Internationales

Reise durch Deutschland: Post-Lindau-Tour 2014

5. Juli 2014 Nachwuchsförderung

Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus China, Indien und Thailand haben auf Einladung der DFG in zwei Delegationen vom 5. bis 12. Juli 2014 die medizinische Forschungslandschaft der Bundesrepublik erkundet. Zuvor hatten sie an dem Nobelpreisträger-Treffen in Lindau teilgenommen.

Gruppenbild der indischen Delegation in Berlin

Von Lindau über Regensburg und Dresden nach Berlin. Danach über Göttingen nach Köln und Bonn. 25 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus Indien und Thailand haben alle diese Stationen im Rahmen der „Post-Lindau-Tour“ besucht – welche Route die 30-köpfige chinesische Delegation genommen hat, erfahren Sie am Ende des Textes. Auf Einladung der DFG schloss sich die Post-Lindau-Tour direkt an das mehrtägige Nobelpreisträger-Treffen in Lindau am Bodensee an. Gleich 37 Nobelpreisträgerinnen und -preisträger für Medizin und Physiologie trafen dort mit insgesamt 600 jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt zusammen; zum ersten Mal überhaupt nahmen in diesem Jahr an der Tagung mehr Frauen als Männer teil. „Spektakulär und doch unaufgeregt“, so beschrieb die Neue Zürcher Zeitung die Atmosphäre dieser 64. Ausgabe der Nobelpreisträger-Tagung.

Forschen nicht nur in geschlossenen Räumen: Die indischen und thailändischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler . Eine Woche lang bereisten sie die Bundesrepublik und erkundeten die medizinische Forschungslandschaft

Zur Reise der Delegation aus Indien und Thailand

„Mir gefielen vor allem die Diskussionsmöglichkeiten mit den Nobelpreisträgern“, erzählt Pakawat Chongsathidkiet aus Thailand, der sich der Einfachheit halber lieber Nikolas nennt. „Es war toll, sich in kleinen Gruppen auszutauschen und solch erfahrenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Fragen zu stellen. Das war eine einmalige Erfahrung!“ Auch Thamolwan Surakiatchanukul, kurz Wan, zeigt sich begeistert: „Es gibt natürlich keine bessere Gelegenheit, um mehr als 30 Nobelpreisträger an einem Ort zu treffen.“ Wan stammt aus Bangkok und studierte Biochemie und BWL in den Vereinigten Staaten. Sie ist vor allem erstaunt darüber, dass auch Nobelpreisträger „ganz normale Leute sind, die hart arbeiten mussten, um ihre Ziele zu erreichen. Ihre Erfolge sind ihnen nicht in den Schoß gefallen. Deshalb sagten sie uns auch: Man muss den Herausforderungen ins Auge sehen, denn an ihnen wächst man als Forscherin oder Forscher.“

Die indische Doktorandin Dhanya Nambiar aus New Delhi betont den Vernetzungsgedanken, der solche Tagungen besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs so attraktiv macht. „Das Treffen in Lindau war für mich eine optimale Plattform, um mich innerhalb der internationalen Forschercommunity zu vernetzen. Denn Wissenschaft ist so viel mehr als Forschen in einem geschlossenen Raum: Es bedeutet Austausch, Kommunikation, Zusammenarbeit.“

