Moderne Wissenschaft und Religion

24. Oktober 2012  Professor Friedrich Wilhelm Graf

Das Thema zog: Die Leibniz-Lecture von Friedrich Wilhelm Graf aus München am 24. Oktober 2012 zum Thema „Modern Science and Religion: Are They Mutually Exclusive“ lockte mehr als 140 Zuhörer ins German Haus, New York. Die DFG hatte in Kooperation mit dem Deutschen Wissenschafts-und Innovationshaus (DWIH) New York zu diesem Abend eingeladen.

Leibniz Lecture im German House, New York: Dr. Oliver Schnakenberg, stellvertretender Generalkonsul; Dr. Eva-Maria Streier, Direktorin DFG-Büro New York; Leibniz-Preisträger Professor Friedrich Wilhelm Graf; Dr. Joann Halpern, Deutsches Wissenschafts- und Innovationshaus, New York (v.l.)

Die Thematik hatte schon früh im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf eine Rolle gespielt und bewegt unter anderem durch die Aufnahme der Schöpfungslehre in die Biologieschulbücher einiger Bundesstaaten die Gemüter weiter. Aber wer einfache, holzschnittartige Antworten im Sinne von "gute Wissenschaft" versus "böse Religion" oder umgekehrt erwartet hatte, sah sich getäuscht. Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Leibniz-Preisträger des Jahres 1999 und regelmäßiger Autor unter anderem für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung, differenzierte. Die moderne Wissenschaft, so Graf, habe unser Leben grundlegend verändert und werde dies auch weiter tun, aber dies gebe Wissenschaftlern kein Recht, eine quasi-religiöse Rolle als moderne Propheten anzunehmen. Die wichtigste Antwort der Wissenschaft auf den Kreationismus sei die Selbstbeschränkung der Forschung, führte Graf weiter aus. Und er zitierte Adolf von Harnack mit dem Satz: „Wissenschaft kann nicht Sinn stiften, das kann nur Religion.“ Angesichts der zunehmenden Vielfalt religiöser Ausdrucksformen in modernen Gesellschaften könne es keine einheitliche Moral geben. Alle Akteure in der Zivilgesellschaft, also auch die Religionsgemeinschaften, müssten am Diskurs über die Grenzen der Wissenschaft teilnehmen, nicht nur die Wissenschaftler selbst. Graf schloss seinen Vortrag mit zwei Thesen: Religion diene dem Leben, wenn sie nicht versuche, eine „bessere“ Art von Wissenschaft zu sein. Und Wissenschaft könne keine Weltanschauung oder gar Lebenssinn vermitteln.

Viele interessierte Zuhörer fanden den Weg zu den Vorträgen

Die anschließende, sehr lebendige Fragerunde konnte nur durch den Hinweis auf den Empfang im 23. Stock des Deutschen Hauses mit Blick auf die UNO und den East River beendet werden. Schließt Evolution die Existenz Gottes aus? Adressieren Wissenschaft und Religion wirklich dieselben Fragen? Ist die zunehmende Radikalisierung religiöser Ausdrucksformen – Islam, Evangelikale – ein Ergebnis der Antworten, die moderne Wissenschaft auf komplexe Probleme geben kann? Dies waren nur einige der angesprochenen Themen. Darüber diskutierten die Anwesenden intensiv und lang.

Die Leibniz-Lecture war der Höhepunkt des einwöchigen Besuchs, zu dem die DFG Professor Graf und seinen Assistenten Dr. Stefan Pautler in Kooperation mit den Goethe-Instituten in New York und Washington D.C. eingeladen hatte. Unter der Regie von Goethe New York fand am Deutschen Haus an der New York University eine Debatte mit Marcia Pally, Sprach- und Kulturwissenschaftlerin zum Thema „Religion und Demokratie in den USA und Deutschland“ statt; in Washington D.C. in der Verantwortung des dortigen Goethe Instituts eine Diskussion an der Catholic University zur Zukunft der Ökumene.

In New York moderierte Leo O’Donovan, SJ, der frühere Präsidenten der Georgetown Universität eine Luncheon Discussion, bei der es noch einmal um das Verhältnis von Wissenschaft und Religion ging. Teilnehmer waren hier neben Kollegen von Graf aus den New Yorker Universitäten Vertreter aus der Wirtschafts- und Finanzwelt, die über den „American Council on Germany“ (ACG) und die DFG eingeladen waren.

Im Berkley Center für Religion, Peace and World Affairs: Der Gastgeber und Religionssoziologe Jose Casanova mit Friedrich Wilhelm Graf vor großem Publikum

In Washington trug Graf am renommierten Berkley Center for Religion, Peace and World Affairs vor. Gastgeber war hier José Casanova, einer der weltweit bekanntesten Religionssoziologen. Im Konferenzraum drängten sich die Zuhörer – viele von ihnen aus dem Außenministerium und den verschiedenen Botschaften. Bei dieser Veranstaltung ging es um die religiöse Situation in Deutschland und Europa heute und Graf vertrat die These, dass es weder ein Christentum, noch ein Europa gebe. Der religiöse Pluralismus aufgrund der Einwanderung habe in Europa in den letzten 30 Jahren deutlich zugenommen – die Aufgabe sei es jetzt, die Vielfalt zu integrieren und damit umgehen zu lernen.

Die Unterschiede zwischen den USA und Europa im Hinblick auf religiöse Praxis und Kirchenzugehörigkeit wurden in allen Gesprächen deutlich. Während die Amerikaner schon aufgrund ihrer Geschichte die Zugehörigkeit zu einer Kirche als ihren persönlichen Schutzraum sehen und sich entsprechend engagieren, auf der anderen Seite gegenüber Staat und Regierung grundsätzlich skeptisch sind, stellt sich dies in Europa umgekehrt dar.

Graf mit dem Historiker Fritz Stern in dessen Wohnung in New York

Flankiert wurden die Veranstaltungen dieser sehr dichten Woche durch Einzelbesuche bei Kollegen von Friedrich Wilhelm Graf. Eine „Stern“-Stunde war dabei der Besuch beim großen alten Historiker Fritz Stern in seiner Wohnung in der Nähe der Columbia University. Die Themen reichten von den aktuellen Arbeiten über Bonhoeffer, Tillich und Niebuhr bis zur Einschätzung der aktuellen politischen Situation in den USA. Zwei Gelehrte, zwei Generationen – ein Stück komprimierter Zeitgeschichte.

von Eva-Maria Streier

Mitschnitt des Vortrags