Geistes- und Sozialwissenschaften

Gedenken und Informieren

2. September 2014 Nationalsozialismus

Am 2. September 2014 war es soweit – „endlich“ würden viele Beteiligte sagen: Der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde an der Philharmonie in Berlin-Mitte wurde der Öffentlichkeit übergeben. Das Mahnmal erinnert an die mehr als 300.000 Opfer der systematischen Morde an psychisch kranken und geistig behinderten Menschen im Nationalsozialismus.

Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde

Es steht an dem Ort, wo diese Morde „an sogenanntem ‚lebensunwerten Leben‘ geplant, verwaltet und angeordnet“ wurden, wie die Staatsministerin für Kultur und Medien Professor Monika Grütters es in ihrer Rede formulierte. Die damals dort stehende und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten enteignete Villa der Familie Liebermann in der Tiergartenstraße 4 wurde zur Organisationszentrale der Vernichtung von Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen. Etwa 70.000 Anstaltspatienten sind in den Jahren 1940 und 1941 in sechs eigens eingerichteten Tötungsanstalten mit Kohlenmonoxidgas ermordet worden. Diese von der Tiergartenstraße 4 aus organisierte „Euthanasie“-Aktion wird auch als „Aktion T4“ bezeichnet. Die von Ärzten und Pflegepersonal in den einzelnen Heil- und Pflegeanstalten dezentral durchgeführten Tötungen mit überdosierten Medikamenten und Verhungernlassen gingen jedoch bis 1945 weiter.

Die Geschichten der Opfer spielen an dem Gedenkort eine zentrale Rolle. Denn oftmals verschwanden sie nicht nur aus dem kollektiven Gedächtnis, sondern auch aus dem ihrer Familien. Sigrid Falkenstein, die das bürgerschaftliche Engagement für den Gedenk- und Informationsort entscheidend mit vorangetrieben hat, erinnerte in ihrer Rede an ihre Tante Anna Lehnkering, aber auch an „viele namenlose Opfer“, die aus Scham verschwiegen wurden und werden. Dr. Hartmut Traub erzählte die berührende Geschichte der letzten Lebenstage seines Onkels Benjamin, ehe dieser in Hadamar mit Kohlenmonoxid vergiftet und seine Leiche dann verbrannt wurde. Grütters zitierte aus einem offiziellen Brief aus dem März 1945, der den Tod von Marianne Schönfelder als „Erlösung von hoffnungslosem Dasein“ bezeichnete; der Tod sei eine „Fügung, für die die Angehörigen dankbar sein dürfen“. Nach einem Foto als Vorlage schuf der Künstler Gerhard Richter später das Ölbild „Tante Marianne“ im Gedenken an die Ermordete. Grütters nannte auch Elisabeth, die mit 21 Jahren in einem Vermerk als „praktisch für nichts zu gebrauchen" und als eine „völlig unbrauchbare Ruine“ bezeichnet und in der Folge ermordet wurde. Der Regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit griff seinerseits das Schicksal von Marie Beuster auf, bei der eine Schizophrenie diagnostiziert wurde, und die 1943 mit einer Überdosis Medikamenten ermordet wurde. Aller Opfer gedachten die zahlreichen Gäste des Festakts im Foyer der Philharmonie schweigend.

Die Ausstellung

Doch nicht nur das Gedenken, auch die Information ist ein wichtiges Anliegen des Mahnmals. So hat das DFG-geförderte Erkenntnistransferprojekt „Erinnern heißt gedenken und informieren: Die nationalsozialistische Euthanasie und der historische Ort Berliner Tiergartenstraße 4“ die auf einem 30 Meter langen Pult platzierte Ausstellung und die Medienstationen in Kooperation mit den Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“ konzipiert. Wowereit dankte dem Münchener Historiker-Team um PD Dr. Gerrit Hohendorf vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Technischen Universität München und PD Dr. Maike Rotzoll von der Universität Heidelberg. Eineinhalb Jahre arbeiteten sie zusammen mit Dr. Annette Hinz-Wessels, Dr. Christof Beyer, Dr. Jens Thiel und Dr. Petra Fuchs in dem von der DFG mit rund 300.000 Euro geförderten Projekt an den historischen Inhalten der Ausstellung. Dabei haben sie Angehörige von Opfern, Historiker, Gedenkstättenvertreter und Betroffeneninitiativen mit einbezogen. Basis für die Informationen war das Vorgängerprojekt, das über zwei Jahre lang 3000 Krankenakten von Opfern der „Euthanasie“-Morde historisch aufgearbeitet hat. DFG-Vizepräsident Professor Peter Funke erinnerte in seiner Rede an das Auftauchen der Akten der „Aktion T4“ zu Beginn der 1990er Jahre im Bestand des Zentralarchivs des Ministeriums für Staatsicherheit. Damals förderte die DFG die Erschließung der Akten und erste exemplarische Auswertungen sowie deren Publikation.

