Emmy Noether-Treffen 2015

Chancen für mehr Chancengleichheit

4. August 2015 Der Wissenschaftspolitische Abend

Karriere, Kinder und kulturelle Feinheiten diskutierten beim Wissenschaftspolitischen Abend fünf Expertinnen und Experten. Moderator Norbert Lossau leitete durch ein fakten- aber auch emotionsreiches Gespräch, das im weiteren Verlauf des Emmy Noether-Treffens seinen Nachhall fand.

Der Wissenschaftspolitische Abend

„Eigentlich sind wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler es gewöhnt, auch die komplexesten Probleme zu lösen – warum aber tun wir uns gerade bei diesem Problem so schwer?“ – Die von Professorin Heather Hofmeister im Impulsvortrag aufgeworfene Frage beim Wissenschaftspolitischen Abend im Rahmen des Emmy Noether-Treffens 2015 war rhetorischer Natur. Dass sich bei „dem Problem“, namentlich der Chancengleichheit von Männern und Frauen, nur sehr langsam und schwerfällig etwas tut, lag schon im Vorfeld der Diskussion auf der Hand. DFG-Präsident Professor Dr. Peter Strohschneider bat bereits in seiner Begrüßung den Moderator Dr. Nobert Lossau, Ressortleiter Wissenschaft bei „WeltN24“, „neuen Schwung in die Debatte zu bringen“. Schwungvoll war die Debatte – auch wenn sie die zugrundeliegende Problematik auch an diesem Abend nicht lösen konnte.

Dass Wissenschaft als ein Wettbewerb ausgetragen wird, benannte Professor Dr. Ernst Theodor Rietschel, Vorstandsvorsitzender des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung, als den Hauptgrund, weswegen Frauen unterprivilegiert seien: „Anschubförderung, Befristung, Abhängigkeiten – mit diesem Druck im Wissenschaftssystem kommen Männer einfach besser zurecht. Ja, Frauen können sich diesem Wettbewerb meist gar nicht stellen.“ Die Informatik-Professorin Sanaz Mostaghim von der Universität Magdeburg bemerkte, dass Frauen in diesem Wettbewerb grundsätzlich weitaus weniger Unterstützung erlebten als Männer. Die von Heather Hofmeister, Professorin für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt, in ihrem Impulsvortrag dargestellte These, dass man als Einstellender denjenigen Bewerber einstellt, der einem selbst am meisten ähnelt, unterstrich sie in der Diskussionsrunde erneut: „Wir Frauen gehen abends mit den anderen Männern vom Fach auch kein Bier mehr trinken.“ Professor Dr. Peter Funke, Vizepräsident der DFG, räumte indes ein, dass das Genderproblem tatsächlich über eine lange Zeit negiert wurde. Es habe fernab der Realität in den Männerkreisen schlicht geheißen, „Qualität setzt sich durch“ – wie sich diese Qualität allerdings bemessen lasse, habe man vernachlässigt. So sei das Potenzial vieler Wissenschaftlerinnen früher bedauerlicherweise nicht gehoben worden.

Ernst Theodor Rietschel formulierte einen Vorschlag, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: In Berufungskommissionen, Hochschulräten und sämtlichen weiteren Gremien solle idealerweise eine Frauenquote von „zwischen 30 und 50 Prozent“ eingeführt werden – damit steige laut einer holländischen Studie die Chance deutlich, dass eine Frau die vakante Position erhält. Protest gegen den Vorschlag regte sich insbesondere bei Professor Dr. Susan Neiman, Direktorin des Einstein Forums Potsdam: „Mit solchen Quoten werden wir Professorinnen zeitlich viel zu stark mit Gremienarbeit belastet und haben keine Zeit mehr, unsere exzellente Forschung voranzutreiben! Außerdem möchte ich keine Quotenfrau sein.“ Hofmeister pflichtete ihr bei: „Wir brauchen in Gremien keine Frauenquote, wir brauchen eine Quote von 100 Prozent an Entscheidungsträgerinnen und -trägern, die gendersensibel sind!“ Peter Funke verwies auf das Kaskadenmodell und den „Instrumentenkasten“ der DFG als erfolgreiche Ansätze und gab zu bedenken: „Die DFG hat ihre Möglichkeiten nahezu ausgeschöpft. Nun ist es an den Universitäten.“

