Geistes- und Sozialwissenschaft

Erinnern heißt gedenken und informieren

8. Juli 2013 Nationalsozialismus

Tiergartenstraße 4, Berlin: Dieser Ort gab als Kürzel der sogenannten „Aktion T4“ den Namen. Dort lag die Koordinierungsstelle, die während des Nationalsozialismus‘ den Mord an kranken und behinderten Menschen organisierte. Allein während die Zentrale von April 1940 bis August 1941 formal existierte, kamen über 70.000 Menschen in Kohlenmonoxyd-Gaskammern in sechs eigens dafür eingerichteten Tötungsanstalten zu Tode.

Der geplante Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen

Die T4-Zentrale und ihre Tarnorganisationen setzten ihre Tätigkeit auch nach der Unterbrechung der „Aktion T4“ fort. Die Meldebogenerfassung ging weiter und die T4 bemühte sich um eine Wiederaufnahme der „Aktion“, unterstützte auch die Krankentötungen durch Medikamente. Insgesamt wird die Zahl der Opfer der „Euthanasie“-Morde auf 300.000 beziffert. Die Tiergartenstraße 4 ist aber auch der Ort, an dem ab dem 8. Juli 2013 ein Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde entsteht. Nach der für 2014 geplanten Eröffnung finden Besucherinnen und Besucher dort auch die Ergebnisse des DFG-geförderten Projekts "Wissenschaftliche Auswertung der Krankenakten der Opfer der 'Aktion T4'" umgesetzt in dem Erkenntnistransferprojekt "Erinnern heißt gedenken und informieren: Die nationalsozialistische Euthanasie und der historische Ort Berliner Tiergartenstraße 4".

Bislang erinnert nur eine Stahlplatte im Boden zwischen Tiergarten und Philharmonie an die Opfer. "Unscheinbar und verschmutzt" war sie bei ihrem ersten Besuch 2006, erinnerte sich Sigrid Falkenstein beim Bauauftakt am 8. Juli. Sie wollte fortan dieses "weitere Symbol des Vergessens" zu einem adäquaten Ort des Gedenkens machen. Falkenstein ist selbst Teil einer von der „Euthanasie“ der Nazis betroffenen Familie und veröffentlichte 2012 das Buch "Annas Spuren" über ihre geistig behinderte Tante Anna Lehnkering, die 1940 den "Gnadentod" starb. Auf ihr Engagement hin kam ein Runder Tisch mit den Stiftungen "Topographie des Terrors" und "Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas" zustande. Falkenstein ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden: „ Der Denkmalentwurf hat kein falsches Pathos und er stellt barrierefrei und mit moderner Technik die Informationen bereit.“ Sie dankte der DFG, die Aufarbeitung von Krankenakten und anderen Dokumenten ermöglicht zu haben. Für die DFG war Vizepräsident Professor Ferdi Schüth beim Bauauftakt zugegen.

Rede von Sigrid Falkenstein

Das Projekt "Wissenschaftliche Auswertung der Krankenakten der Opfer der 'Aktion T4'" an der Technischen Universität München wurde von 2002 bis 2006 von der DFG, der Boehringer Ingelheim-Stiftung und der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg gefördert. Das Team um Dr. Gerrit Hohendorf, das Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Institutionen, darunter Dr. Annette Hinz-Wessels, Dr. Christof Beyer (im Transfer-Projekt), Dr. Maike Rotzoll und Dr. Petra Fuchs, zusammen brachte, arbeitete bisher unbekannte Dokumente aus der NS-Zeit auf. Diese wurden Anfang der 90er Jahre im ehemaligen Zentralarchiv des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gefunden. Unter anderem fanden sich etwa 30.000 verschollen geglaubte Krankenakten von Patientinnen und Patienten, die in den Jahren 1940/41 der ersten zentral organisierten Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus, der sogenannten „Aktion T4“, zum Opfer fielen. Neben einer Analyse, welche Gruppen von Patienten im Vergleich zu den vorgegebenen Selektionskriterien wie Erbkrankheit, Unheilbarkeit und Leistungsunfähigkeit tatsächlich getötet wurden, und welche Motive die Täter antrieben, ging es den Forschenden immer auch darum, an die Opfer dieser ersten systematischen Massenvernichtungsaktion im Nationalsozialismus zu erinnern und die Invidualität ihrer Lebensgeschichten deutlich werden zu lassen. Ganz in diesem Sinne schließt das seit 2012 mit rund 300.000 Euro geförderte Transferprojekt zur Aufarbeitung der Forschungsergebnisse für den Informationsort an.

Die Inhalte des Informationsortes sollen sowohl in deutscher und englischer Sprache als auch in leichter Sprache für behinderte Besucherinnen und Besucher verfügbar sein. Wenn der Platz es zulässt, ist auch Braille-Schrift angedacht. Zusätzlich plant das Team Audiodokumente für sehbehinderte Menschen, bei ausreichender Finanzierung kann sich Gerrit Hohendrof auch Hörführungen in verschiedenen Sprachen vorstellen. Dass behinderte Menschen heute in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, obwohl die Rehabilitation der T4-Opfer lange auf sich warten ließ, wie Falkenstein in ihrer Rede ausführte, zeigte auch der festliche Bauauftakt: Die Musik steuerten zwei Gruppen des Berliner Theaters Thikwa, das sich der Kunst mit Behinderten widmet, bei, und alle Reden wurden simultan in Gebärdensprache übersetzt.

Kranzniederlegung am 8. Juli 2013

Dass der Gedenk- und Informationsort nun mitten in Berlin entstehen kann, machte der Bundestagsbeschluss aus dem November 2011, das Denkmal mit 500.000 Euro zu fördern, möglich. Das Land Berlin stellte das Grundstück, es folgte ein Gestaltungswettbewerb für das Denkmal. Diesen gewann ein Berliner Team mit der Architektin Ursula Wilms und den Landschaftsgestaltern Nikolaus Koliusis und Heinz W. Hallmann. Der ausgewählte Vorschlag sieht eine dunkle, in der Mitte abfallende Fläche und eine 30 Meter lange hellblaue Glaswand vor.

„Die nationalsozialistischen Morde an behinderten Menschen beziehungsweise Patienten gehören in das kollektive Gedächtnis unserer Nation“, sagte Kulturstaatsminister Bernd Neumann zum Bauauftakt. Er betonte, dass das Denkmal einmal mehr ein Zeichen setze: „Gegen Hass, Verblendung und Kaltherzigkeit und für mehr Toleranz, Mitgefühl und Achtung vor dem Leben.“ Dilek Kolat, Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen in Berlin, verband in ihrer Rede drei Emotionen: Trauer über die „abgrundtiefe Amoralität, die T4 offenbarte“, Genugtuung darüber, dass „endlich ein würdiger Ort des Gedenkens entstehen kann“, und Entschlossenheit, „wachsam zu bleiben“. Sie setzte den Bauauftakt im Jahr 2013 in Beziehung zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 und verwies auch auf die Initiative „Zerstörte Vielfalt“, die 2013 in Berlin läuft: „Unsere Stadt ist wieder eine weltoffene Metropole, dazu gehört auch, dass wir uns mit der Vergangenheit auseinandersetzen und dafür ist dieser Gedenkort wichtig.“

Auf der in den 80er Jahren durch bürgerliches Engagement initiierten Gedenkplatte am Boden der Tiergartenstraße 4 legten Neumann und Kolat zwei Kränze nieder. Und gaben damit den Auftakt für den Bau des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der „Aktion T4“.