Gedenken und Informieren

"Die Arbeit ist noch nicht zu Ende!"

26. September 2014 Interview

Interview mit dem Projektleiter des Erkenntnistransferprojekts "Erinnern heißt gedenken und informieren", PD Dr. Gerrit Hohendorf, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München

Gerrit Hohendorf erklärt den Ehrengästen der Übergabe am 2. September 2014 die Ausstellung

Herr Hohendorf, Sie sind Projektleiter des Erkenntnistransferprojekts „Erinnern heißt gedenken und informieren“ und waren das auch für das Vorgängerprojekt zur Erschließung und Auswertung des Krankenaktenbestandes der Aktion T4. Am 2. September 2014 wurde der Gedenk- und Informationsort an der Berliner Philharmonie der Öffentlichkeit übergeben. Wie fühlen Sie sich?

Zunächst einmal ist es nach den Schwierigkeiten, die bei der Realisierung des Gedenk- und Informationsortes überwunden werden mussten, ein kleines Wunder, dass nun die blaue Glaswand, die Informationspulte und die Medienstationen wirklich da sind, und alles funktioniert, keine wesentlichen Fehler aufgetreten sind. Besonders freut mich, dass der Ort auch nach der Eröffnung – als historische Ausstellung und als Gedenkort – von den Menschen, die vorbei kommen, so gut angenommen wird. Insbesondere wenn der Ort in der Dämmerung und bei Nacht beleuchtet ist, wirkt das ganze schon sehr eindrucksvoll. Wir können sehr zufrieden sein, dass wir mit unserem Team, mit den beteiligten Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“, dem Land Berlin, der Architektin Frau Wilms so gut zusammenarbeiten konnten und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Betreuung des Projektes so tatkräftig unterstützt wurden. Dem Team Christof Beyer, Petra Fuchs, Annette Hinz-Wessels, Jens Thiel und Maike Rotzoll möchte ich für die ausgezeichnete und konstruktive Zusammenarbeit ganz besonders danken. Danken möchte ich auch den Übersetzerinnen und Prüferinnen der leichten Sprache, nicht nur im Katalog sondern auch auf den Ausstellungstafeln. Ohne den guten Willen, das Durchhaltevermögen, die Kompromissbereitschaft und die gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten wären wir nicht da, wo wir mit der Eröffnung des Gedenk- und Informationsortes für eine lange vergessene Gruppe von Opfern des Nationalsozialismus an einem zentralen Ort in Berlin heute stehen.

Entspricht das Mahnmal Ihren Vorstellungen oder gibt es Ideen, die nicht umgesetzt werden konnten?

Die blaue Glaswand und das 30 Meter lange Informationspult waren uns, nachdem der Gestaltungswettbewerb des Landes Berlin entschieden worden ist, vorgegeben. Als ich die blaue Glaswand zum ersten Mal in der Realität gesehen habe, hatte ich den Eindruck, dass sie vielfältige Möglichkeiten der Spiegelung und des Hindurchsehens bietet, so kann jeder Besucher, jede Besucherin seine/ihre eigene Form der Auseinandersetzung dem grausamen Geschehen finden. Und die Glaswand verweist auf die Informationspulte, auf die Lebensgeschichten der Opfer an einem Ort der Täter.

Die Anordnung der Information in einer langen Reihe stellte für uns die größte Herausforderung dar. Für uns ist es wichtig, dass der Besucher, die Besucherin an jedem Kapitel und jedem Bild einsteigen kann und etwas mitnimmt, auch wenn er nicht die Gelegenheit hat, die Ausstellung konsequent von rechts nach links zu lesen. Vielleicht hätten wir uns gewünscht, dass authentische Täterort Tiergartenstraße 4 noch etwas stärker hätte hervorgehoben werden können, aber nun sollen die Besucherinnen entscheiden, ob sie mit dem, was wir an kurzen Texten und Abbildungen ausgewählt haben, etwas anfangen können.

Interessierte Besucherinnen und Besucher vertiefen sich in die Ausstellung auf 30 Metern Länge

Basis für die Freiluftausstellung war die Aufarbeitung der Akten der Aktion T4 der Nationalsozialisten. Wie geht eine solche Auswertung vor sich und wer trug mit welcher Expertise dazu bei?

