Emmy Noether-Treffen 2013

„Wissenschaftliche Freiräume gehen verloren“

5. August 2013 Der Wissenschaftspolitische Abend

Im Oktober 2012 wurden in Italien sieben Wissenschaftler zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt, weil sie das Risiko eines Erdbebens verharmlost haben sollen.

Der Wissenschaftspolitische Abend

Bei dem Beben in L’Aquila Anfang April 2009 waren 300 Menschen ums Leben gekommen. In einem offenen Brief zum Prozessauftakt hatten viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beklagt, dass den Angeklagten ein Strafprozess gemacht werde, obwohl die Vorhersage von Erdbeben bislang technisch unmöglich sei. Wie ist dieser Fall also zu bewerten? Sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder Experten tatsächlich haftbar zu machen für ihre Aussagen? Und was bedeutet das für die Kommentare und Prognosen, die sie öffentlich tätigen?

Das Podium

Hochkarätige Diskussion

Ausgehend von dem beschriebenen Gerichtsurteil gegen die italienischen Seismologen thematisierte der wissenschaftspolitische Abend diese Fragen. Drei renommierte Wissenschaftler saßen auf dem Podium: Professor Hans-Jochen Heinze, Direktor der Neurologischen Universitätsklinik und Direktor am Leibniz Institut in Magdeburg, DFG-Präsident Professor Peter Strohschneider und der Soziologe Peter Weingart, bis zu seiner Emeritierung Direktor des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung in Bielefeld. Die Wissenschaftsjournalistin und Physikerin Heidi Blattmann aus der Schweiz leitete die Gesprächsrunde.

Rege diskutierte das Podium dabei vor allem die zunehmende Abhängigkeit von Experten, insbesondere in Verbindung mit einer fortschreitenden „Verwissenschaftlichung“ der Gesellschaft, dem Verlust wissenschaftlicher Freiräume und der Rolle der Medien.

Professor Peter Strohschneider sprach gleich zu Beginn der Debatte von einer „Verschiebung des Verantwortungsbegriffs“: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden heute mehr und mehr für getätigte Aussagen persönlich haftbar gemacht – und das tatsächlich im juristischen Sinne, wie das Beispiel der verurteilten Seismologen zeigt. „Im Zentrum der Verantwortung steht also nicht mehr die Wissenschaft als System, sondern das einzelne Individuum. Freiräume für risikoreiche Wissenschaft sind dadurch gefährdet.“

Dem Soziologen Professor Peter Weingart bereitet vor allem die immer größere Abhängigkeit von „Experten“ Sorge. Er führt diese einerseits auf eine „Verwissenschaftlichung der Gesellschaft“ zurück: Es gebe einen großen Wunsch nach Expertenstimmen und -einschätzungen innerhalb jeglicher gesellschaftlicher Diskurse. Andererseits werde aber auch die Differenzierung zwischen den einzelnen Wissenschaftsbereichen stetig größer. Deshalb gebe es jeweils nur eine kleine Gruppe von Experten für jeden Themenkomplex – und deren Aussagen könnten von den Übrigen kaum beurteilt werden. Weingart rät deshalb Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die als Experten auftreten: „Sie sollten die Unsicherheit von vermeintlich sicherem Wissen kommunizieren und weder Panikmache noch Verharmlosung betreiben.“ Allerdings müsse auch die Rolle der Medien mitbedacht werden. Sie dienten als notwendiger Filter, entzögen sich aber der Kontrolle und würden oftmals zu stark vereinfachen und zuspitzen.

Welche Rolle spielen die Medien?

Das Medienthema bechäftigte auch die Emmy Noether-Geförderten: sie kritisierten den Umgang mancher Journalisten mit Interviews und geäußerten Experten-Statements. Die Medien kreierten „Experten“ alleine durch Anfragen. Ein weiteres diskutiertes Problem: Die Öffentlichkeit sei nicht geschult darin, Wissenschaft zu verstehen. Die Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse und Prozesse sei deshalb schwierig. Weingart, der aus seiner Forschungsarbeit auch die Medienseite gut kennt, forderte deshalb: „Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen lernen, Wahrscheinlichkeiten zu kommunizieren!“

Professor Hans-Jochen Heinze hat als Mediziner eine etwas andere Sichtweise. Man könne nicht immer alle Wahrscheinlichkeiten berücksichtigen und diese nach außen kommunizieren. Als Experte, als Wissenschaftler, müsse man auch „mal klar Stellung beziehen“. Dies sei eine ähnliche Problemlage wie er sie aus dem Arztberuf kennt; auch hier gelange er an einen Punkt, wo er eine Entscheidung treffen müsse – um Leben zu retten. „Es existiert dabei immer ein gewisses Restrisiko, die falsche Entscheidung zu treffen.“

Intensive Diskussion

Individuelle und systemische Verantwortung

Schließlich diskutierte die Runde über die Unterscheidung von individueller und systemischer Verantwortung der Wissenschaft. Laut DFG-Präsident Strohschneider ist beides nur schwer trennscharf voneinander abzugrenzen. Umso wichtiger sei es, dass die Forschenden ihre wissenschaftliche Verantwortung wahrnähmen, und zwar auch dort, wo die Gesellschaft von der Wissenschaft kaum mehr verlange als direkt verwertbares Wissen. Dies schließe bei der wissenschaftlichen Politikberatung auch den Hinweis auf die Grenzen und die Ungewissheit wissenschaftlichen Wissens ein. Weingart unterstützte: Die Politik müsse lernen, auf sicheres Wissen zu verzichten.

Professor Heinze wies darauf hin, dass bei Forschungsthemen der Zukunft nicht im Voraus absehbar sei, welchen Nutzen und welche Nachteile sie haben. Als Beispiel nannte Heinze die „Tiefe Hirnstimulation“ als eine Methode, Verhaltensstörungen zu beeinflussen. Der Möglichkeit des Missbrauchs auf Seiten der Wissenschaft und des Misstrauens auf Seiten der Öffentlichkeit könnte Heinze zufolge durch frühzeitige Kommunikation begegnet werden, etwa durch regelmäßige bürgernahe Informationen.

Unscharfe Grenze

Wie erkennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler denn nun, wann sie zur Rechenschaft gezogen werden können und wann sie in einem Schutzraum agieren? Das Humboldtsche Ideal von Einsamkeit und Freiheit des Wissenschaftlers, so Strohschneider, sei jedenfalls längst historisch geworden. Die Grenze zwischen Wissenschaft und Gesellschaft werde vielfach unscharf. Darin aber stecke ein Problem: Neues Wissen störe die gegebenen Ordnungen des Wissens und sei in diesem Sinne riskant. Es benötige daher immer auch geschützte Freiräume.

Aus dem Publikum gab es vor allem zum Expertentum zahlreiche Nachfragen und Kommentare. Bei „Experten“ komme oft persönliche Eitelkeit ins Spiel. In der Diskussion setzte sich jedoch die Sichtweise durch, offen und ehrlich zu Wissenslücken zu stehen und diese auch zu kommunizieren.