Afrika im Fokus

Wie Stadtteile entstehen

5. September 2018 Stadtplanung

Nicht nur die lang zurückreichende Kulturgeschichte Afrikas, auch die urbane Gegenwart des Kontinents ist von hohem Forschungsinteresse, namentlich die afrikanischen Metropolen, deren Erscheinungsbild sich im Spannungsfeld von Stadtplanung, Immobilienentwicklung und spontaner Besiedlung zum Teil rasant verändert.

Die hölzernen Fähren (frz. pinasses) gehören für viele Abidjanais zum Alltag.

Diese urbane Gegenwart untersucht auch das DFG-Projekt „Waterfront Metropolis Abidjan", das Ende 2017 eingerichtet wurde. Es befasst sich mit den Stadtvierteln der Hauptstadt der Elfenbeinküste, die unmittelbar an der Ébrié-Lagune liegen. Ausgehend von der Frage, wie eine nachhaltige Stadt aussehen müsse, die für alle zugänglich, umweltfreundlich und fair ist, wurde die Metropole Abidjan mit ihren mehr als 4 Millionen Einwohnern als Untersuchungsgegenstand gewählt.„Es handelt sich dabei um eine ethnologische Stadtforschung", erläutert Projektleiterin Irit Eguavoen von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Die Aufgabe der öffentlichen Hand, urbane Infrastrukturen zur Verfügung zu stellen, funktioniere in Afrika nicht immer überall gut. „Dort drängen private Investoren, zunehmend auch aus dem Ausland, auf den Markt, um gewachsene Stadtstrukturen komplett zu überarbeiten, große Wohngebiete neu zu planen, zu bauen und zu vermarkten." Darüber hinaus entstünden Satellitenstädte für die Mittelschicht.

Aber die Metropolen wachsen auch ganz ohne Stadtplanung. „In Abidjan befinden sich viele spontane Siedlungen und informelle Gewerbegebiete in den zahlreichen Uferbereichen der Lagune und sind damit eine alltägliche Urbanität", sagt Eguavoen. „Diese informellen Viertel stehen häufig in Konflikt mit städtebaulichen Modernisierungsvorhaben, die den Raum ökonomisch aufwerten sollen. Die Bewohnerinnen und Bewohner eignen sich überall in der Stadt öffentlichen Raum an, den sich die Stadtverwaltung gewaltsam zurückholt, um die öffentliche Ordnung und staatliche Kontrolle wiederherzustellen. Außerdem wird argumentiert, dass man bestimmte Gebiete zum Schutz vor Umweltrisiken räumen müsse."

Spontan entstandene Stadtteile inter­essieren Eguavoen besonders. Aus welchen Gründen sind die Menschen dorthin gezogen? Wie haben sie hier eine Infrastruktur etabliert? Wie funktioniert der lokale, informelle Immobilienmarkt? Und wie gestalten Bewohner dort urbanes Leben? Das Projekt hat eine zentrale Halbinsel identifiziert, auf der nach der Räumung anderer Viertel vor neun Jahren spontan eine Siedlung entstanden ist. Im Rahmen ihrer Forschung möchte Eguavoen in einem ersten Schritt dokumentieren, um was für eine Siedlung es sich dabei handelt. „Ich werde mich besonders auf die Bewohner, ihre Wohnsituation und ihre Erfahrungen konzentrieren. Das Thema Vertreibungen ist dort noch immer sehr relevant."

Zur Erstellung der Ethnografie setzt Eguavoen verschiedene Methoden ein: einen ethnografischen Zensus sowie Fotodokumentationen, aber auch biografische Interviews und Medienanalysen. Dabei ist ihr die Zusammenarbeit mit zwei Forschern vor Ort besonders wichtig, die Fern­erkundungsdaten analysieren und das Thema Transport bearbeiten. „Obwohl es gerade erst begonnen hat, zieht das Projekt bereits jetzt große Aufmerksamkeit auf sich", sagt Eguavoen. „Kollegen aus Abidjan, Geografen und Stadtplaner, möchten gern mitmachen. Ihre Sicht und Expertise sind eine große Bereicherung."

Weitere Informationen