Das Ergebnis der Arbeit der Projektgruppe ist eine Ausstellung, die unter freiem Himmel nicht nur für Menschen mit körperlichen Behinderungen barrierefrei zur Verfügung steht. Das Material liegt in deutscher wie englischer und eben auch in leichter Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten vor. Hinzu kommen Angebote für Menschen mit Hör- und Sehbehinderungen sowie vertiefendes Video- und Audio-Material in den Medienstationen. Auch der Festakt zur Übergabe des Gedenk- und Informationsortes an die Öffentlichkeit wurde komplett in Gebärdensprache gedolmetscht. Sigrid Falkenstein hielt außerdem den ersten Teil ihrer Rede, in dem es um ihre Tante Anna ging, in leichter Sprache.

Gedenken am Mahnmal: Vorn der regierende Bürgermeister Wowereit und Professor Grütters

Die Entstehungsgeschichte des Gedenk- und Informationsortes ist lang, wie Grütters, Wowereit und Funke in ihren Reden noch einmal nachvollzogen. Erst seit den 1980er Jahren wuchs das Bedürfnis, die Geschichte der „Euthanasie“-Opfer aufzuarbeiten und sich der Opfer zu erinnern. Wowereit beschrieb den Widerstand in der Gesellschaft, die „die Täter zunächst in Schutz nahm“. Historiker betraten damals mit der Aufarbeitung Neuland und hatten oftmals mächtige Gegner. Funke dankte in diesem Kontext dem Historiker Götz Aly, dem Journalisten Ernst Klee für seine aufrüttelnden Publikationen sowie Hans-Walther Schmuhl, aber auch dem Arbeitskreis zur Erforschung der nationalsozialistischen Euthanasie und der Zwangssterilisation, in dem sich seit 1983 viele Menschen engagieren.

Das erste sichtbare Ergebnis der Bemühungen eines bürgerschaftlichen Engagements war eine 1989 am Ort der Tiergartenstraße 4 eingelassene, jedoch recht unscheinbare Platte. Außerdem wurde die Skulptur von Richard Serra dort den Opfern gewidmet. 2007 wurden Bürgerinnen und Bürger aktiv und richteten einen Runden Tisch ein, um die Situation an der Tiergartenstraße 4 zu verändern. 2008 gab es das temporäre Denkmal der „grauen Busse“ der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz vor der Philharmonie. Der Gedenk- und Informationsort umfasst nun eine blaue Glaswand und ein 30 Meter langes Informationspult mit den Medienstationen. Der Entwurf des Berliner Teams mit der Architektin Ursula Wilms und den Landschaftsgestaltern Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hallmann hatte sich in einem Gestaltungswettbewerb des Landes Berlin durchgesetzt, auf grund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages vom November 2011 förderte der Bund das Mahnmal mit 620.000 Euro. Das Land Berlin stellte das Grundstück zur Verfügung und finanzierte die Umgestaltung des Geländes.

Der DFG ist die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus schon lange ein Anliegen. Funke wies in seiner Rede daraufhin, dass die DFG sich ihrer Geschichte im Dritten Reich sehr bewusst sei: „Die DFG wurde 1920 als Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft gegründet. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ist die DFG nicht etwa gleichgeschaltet worden, sie hat sich vielmehr, wie weite Teile der deutschen Wissenschaft, selbst für die Ziele des NS-Staates mobilisiert und sie hat dabei auch Forschungen gefördert, die jeder Ethik und allen Regeln der Menschlichkeit zuwiderliefen.“ Diese Geschichte habe die DFG in einem umfangreichen Forschungsvorhaben aufarbeiten lassen und sehe es als eine ihrer Aufgaben an, Forschungen zur Zeit des Nationalsozialismus nicht nur zu unterstützen, sondern auch für eine breite Vermittlung der Forschungsresultate Sorge zu tragen – wie es der Gedenk- und Informationsort vorbildlich tut.

Historisches Bild zur Aktion T4

Interview

mit dem Projektleiter Gerrit Hohendorf anlässlich der Übergabe des Gedenk- und Informationsortes

Dossier: Erkenntnistransfer

Wie können Erkenntnisse aus der Wissenschaft für die Wirtschaft oder Gesellschaft nutzbar gemacht werden? Das Dossier stellt Projekte vor, die einen solchen „Erkenntnistransfer“ zum Ziel haben – auf ganz unterschiedliche Weise.