Die Geschichte der Notgemeinschaft

Vom forschungspolitischen „Krisenmanagement“ zur Schwerpunktbildung

18. März 2014 Gemeinschaftsarbeiten

Das Krisenjahr 1924: Die Notgemeinschaft steht kurz vor ihrer Auflösung

Die Notgemeinschaft konnte in den Jahren der Inflation nur „forschungspolitisches Krisenmanagement“ betreiben, an eine planende und vorausschauende Forschungsförderung war nicht zu denken.

Doch auch nach der Währungsreform setzte sich die unsichere Lage der Notgemeinschaft fort: Ende 1923 sah sich die Reichsregierung mit einem Währungsdefizit konfrontiert. Sie reagierte mit Einsparungen, welche auch vor dem Wissenschaftssystem nicht haltmachten, und plante daher auch eine drastische Herabsetzung des Etats der Notgemeinschaft. Vor allem Friedrich Schmidt-Ott konnte jedoch durch intensive Überzeugungsarbeit auch mittels eindringlicher Schreiben an Regierungsmitglieder sowie dem Reichspräsidenten Friedrich Ebert eine Etatkürzung verhindern und einen „Not-Etat“ in Höhe von drei Milliarden Reichsmark durchsetzen.

Schreiben des Reichpräsidenten Friedrich Ebert an Friedrich Schmidt-Ott, 1924

Schreiben des Reichpräsidenten Friedrich Ebert an Friedrich Schmidt-Ott, 1924

„Constructive Plan“ statt „emergency“ – die Entstehung der „Gemeinschaftsarbeiten“

Der Notgemeinschaft wurde im Ringen um den Etat vor Augen geführt, dass ihre Stellung innerhalb der Wissenschaftslandschaft keineswegs gesichert ist. Friedrich Schmidt-Ott sah sich nun nach Möglichkeiten um, die Wichtigkeit der Notgemeinschaft herauszustellen und das Profil der Notgemeinschaft zu schärfen.

Führende Vertreter der Politik machten schon in der Diskussion um die Etatkürzung deutlich, dass eine weitere Wissenschaftsförderung des Reichs vor allem der wissenschaftstechnologischen, produktbezogenen Forschung zu Gute kommen sollte. Initiativen zur Schwerpunktbildung bei der Forschungsförderung kamen auch von der Industrie: Diese beklagte einen akuten Nachwuchsmangel an qualifiziertem Forschungspersonal. Die Notgemeinschaft reagierte darauf und richtete von Industriespenden finanzierte Sonderausschüsse ein, welche Forschungsstipendien in den Bereichen Medizin und Elektrotechnik vergaben.

Auch auf internationaler Ebene bekam Friedrich Schmidt-Ott Anregungen, über das reine Reagieren auf Anträge hinaus forschungspolitische Akzente zu setzen: Im Januar 1925 stellte er in einer Sitzung des Hauptausschusses Pläne zur „Organisation von Forschungsaufgaben“ vor. Vorbild zu dieser Idee war der amerikanische „National Research Council“, welcher in Ausschüssen Forschungsaufgaben von wirtschaftlicher Bedeutung koordinierte. Ferner erhielt Friedrich Schmidt-Ott vom Direktor der europäischen Abteilung der Rockefeller Stiftung, Henry Eversole, den Rat, einen „constructive plan“ zu entwickeln, statt nur in einem „emergency“ Zustand zu verharren.

Die Gemeinschaftsarbeiten „im Bereich der nationalen Wirtschaft, Volksgesundheit und des Volkswohles“

Nach Beratungen mit Mitgliedern der Notgemeinschaft ‑ vor allem mit dem Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Adolf von Harnack – und dem Ausmachen der Stimmungslage von Regierungskreisen war Friedrich Schmidt-Ott klar: Erst mit großen Forschungsaufgaben, die allerdings „einem nationalen Bedürfnis“ entgegenkommen müssten und von wissenschaftlichen sowie industriellen Experten getragen werden, könne die Notgemeinschaft „das volle Rückgrat“ für ihre Arbeit erhalten.

Nach Beratungen mit Mitgliedern der Notgemeinschaft vor allem mit dem Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft Adolf von Harnack – und dem Ausmachen der Stimmungslage von Regierungskreisen war Friedrich Schmidt-Ott klar: Erst mit großen Forschungsaufgaben, die allerdings „einem nationalen Bedürfnis“ entgegenkommen müssten und von wissenschaftlichen sowie industriellen Experten getragen werden, könne die Notgemeinschaft „das volle Rückgrat“ für ihre Arbeit erhalten.

In einer Anlaufphase legte sie daher Forschungsschwerpunkte in den Bereichen der Metallforschung, Geophysik, Medizin und Ernährungswissenschaften fest, welche Forscher an verschiedenen Stellen und auf verschiedenen Gebieten in einem Forschungsverbund bearbeiten. Im Mai 1925 wurde in der „Denkschrift über die Forschungsaufgaben der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft im Bereich der nationalen Wirtschaft, der Volksgesundheit und des Volkswohles“ mit Erfolg gegenüber dem Reichstag um zusätzliche Finanzmittel geworben. Der Notgemeinschaft wurde für das Jahr ein Sonderfonds bewilligt, welcher den Jahresetat von 1926 um 30 % anhob. Die Zahl der Stipendiaten erhöhte sich von 93 im Jahr 1924 auf 344 im Jahr 1926. Nicht alle „Gemeinschaftsarbeiten“ waren interdisziplinäre Verbundforschungen: In vielen Fällen wurden Einzelforschungen nur unter einem Obertitel zusammengefasst. Gleichwohl erhielt die Notgemeinschaft durch die Hinwendung zu einer gestaltenden Forschungsförderung ein eigenständiges Profil.

Jedoch war nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Militär an den Gemeinschaftsforschungen interessiert. Deren „vaterländische Ausrichtungen“ liefen letztlich auch auf autarkiewirtschaftliche und rüstungsrelevante Fragestellungen hinaus. Die Reichswehr war seit 1927 bemüht, Fachvertreter des Heeres in die Ausschüsse der Notgemeinschaft zu entsenden, und die Führung der Notgemeinschaft verschloss sich diesen Bemühungen nicht. So war die Notgemeinschaft schon vor 1933 bereits in die geheimen Forschungen der Reichswehr involviert.

Weitere Informationen

Historische Förderfälle in GEPRIS Historisch

Die im Jahr 2020 anlässlich des hundertsten Gründungstages der DFG-Vorgängereinrichtung „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ veröffentlichte Datenbank GEPRIS Historisch macht mehr als 50.000 Förderfälle der Jahre 1920 bis 1945 unter Beteiligung von über 13.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern recherchierbar. Das System wird ergänzt um einen umfangreichen Textapparat, der in einem eigenen Kapitel auch auf das Flaggschiff-Instrument Gemeinschaftsarbeiten eingeht. Eine dort angebotene Tabelle macht für insgesamt 40 Gemeinschaftsarbeiten Anträge zugänglich, die diesen Programmen jeweils zugeordnet werden konnten.

Hinweise zur genutzten Literatur und den Fundorten