zentrale These von Kerstin Pinther von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, deren 2017 gestartetes Projekt „Mode & Styles in afrikanischen Städten.

Entwürfe von Shade Thomas Fahms in den 1960er Jahren

Fallbeispiele aus Douala und Lagos" an der Schnittstelle von Kunstgeschichte, Kunstethnologie und „Fashion and Textile Studies" angesiedelt ist. Mode berührt hier Wissenschaft – ebenso wie Technologie, Kunst und Handwerk.„Aus Europa und Asien kennen wir Paris, London, Tokio", erklärt die Kunstgeschichtlerin. „Mit dem afrikanischen Kontinent bringt man das Thema Mode nicht in Verbindung. Tatsächlich spielt Mode in Städten wie Johannesburg, Lagos oder Douala aber eine große Rolle!" Pinther versteht Mode nicht als äußerliches Phänomen, sondern als etwas, „das soziale Prozesse ebenso wie Bereiche zeitgenössischer Kultur aufgreift, verarbeitet und reflektiert. Deshalb bringen wir Modetheorie und Stadttheorie zusammen." Dabei geht es Pinther um Produktionsbedingungen ebenso wie um die Visualität der Städte, die urbane Infrastruktur und deren Effekt auf das Modegeschehen – und umgekehrt.

Pinther und ihre beiden Kooperations­partner Basile Ndjio von der University of Douala (Kamerun) und Frank Agbiyoa Omoh Ugiomoh von der University of Port Harcourt (Nigeria) möchten herausfinden, wie Modemetropolen entstehen, aber auch, wie Modemacher und Designer politische Verhältnisse reflektieren oder gesellschaftliche Transformation begleiten oder mit initiieren. Ein weiteres Thema sind die globalen „Migrationen" von Stilen, etwa über Verbindungen zwischen Dakar, Douala und Paris oder Lagos, London und New York. High und Street Fashion sind dabei gleichermaßen Gegenstand, ebenso wie die Mode der Vergangenheit.

2017 waren die involvierten Forscher­innen und Forscher erstmals in Lagos und Dakar, haben Desi­gnerinnen und Designer besucht und Interviews geführt. Darunter war auch Folashade Thomas-Fahm, die erste Modedesignerin Nigerias, die in London studiert hat und Anfang der 1960er-Jahre kurz nach der Unabhängigkeit des Landes in ihre Heimat zurückkehrt ist. „Sie hat dezidiert mit lokalen Textilien gearbeitet und eine lokale Modeindustrie begründet", berichtet Pinther.

Heute ist die lokale Modeindustrie vielfältig. „In Lagos existiert eine internationale, vielleicht sogar afropolitane Szene von Designerinnen, die in Europa ausgebildet wurden und in dem Wunsch, in ihrer Heimat etwas aufzubauen, Zeitgenössisches mit traditionellen Stilen und Techniken verbinden", zieht Pinther ein erstes Fazit. Was sich zeige, sei die Notwendigkeit, auch in Deutschland eine kunsthistorische Kompetenz aufzubauen, die Afrika in den Fokus nehme.

Weitere Informationen