Maike Rotzoll hat zunächst eine Vorstudie durchgeführt, welche Informationen überhaupt aus den 30.0000 Krankenakten der Opfer der zentral organisierten Gasmordaktion T4 entnommen werden können. Daraus ist ein Auswertungschema mit etwa 90 Variablen entstanden und wir haben eine Vergleichsstichprobe erhoben von Patienten, die Selektion im Rahmen der „Aktion T4“ überlebt haben. Dann konnten wir vergleichen, was unterscheidet die Gruppe der Opfer von der Gruppe der Überlebenden und welches waren die tatsächlich wirksamen Selektionskriterien. Einzelne Geschichten der Opfer haben uns sehr berührt, deshalb haben wir zuerst ein Buch mit 23 Lebensgeschichten der Opfer geschrieben, dann folgte die Auswertung der Stichprobe von 3.000 T4-Opfern vergleichen mit den Überlebenden.

Als Sie hörten, dass diese Akten aufgetaucht sind – wie verlief der Weg von der Idee zum Projekt?

Volker Roelcke und ich haben den Aktenbestand der Opfer der „Aktion T4“ 1993 zum ersten Mal wissenschaftlich beschrieben, von dort war es ein langer Weg, die Akten zu erhalten, zu konservieren, sie für die wissenschaftliche Forschung nutzbar zu machen bis hin zu unserem Projekt, das Bundesarchiv hat uns damals außerordentlich unterstützt.

Was sind die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem Projekt?

Wir konnten zeigen, dass die Opfer wirklich aus allen Schichten der Bevölkerung stammten, dass nicht etwa die Erblichkeit oder die soziale Auffälligkeit der Patienten vor der Anstaltsaufnahme sondern die fehlende produktive Arbeitsleistung in der Anstalt, störendes Verhalten, der Pflegeaufwand und die Länge des Anstaltsaufenthalts die Kriterien waren, anhand derer die psychiatrischen „Gutachter“ über Leben und Tod entschieden.

Das Informationspult mit den Medienstationen

Das Erkenntnistransferprojekt hat die Vermittlung der wissenschaftlichen Ergebnisse in den Fokus gerückt. Was waren daran die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung war die Konzentration der komplexen historischen Information auf das Wesentliche, die Auswahl dessen, was man in einem sehr begrenzten Raum zeigen kann und die Konzentration, Präzision und Einfachheit der Sprache. Wir haben den Schwerpunkt auf die Organisationszentrale der „Euthanasie“-Aktion und die „Aktion T4“ gelegt, ohne die anderen Mordaktionen des „Euthanasie“-Programms auszuklammern.

Anders als bei dem Vorgängerprojekt kamen bei der Gestaltung des Gedenkortes vielerlei Interessen zusammen: Wissenschaftliche, künstlerische, kommunale, die des Runden Tisches und der daran beteiligten Bürgerinnen und Bürger sowie der Öffentlichkeit und der speziellen Zielgruppen von Menschen mit Behinderungen. Wie weit ist ein solches Transferprojekt vom „Elfenbeinturm“ Universität entfernt? Was hat Sie bei der Zusammenarbeit mit den beteiligten Gruppen besonders beeindruckt oder überrascht?

Eine besondere Erfahrung für uns ist die leichte Sprache: sie war für uns nicht nur eine Pflichtübung für die Herstellung von Barrierefreiheit sondern vielmehr eine Bereicherung der Ausstellung, sie bringt die Dinge wirklich auf den Punkt. Das hat unsere Arbeit und die Auseinandersetzung mit dem Thema wirklich bereichert.

Ein solches Thema im öffentlichen Raum präsentieren zu können ist eine Herausforderung und ein Wagniszugleich und wir werden sehen, was daraus wird, in jedem Falle ist es gut, dass ein in der Erinnerungskultur unseres Landes häufig vernachlässigter Verbrechenskomplex der NS-Herrschaft an einem so prominenten Ort nun erinnert wird. Vielleicht kann der Ort auch zur Entstigmatisierung der Opfergruppe der psychisch kranken und geistig behinderten Menschen beitragen. Vielleicht ist auch ein Zeichen von Inklusion, zumindest in der Kultur der Erinnerung und des Gedenkens.

Mit der Übergabe des Gedenk- und Informationsortes ist das Transferprojekt abgeschlossen. Welche wissenschaftlichen Fragestellungen nehmen Sie sich jetzt vor?

Die Arbeit am Gedenk- und Informationsort geht weiter, es steht noch der Katalog in deutscher und englischer Sprache an und die Gestaltung des vertiefenden online-Angebotes, und der Ort braucht vielleicht auch die Möglichkeit, weitere Informationen zu erhalten, begleitende Führungen, die Arbeit ist also noch nicht zu Ende…