Emmy Noether-Treffen 2015

Im weiteren Verlauf der Diskussion, die stereotype Geschlechtereigenschaften und nationale Unterschiede zwischen den Frauen streifte, wurde erneut deutlich, was sich bereits im Titel – „How to fix the leaky pipeline: Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Wissenschaft“ – manifestiert hatte: Frauen gehen der Wissenschaft nicht erst im Berufungsverfahren ‚verloren‘, sondern nach und nach auf dem langen Weg zur Professur. Aus dem Publikum hieß es daher: „Die Förderung von Frauen muss viel früher einsetzen. Die Pipeline kann nur von hinten, nicht von vorne gestopft werden. Denn wo keine Frauen mehr sind, können sie auch den nächsten Karriereschritt nicht tun.“

Ist die Abkehr der Frauen vom Karriereziel „Professur“ im Grundsatz auf die Familienplanung zurückzuführen? Kann eine Mutter ebenso Karriere in der Wissenschaft machen wie ein Vater? Susan Neiman insistierte, sie sei es leid, dass es immer heiße, es sei „so unendlich schwer“, als aufstrebende Wissenschaftlerin Kinder zu bekommen. Man solle stattdessen die Vorteile des Elternseins betonen: „Kinder bringen große Freude und einen Erkenntnisgewinn.“ Nichtsdestotrotz wurde deutlich, dass erfolgreiche Männer allzu oft Frauen haben, die ihnen den Rücken freihalten – in den seltensten Fällen kehrt sich bislang dieses traditionelle Rollenbild um.

In einem abschließenden Diskussionsbeitrag fasste DFG-Präsident Peter Strohschneider in drei Beobachtungen zusammen, warum sich das deutsche Wissenschaftssystem so schwer mit der Chancengleichheit tue. Zunächst überlagerten sich in Deutschland „zwei starke Heroismen“: ein heroisches Verständnis der Forscher und ein heroisches Verständnis der Mutter. Wenn jede Heldenrolle 24 Stunden am Tag einnehme, gebe es einen Konflikt bei der Person, die beides sein möchte. Er griff damit das eingangs von Hofmeister verwendete Bonmot von den „sheep with five legs“, den „eierlegenden Wollmilchwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern“ nochmals auf. Außerdem beobachtete Strohschneider eine „Machtfrage“, die alle Disziplinen durchziehe. Je prestigereicher und einträglicher ein Bereich auch in der Wissenschaft sei, desto mehr werde er von Männern dominiert: „Frauen sind in solchen Feldern überproportional vertreten – so ist es leider –, die allgemein als in der einen oder anderen Hinsicht weniger wichtig eingeschätzt werden.“ Zuletzt mahnte Strohschneider an, dass im Wissenschaftssystem ein zu starker Fokus auf Quantifizierung und Parametrisierung von Leistungsnachweisen gerichtet sei. Die Anzahl der publizierten Paper habe bedauerlicherweise oft mehr Gewicht, als deren Qualität, und auch dies wirke sich für Frauen strukturell nachteilig aus.

Die während des Abends aufgeworfenen Fragen begleiteten die Zuhörerinnen und Zuhörer auch beim darauf folgenden Empfang. Viele Gruppen tauschten sich auch im Nachgang, beispielsweise im Workshop „Familie und Beruf“ – bei dem die Männerquote bei 90 Prozent lag – intensiv über persönliche Erfahrungen, mögliche Lösungswege und die jeweiligen Fachperspektiven aus. Dabei kamen auch Absurditäten zu Tage: An einigen Hochschulen, hieß es, dürften Männer nicht Gleichstellungsbeauftragte sein. In Sachen Chancengerechtigkeit gibt es also noch Baustellen im deutschen Wissenschaftssystem.

Auftakt von Heather Hofmeister