Bindung an den Forschungsstandort Deutschland

Der wissenschaftliche Austausch steht auch bei der Post-Lindau-Tour im Mittelpunkt. „Wir haben die Post-Lindau-Tour 2001 auf Grundlage eines Abkommens mit dem indischen Department of Science and Technology, kurz DST, ins Leben gerufen. Seitdem fördert die DFG die Teilnahme einer Gruppe indischer Nachwuchswissenschaftler an der Lindau-Nobelpreisträgertagung und organisiert und finanziert für diese Gruppe außerdem in der Woche nach der Tagung eine Informationsreise durch deutsche Forschungsinstitute“, sagt Dr. Ingrid Krüßmann, Direktorin des Chinesisch-Deutschen Zentrums für Wissenschaftsförderung in Beijing und in der DFG-Geschäftsstelle zugleich verantwortlich für die Zusammenarbeit mit dem DFG-Büro Indien. „Die Post-Lindau-Tour hat natürlich auch eine chinesische Ausgabe, die zeitlich parallel stattfindet. Das ‚Lindau-Programm‘ zeigt also ausgewählten chinesischen, indischen – und in diesem Jahr ausnahmsweise auch einigen thailändischen – Nachwuchswissenschaftlern das Potenzial deutscher Forschungsinstitute auf“, so Krüßmann. Die DFG strebe so eine Erweiterung des Blicks der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch auf den Forschungsstandort Deutschland an, da in den Partnerländern die erste Wahl der Forscherinnen und Forscher eher auf englischsprechende Länder fällt. Die Post-Lindau-Tour verbindet zur Schaffung einer ersten Bindung an den Forschungsstandort Deutschland sowohl wissenschaftliche als auch einige touristische Höhepunkte.

Spannende Einblicke ins Forschungslabor: Teile der indischen Delegation besichtigen das Kölner CECAD

Zebrafische in Dresden, SNAREs in Göttingen

Raghav Bhargava zum Beispiel hat während der Post-Lindau-Tour vor allem das Dresdner Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) überzeugt. Bhargava ist ein Arzt aus New Delhi, bis vor kurzem operierte er bis zu 30 Patienten am Tag, nun hat er sich der medizinischen Forschung zugewandt. „Spannend ist die Struktur und Arbeitsweise des Instituts: Es gibt keine Untergliederung in Abteilungen oder ähnliches, sondern nur ein interaktives wissenschaftliches Netzwerk, das auf die Nutzung von Kommunikation und Synergieeffekten ausgerichtet ist“, berichtet Barghava von seinen gewonnen Eindrücken. Auch eines der vorgestellten Forschungsprojekte beeindruckte ihn in besonderem Maße. „Faszinierend fand ich das Video eines schlagenden Zebrafisch-Herzens, das uns vorgeführt wurde. Das Herz eines zwei Tage alten Zebrafisch-Embryos ist nämlich sehr winzig. Am MPI-CBG haben sie also das Herz in 3D rekonstruiert, nachdem der lebende Zebrafisch mit Lichtscheibenmikroskopie aufgenommen wurde. Und in dem Video kann man die Bewegung der Blutzellen durch das Herz und dessen angrenzende Gefäße beobachten.“

Die junge Thailänderin Wan hingegen schwärmt von dem Besuch des Max-Planck-Instituts für Biophysikalische Chemie in Göttingen, denn „einer der Abteilungsleiter, Professor Reinhard Jahn, hat die sogenannten SNAREs entdeckt“, erklärt sie. Und zu diesen speziellen Proteinen, die bei den vielfältigen Membranfusionen, die im Inneren jeder Zelle ablaufen, eine Rolle spielen, hat Wan eine besondere Beziehung. „Die SNAREs standen während meines ersten Jahres im Studium auf dem Lehrplan. Und nun stehe ich plötzlich vor dem Forscher, der sie entdeckt hat! Das war unglaublich“, sagt Wan, „vor allem weil Professor Jahn uns auch noch berichtet hat, welche Experimente zu der Entdeckung der SNAREs geführt haben.“

Dr. Ingrid Krüßmann, die für die Post-Lindau-Tour verantwortliche Direktorin, begrüßt die indisch-thailändische Reisegruppe in der Bonner Geschäftsstelle der DFG

