Emmy Noether-Treffen 2014

Wohin steuert das deutsche Wissenschaftssystem?

13. Juli 2015 Der Wissenschaftspolitische Abend

Mit einem kontroversen Statement eröffnete Moderatorin Anna Lehmann den wissenschaftspolitischen Abend: Selbst eine sehr gute wissenschaftliche Qualifikation sei heutzutage keine Garantie, einen Ruf auf eine Professur zu bekommen.

Der wissenschaftspolitische Abend des Emmy Noether-Treffens 2014

Unter dem Titel „Quo vadis, deutsches Wissenschaftssystem“ diskutierte die Wissenschaftsjournalistin der tageszeitung (taz) mit einer vierköpfigen Expertenrunde die Personalstruktur an deutschen Hochschulen. Auf dem Podium saßen: Marlis Hochbruck, DFG-Vizepräsidentin, Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam, Cornelis Menke, Sprecher der AG Wissenschaftspolitik der Jungen Akademie, sowie DFG-Präsident Peter Strohschneider.

Diskussion auf dem Podium

Ausgangspunkt der Diskussion waren die geradezu topischen Klagen über das deutsche Wissenschaftssystem: Unsichere Karriereperspektiven, Abwanderung der Besten ins Ausland und nahezu feudalistische Abhängigkeitsstrukturen an den Universitäten. Letzteres wollte Peter Strohschneider, von Hause aus Mediävist, so nicht stehen lassen: Das feudale Ständesystem habe nichts mit den Statushierarchien an deutschen Hochschulen zu tun; diese funktionierten nach anderen Logiken. Es sei aber ganz richtig, dass die jeweiligen Entscheidungsspielräume der verschiedenen akademischen Gruppen stärker „abgestuft seien, als sie sein müssten oder könnten“.

DFG-Vizepräsidentin Professor Marlis Hochbruck

Tenure-Track – Die Zukunft wissenschaftlicher Karrieren?

Aber wo im System liegt nun die Unzufriedenheit begründet, und was sollte sich konkret ändern? Die erst Anfang Juli 2014 zur Vize-Präsidentin der DFG gewählte Mathematikerin Marlis Hochbruck bedauerte, dass sich viele hervorragende deutsche Nachwuchswissenschaftlerinnen und ‑wissenschaftler zu früh aus dem deutschen Wissenschaftssystem verabschiedeten, und sieht vor allem zwei Gründe dafür: Zum einen wollten sie nicht riskieren, mit ihrer (zukünftigen) Familie alle paar Jahre umziehen zu müssen, zum anderen nicht das Risiko eingehen, am Ende doch ohne Professur dazustehen. Dass die Universitäten bei Neubesetzungen in der Folge nicht auf diese Leute zurückgreifen könnten, schwäche das deutsche System maßgeblich, so Hochbruck. Dem schloss sich Cornelis Menke an, der ebenfalls den unattraktiven Karrierewegen in Deutschland die Schuld daran gab, dass der vielversprechende wissenschaftliche Nachwuchs lieber an ausländischen Einrichtungen sein Glück versucht.

Ein zusätzliches Manko sieht er in den hierarchischen Strukturen des Lehrstuhlsystems, die er für verkrustet und nicht mehr zeitgemäß hält. Er plädierte für ein Department-System mit flachen Hierarchien und vielen selbstständig forschenden Professorinnen und Professoren. Ihm und der Jungen Akademie schwebt ein Tenure-Track-System vor, wie es im anglophonen Wissenschaftssystem verbreitet ist. Tenure-Track steht für die Chance, nach einer befristeten Bewährungszeit eine Professorenstelle auf Lebenszeit zu erhalten. Im angelsächsischen Raum gebe es dadurch, so Menke, mehr entfristete und selbstständig forschende Nachwuchsprofessorinnen und -professoren. Auch Peter Strohschneider befürwortete das Tenure-Track-Modell nachdrücklich. Man wisse auch, wie diese Verfahren mit dem deutschen Beamtenrecht in Einklang gebracht werden könnten. Und es bedürfe einer Qualitätssicherung auch durch Universitätswechsel – entweder beim Einstieg in den Tenure-Track oder beim Übergang auf eine unbefristete Professur.

