Emmy Noether-Treffen 2015

Balance ins System bringen

26. März 2019 Nachwuchsförderung

DFG-Präsident Professor Dr. Peter Strohschneider benannte in seinem Vortrag am zweiten Tag des 14. Emmy Noether-Treffens zentrale finanzstrukturelle Spannungen des Wissenschaftssystems. An die Mitglieder des Bundestages, die nach Potsdam gekommen waren, appellierte er, jungen Talenten ein kalkulierbares Arbeitsumfeld zu gewährleisten.

DFG-Präsident Peter Strohschneider

Strohschneider führte zunächst in die Wissenschaft als politisches Teilsystem ein und beleuchtete die aktuelle Situation aus Sicht der DFG. Dabei betonte er, dass Wissenschaft eine integrierende Funktion habe, und benannte vier Basisprozesse, die das Wissenschaftssystem in der modernen Gesellschaft prägen: Expansion, Differenzierung, Akzeleration und Veralltäglichung von Wissenschaft. So lasse sich nicht nur ein Anstieg von Studierendenzahlen und Investitionen in Infrastruktur beobachten, sondern auch ein „Wachstum der Lösungsverheißungen unter gleichzeitigem Wachstum der gesellschaftlichen Funktionserwartungen an die Wissenschaft“, sagte Strohschneider.

Grundsätzlich organisiere sich das Wissenschaftssystem arbeitsteilig in einem dynamischen Wechselspiel von Differenzierung und Entdifferenzierung, das aus der Unterscheidung zwischen programmorientierter und erkenntnisgeleiteter Forschung entstehe. Erstere bearbeitet programmatisch gesellschaftlich relevante Fragestellungen; zweitere orientiert sich an der Eigendynamik von Forschung. „In der erkenntnisgeleiteten Forschung, die die DFG projektförmig finanziert, ist die Produktion neuen Wissens nicht von angenommenen gesellschaftlichen Wirkungen abhängig“, erklärte Strohschneider, „Leistungshöhe und -dichte von Wissenschaft sind dank dieser arbeitsteiligen Struktur in Deutschland hoch.“

Der Erfolg des Wissenschaftssystems aber bemesse sich an der Balance zwischen Programm- und Erkenntnisorientierung. „Die entsprechenden Finanzierungsstrukturen sind allerdings nicht ausbalanciert“, so die Beobachtung Strohschneiders, die er anhand zentraler Spannungen belegte: Als erstes benannte er die Schere zwischen den Budgets universitärer und außeruniversitärer Forschung. Die Mittelvergabe führe, da Bund und Länder unterschiedliche finanzielle Handlungsmöglichkeiten und rechtliche Kompetenzen haben, zu deutlichen Asymmetrien. Strohschneider illustrierte indes auch Chancen, die durch die Aufhebung des sogenannten Kooperationsverbots im Grundgesetz entstehen oder die sich aus der Entlastung der Länder um die BAföG-Kosten ergeben. So könnten die Länder hieraus jährlich rund 1,2 Milliarden Euro etwa für den Ausbau an Dauerstellen an Hochschulen ausgeben.

Die zweite Spannungslinie sieht Strohschneider in der Balance von Grundfinanzierung und Drittmitteln. „Wenn Universitäten rund 30 Prozent ihrer Einnahmen aus Drittmitteln ziehen – besonders forschungsstarke Universitäten sogar bis zu 50 Prozent – dann haben Drittmittel ihre ursprüngliche Ergänzungsfunktion verloren und kompensieren stattdessen die Defizite im Universitätshaushalt“, mahnte er, „Drittmittel erhalten plötzlich die Funktion einer neuen Währung.“ Gerade bei der DFG werfe das Probleme auf und schlage sich beispielsweise auf die Bewilligungschancen nieder: Je mehr Anträge eingehen, desto höher werde auch die Ablehnungsquote. Außerdem sei das deutsche Wissenschaftssystem bald an der Grenze der Belastbarkeit der Gutachterinnen und Gutachter angekommen.

Ganz im Sinne des Plenums der rund 150 „young investigators“ forderte der DFG-Präsident schließlich die Politik auf, Wissenschaft als attraktives Arbeitsumfeld zu erhalten und klugen Köpfen gute, planbare Karriereperspektiven zu bieten: „Der Qualitätsanspruch bester Forschung zeigt sich auch daran, dass intellektuelles Scheitern möglich ist und nicht zugleich auch das soziale Scheitern des Einzelnen bedeutet.“ Strohschneider betonte, dass die DFG als Förderorganisation hier nur mit projektförmigen Mitteln ergänzend wirken könne. Die Verantwortung für Personalstrukturen liege bei den Ländern.