„Mit diesen Eindrücken nach Indien zurückkehren“

So haben alle Nachwuchswissenschaftlerin und Nachwuchswissenschaftler ihre persönliche Geschichte und ihre eigenen Motivationen. Dhanya Nambiar etwa, deren Promotion sich mit Krebstherapien beschäftigt, ordnet ihre Rolle als Forscherin in einen größeren politischen Zusammenhang ein: „Indien ist in Teilen immer noch ein Entwicklungsland – deshalb ist es so wichtig für uns, Wissenschaft und Technologien anderer Länder kennenzulernen und mit diesen Eindrücken nach Indien zurückzukehren.“ So sammelte die Reisegruppe Eindrücke nicht nur an den erwähnten Instituten in Dresden und Göttingen, sondern auch an der Berliner Graduiertenschule „Berlin-Brandenburg School for Regenerative Therapies“ und an dem internationalen Graduiertenkolleg „Functional Molecular Infection Epidemiology“, einer Kooperation der FU Berlin mit der Universität in Hyderabad. Schlusspunkt des wissenschaftlichen Teils der Post-Lindau-Tour war der Besuch des Exzellenzclusters „Cellular Stress Responses in Aging-Associated Diseases“ (CECAD) an der Universität zu Köln, wo man an Alterungsprozessen und altersassoziierten Erkrankungen forscht.

Bevor die indischen und thailändischen Reisenden den Heimweg antraten, besuchten sie noch die Geschäftsstelle der DFG: Hier wurden sie von Dr. Harald von Kalm, DFG-Abteilungsleiter, und Dr. Ingrid Krüßmann, der für die Post-Lindau-Tour verantwortlichen Direktorin, begrüßt. Im Anschluss konnten sie in mehreren Vorträgen mehr darüber erfahren, wie sie die Förderung der DFG, der Alexander von Humboldt-Stiftung oder des DAAD in Anspruch nehmen können.

Das Fazit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Post-Lindau-Tour fällt am Ende durchweg positiv aus. „Es ist wirklich ein echtes Erlebnis, mehr als 1.500 Kilometer durch Deutschland zu reisen und dabei so viele Wissenschaftsstandorte und Institute zu besuchen“, sagt einer. Und seine Nachbarin ergänzt: „Die Atmosphäre an den Instituten lädt sehr zum wissenschaftlichen Arbeiten ein“. Alle fühlten sich als internationale Forschende sehr willkommen – und können sich vorstellen, in der Zukunft wieder nach Deutschland zu kommen, um selbst hier zu forschen.

Zur Reise der Delegation aus China

Auch eine chinesische Reisegruppe reiste im Anschluss an die Nobelpreisträgertagung in Lindau durch Deutschland. Organisiert wurde diese Variante der Post-Lindau-Tour vom Chinesisch-Deutschen Zentrum für Wissenschaftsförderung in Beijing, das gemeinsam von der National Natural Science Foundation of China (NSFC) und der DFG gegründet wurde und seither von beiden zu je 50% finanziert wird. Die 30 chinesischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler nahmen eine ähnliche Route wie ihre indischen und thailändischen Kollegen: Von Lindau starteten sie über Augsburg nach München, danach ging es weiter nach Dresden, Berlin und schließlich über Göttingen nach Heidelberg. Dabei besuchten sie etwa die Fakultät der „Human Biology and Bioimaging“ der Ludwig-Maximilian-Universität München, das „Center for Regenerative Therapies Dresden“ (CRTD), die Charité Berlin oder das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg. „Wir sind durch Deutschland gereist und haben dabei einige der größten Institute und Universitäten besucht. Was mich jedoch am meisten beeindruckt hat, waren nicht die exzellenten Forschungsbedingungen und Technologien, sondern das Funkeln in den Augen der Forscherinnen und Forscher“, kommentiert Han Xiaoran. Ihr Kollege Hou Wentao fügt hinzu: „Die Institute in Deutschland kümmern sich nach meinem Eindruck um die Bedürfnisse jedes einzelnen Forschers und sorgen sich um jeden Studenten. Es fühlt sich an, als würde Wissenschaft wirklich wertgeschätzt.“ Li Jianfeng bemüht schließlich einen Vergleich zum Fußball, um seine Eindrücke zu beschreiben: „Ähnlich wie bei der Fußball-Nationalmannschaft sind es auch in der Wissenschaft Solidarität und enge Kooperation, die die deutschen Forschungsinstitute auf ein weltmeisterliches Niveau heben.“