Professor Oliver Günther, Präsident der Universität Potsdam

An der Universität in Potsdam gibt es Tenure-Track schon heute. Präsident Oliver Günther war selbst als Nachwuchswissenschaftler in den USA, weil ihm das System viele Freiheiten in der wissenschaftlichen Arbeit garantierte. An seiner Universität können nun die einzelnen Fakultäten selbst entscheiden, ob sie Tenure-Track einführen wollen oder nicht. Zukünftig soll in Potsdam die Hälfte aller freiwerdenden Stellen mit Tenure-Track nachbesetzt werden. Günther sieht darin nur Vorteile und hob besonders hervor, dass sich dadurch viele gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler früh an die Universität binden ließen, da diese ihnen Planungssicherheit gebe. Allerdings müssten, und darin stimmte er mit Strohschneider überein, die zukünftigen Professorinnen und Professoren sehr sorgfältig ausgewählt werden.

Dr. Cornelis Menke, Junge Akademie

Fehlende Alternativen neben der Professur

Außerdem gab der Universitätspräsident zu bedenken, dass nicht jeder eine Professur auf Lebenszeit erhalten könne. Daher sei es wichtig, auch Karrieremöglichkeiten außerhalb der Wissenschaft in den Blick zu nehmen. An den Hochschulen sollten neben der Professur für hochqualifiziertes Personal, das Daueraufgaben übernimmt, Dauerstellen eingerichtet werden. Die Frage, ob es wieder eine Art „Mittelbau“ geben solle, wurde kontrovers diskutiert. DFG-Präsident-Strohschneider machte zudem darauf aufmerksam, dass die Exzellenzinitiative einen sprunghaften Personalausbau, hauptsächlich im akademischen Nachwuchsbereich, mit sich gebracht habe – einer der Gründe dafür, dass die Problematik auch wissenschaftspolitisch besondere Aufmerksamkeit finde.

DFG-Präsident Professor Peter Strohschenider

Heute befinde sich das System indes an einer „Abbruchkante“: Diejenigen, die 2006 ihre Stelle als Promovierende und Postdocs angetreten haben, hätten nun „die Frage ihrer weiteren akademischen Karriere dramatisch vor Augen“, so Strohschneider. In dieser Situation werde bewusst, dass das deutsche Wissenschaftssystem besonders schlecht darin sei, „die Systemperspektive und die Subjektperspektive auf struktureller Ebene auszubalancieren“. Im Hinblick auf Wissenschaft und Karriere klafften die Interessen des Einzelnen und des Systems nämlich systematisch auseinander: Die oder der Einzelne strebe nach beruflicher und privater Planungssicherheit, das Wissenschaftssystem sei aus Gründen der Qualitätssicherung und -steigerung hingegen an Karrieremustern interessiert, in denen auch ein Scheitern jedenfalls nicht systematisch ausgeschlossen sei, erklärte Peter Strohschneider. Die fehlende Balance lasse dem wissenschaftlichen Nachwuchs derzeit eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder den Aufstieg auf eine der relativ wenigen Professuren oder den Ausstieg aus dem deutschen Wissenschaftssystem überhaupt.

Die Moderatorin Anna Lehmann

Mehr Qualität für mehr Vertrauen

Ein weiterer Diskussionspunkt bezog sich auf die Befristung wissenschaftlicher Stellen. Der mehrheitlichen Meinung zufolge sollten diese sich nach den Projektlaufzeiten richten, was jedoch in der Realität nur selten der Fall sei. Peter Strohschneider wies darauf hin, dass die DFG diese Auffassung grundsätzlich teile, dass es jedoch eine durchaus nicht-triviale Aufgabe sei, der „Vielfalt von Karriere- und Projektzusammenhängen mit einer einfachen rechtsverbindlichen Regelung gerecht zu werden“.

Nicht zuletzt war ein wichtiger Aspekt der Debatte das Thema „Qualität statt Quantität“. So sollten zum Beispiel nicht die Anzahl der Veröffentlichungen oder der Auslandsaufenthalte über die Zukunft der Forschenden entscheiden, sondern die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit. Um das Vertrauen in das deutsche Wissenschaftssystem zu stärken, müssten hohe Qualitätsmaßstäbe auf allen Ebenen angesetzt werden. Die DFG hat mit ihren Regelungen zu Publikationsverzeichnissen hier eine Vorreiterrolle übernommen.

Abschließend sprach Marlis Hochbruck den Anwesenden Mut zu: „Statistiken hin oder her, das Wichtigste ist es, das selbstgesetzte Ziel hartnäckig und mit allem Einsatz zu verfolgen. Als Emmy Noether-Geförderte sind Sie auf dem besten Weg.“