Emmy Noether-Treffen 2014

Architektur im demografischen Wandel: Barrierefreiheit für alle

28. Juli 2014 Emmy Noether Lecture

„Was hat Oma?“, fragt der kleine Lukas im gleichnamigen Computerspiel. Die interaktive Lernumgebung erklärt die Alterskrankheit Demenz kindgerecht und auf spielerische Weise.

Gesine Marquardt bei der Emmy Noether-Lecture

„Heutzutage erleben immer mehr Kinder, wie ihre Groß- oder Urgroßeltern an Demenz erkranken. Wird ihnen die Krankheit nicht richtig erklärt, kann das Ängste und Irritationen hervorrufen und ihr Verhältnis zu den Großeltern extrem belasten“, erläuterte die Architektin Dr. Gesine Marquardt, Leiterin der Emmy Noether-Nachwuchsgruppe „Architektur im demografischen Wandel“ an der Technischen Universität Dresden, die gemeinsam mit ihrem Team das Internetspiel entwickelt hat. In ihrer Emmy Noether-Lecture am Samstagabend des Treffens schilderte sie auf unterhaltsame und engagierte Weise, wie auch die Architektur dem demografischen Wandel angemessen begegnen kann.Die Gesellschaft wird immer älter, gleichzeitig werden hierzulande weniger Kinder geboren und es kommen mehr Menschen aus dem Ausland nach Deutschland – an den Beginn ihres Vortrages stellte Gesine Marquardt das Phänomen des demografischen Wandels und zeigte die augenfälligen Diagramme zur Bevölkerungsentwicklung. Diese wirke sich mittlerweile auf nahezu alle Lebensbereiche aus, weshalb ein Umdenken stattfinden müsse – auch in der Architektur, forderte die Dresdner Wissenschaftlerin.

Insbesondere das Altern der Gesellschaft müsse sich in der Gestaltung unserer baulichen Umwelt widerspiegeln. „Die Architektur muss das mitdenken“, so Marquardt. Denn je älter Menschen werden, desto wahrscheinlicher erleben sie funktionelle und sensorische Einschränkungen, sie brauchen Mobilitätshilfen, sehen und hören schlechter. Dies führe dazu, dass ältere Menschen zunehmend in Konflikt mit ihrer baulichen Umwelt gerieten: „Stufen, Schwellen oder Steigungen stellen kaum überwindbare Herausforderungen dar.“ Zudem seien Hinweisschilder und Beschriftungen häufig zu klein und zu kontrastarm, so dass sie – gerade von Menschen mit Sehbeeinträchtigung – nicht mehr erkannt werden können.

Barrierefreie Architektur für mehr Selbstbestimmtheit

Ein Forschungsschwerpunkt der Emmy Noether-Gruppe von Gesine Marquardt ist Architektur für demenzkranke Menschen. Nicht ohne Grund, denn auch das Risiko demenzieller Erkrankungen steigt im hohen Alter stark an. Ob auch demente Menschen den Alltag bewältigen können, hängt laut Marquardt wesentlich von den architektonischen Merkmalen und der Gestaltung der Wohnumgebung ab. Gibt es dort keine geeigneten Informationen, beispielsweise Beschriftungen oder Farbsymbolik, erschwert das Alltagsaktivitäten und Orientierung extrem: Also Voraussetzungen dafür, dass ältere Menschen ihr Leben möglichst lange selbständig und selbstbestimmt führen können. Und das ist erklärtermaßen das Ziel der Forscherin.

Marquardt zeigte positive Beispiele für altersgerechte Architektur, unter anderem eine neugebaute Wohnanlage, die den Bedürfnissen körperlich beeinträchtigter Menschen angepasst wurde: Die Wohnungen besitzen große Fenster, die bis zum Boden reichen: „Für diejenigen, die körperlich nicht mehr in der Lage sind, ihre Wohnung zu verlassen und trotzdem mitbekommen möchten, was draußen passiert“, erklärte die Emmy Noether-Geförderte. Die Fußgängerwege sind beleuchtet und heben sich deutlich von den angrenzenden Wiesenflächen ab, was wiederum für Sehbeeinträchtigte wichtig sei. Der gut berollbare Untergrund eigne sich zudem perfekt für die Nutzung von Rollstühlen und Rollatoren – aber auch Kinderwagen, wie Marquardt betonte. Die Architektur im demografischen Wandel müsse barrierefrei sein, konstatierte Marquardt, „wobei sich die Barrierefreiheit nicht nur auf physische, sondern auch auf kognitive Einschränkungen beziehen muss“.

Umdenken in Pflegeheimen und Krankenhäusern

Um herauszufinden, wie eine geeignet gestaltete Architektur den Auswirkungen von Demenzerkrankungen begegnen kann, hat die Gruppe von Gesine Marquardt Altenpflegeheime und Krankenhäuser unter die Lupe genommen. Eine Studie zur demenzfreundlichen Gestaltung von Pflegeheimen habe zum Beispiel ergeben, dass die Gestaltung der Räume mit Möbelstücken und Objekten aus der Vergangenheit der Demenzkranken bei diesen weniger Angst und Ablehnung auslöst – die vertraute Einrichtung der Wohnräume stimuliere ihr Erinnerungsvermögen und vermittele Sicherheit. Zumindest in den Fluren könnten zu diesem Zweck auch Wandtapeten eingesetzt werden, auf denen bekannte und Ruhe ausstrahlende Orte und Landschaften dargestellt sind. Zu realistisch sollte es dann aber auch nicht sein, scherzte Marquart: So habe ein demenzkranker Bewohner gegen den auf einer Wandtapete abgebildeten Baum...

Durch Einfachheit und Altbekanntes die Orientierung erleichtern

Da Demenzkranke häufig unter Orientierungsproblemen leiden, sei es wichtig, dass sie ihre täglichen Wege leicht erschließen können. Dies erreiche man am ehesten durch einfache und geradlinige Flure, entlang derer es markante Referenzpunkten für die Bewohnerinnen und Bewohner gibt. Ein Rundweg – „getreu dem Motto, wenn er sein Zimmer beim ersten Mal nicht findet, dann vielleicht beim zweiten Mal“ – wie man ihn in vielen Alterseinrichtungen findet, sei für Demenzkranke nicht zu empfehlen, so Marquardt. Die Referenzpunkte könnten die Orientierung der Pflegebedürftigen unterstützen. Am besten eigneten sich dafür leicht einprägsame und markante Elemente von „Früher“, denn „Demenzkranke erinnern sich am ehesten an die Lebensphase zwischen 20 und 30 Jahren“. Hinweisschildern kommt generell eine wichtige Funktion zu: „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Demenzkranker die Toilette findet, ist höher, wenn diese auch als solche schriftlich oder bildlich gekennzeichnet ist“, bemerkte die Wissenschaftlerin. Auch die Farbgestaltung mit starken Farbkontrasten könne sich positiv auf die Orientierung auswirken. Generell sei die beste Orientierungshilfe für Demenzkranke, wenn sie die Einrichtung möglichst ganz überblicken können.

Außerdem stellte Gesine Marquardt noch ein Projekt vor, dass im Rahmen des Studierendenwettbewerbs "Altersgerecht Bauen und Wohnen – Barrierefrei, quartierbezogen, integrativ" des Bundesfamilienministerium entstanden ist und auch ausgezeichnet wurde: Studierende der TU Dresden entwickelten kreative Ideen und Konzepte, wie aus einem verlassenen, heruntergekommen Bahnhof in der sächsischen Provinz eine Begegnungsstätte der Generationen werden könne – ganz im Zeichen des demografischen Wandels.