Emmy Noether-Treffen 2015

Form und Emotion – welche Rolle spielen Gefühle und Betrachtende in der kunsthistorischen Forschung

26. März 2019 Emmy Noether Lecture

Visuell reizvolle Einblicke boten die Vortragsfolien von Nachwuchsgruppenleiterin Kerstin Thomas. In ihrer Emmy Noether-Lecture zeigte die Mainzer Wissenschaftlerin historische Schlaglichter und zeitgenössische Zugänge zum Umgang mit und der Konstruktion von Emotionen in Kunstwerken und ihrer methodischen Greifbarkeit.

Dr. Kerstin Thomas

Ob durch das dargestellte Sujet, den Duktus, die Farbigkeit oder Atmosphäre – dass die Bildenden Künste nicht nur einen Informationswert vermitteln, sondern ganz zentral auch Emotionen transformieren oder transportieren, stellte Dr. Kerstin Thomas in der abendlichen Emmy Lecture am Donnerstag vor. Seit 2010 leitet die Kunsthistorikerin die Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Form und Emotion. Affektive Strukturen in der französischen Kunst des 19. Jahrhunderts und ihre soziale Geltung“ an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz.

Dem Publikum in Potsdam präsentierte Thomas in einem rund zweitausend Jahre umfassenden „Ritt durch die Kunstgeschichte“ ausgewählte Stationen und Standpunkte der Emotionsforschung in der Kunst. Dies diskutierte sie an Beispielen verschiedener Epochen und Gattungen – beginnend bei der schmerzverzerrten Mimik in der Laokoon-Gruppe von Hagesandros aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, über Darstellungen des leidenden Christus im Spätmittelalter und das Handbuch physiognomischer Schemen des Charles Le Brun aus dem späten 17. Jahrhundert, bis hin zur zeitgenössischen Konzeptkunst Santiago Sierras, in der er sich unter anderem mit dem Thema der kollektiven Schuld auseinandersetzt. Thomas‘ Frage dabei lautete: „Wie zeigt sich Emotion und was passiert mit dem Betrachter, der Betrachterin?“

In ihrem Überblicksvortrag arbeitete Thomas heraus, dass Künstlerinnen und Künstler manches Werk, das die Rezipientin oder der Rezipient als „emotional“ wahrnimmt, genau auf diese Wirkung hin konstruieren, indem sie Emotion in synthetischen Augenblicken verdichten und mit künstlerischen Mitteln überformen – man denke an Caspar David Friedrichs romantische Landschaftsmalerei. Emotion als Ausdruck dieser gezielt eingesetzten bildrhetorischen Mittel wiederum auch als solche verstehen zu können, beruhe auf dem zumeist individuellen Erfahrungswissen von existentiellen Situationen und den damit assoziierten Emotionen der Betrachtenden, erläuterte Thomas. So wird die Empathie, nicht zwangsläufig der Intellekt von der emotiven Rhetorik des Kunstwerks angesprochen. Dabei lassen sich dem emotionalen Grundwert auch weitere unterstützende Aspekte zuordnen wie beispielsweise Gegenstände mit Emotionswert oder die dargestellte Landschaftsumgebung, die eine gewisse Stimmung evoziert – von düster bis hoffnungsvoll. Thomas warnte jedoch davor, aus Wissen um die Vita eines Künstlers wie Van Gogh Rückschlüsse zu ziehen, die sich nicht direkt im Kunstwerk zeigen.

In abschließenden Beispielen aus der Porträtreihe „Soldiers“ von Fotokünstlerin Suzanne Opton konnte Kunsthistorikerin Thomas dem Plenum demonstrieren, dass zusätzliches Kontextwissen die Wahrnehmung von Bildern in eine bestimmte Richtung lenkt. Die Porträtreihe zeigt amerikanische Soldaten in einem gedankenlosen Moment – gerade die abgebildete Leere schafft den Raum für eine Fülle emotionaler Assoziationen der Betrachterinnen und Betrachter.

„Damit Kunstwerke Emotionen erzeugen, brauchen sie immer einen Betrachter oder eine Betrachterin und einen Hintergrund“, sagte Kerstin Thomas in ihrem Fazit. Kunst sei ein Mittel der Identitätsbildung, das auf Auseinandersetzung mit ihren Werken angewiesen sei. Diese Auseinandersetzung ist insbesondere mit Blick auf Emotionswerte niemals eindeutig.