Die Geschichte der Notgemeinschaft

Die Anfangsjahre des Bestehens

14. Januar 2014 Die ersten Jahre der Notgemeinschaft

Die Geschäftsstelle im Berliner Schloss

Die Notgemeinschaft mietete für die Geschäftsstelle Räume im Berliner Schloss. Das Schloss, seit 1914 nur noch von Wachleuten und weiterem Personal besetzt, wurde ab 1918 gar nicht mehr vom Staat genutzt. Neben dem Schlossmuseum zogen als neue Mieter Vereine und Institutionen ein – so auch die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und ab 1925 der neu gegründete DAAD .

Das Berliner Schloss in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Im 2. Stockwerk rechts vom Eosanderportal lagen die Räume der Notgemeinschaft.

Das Berliner Schloss in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Im 2. Stockwerk rechts vom Eosanderportal lagen die Räume der Notgemeinschaft.

F. Schmidt-Ott beschreibt in seiner Biographie „Erlebtes und Erstrebtes“ das Arbeiten der Notgemeinschaft im Schloss:

„Nach vorübergehender Benutzung des zu meiner Verfügung stehenden Roosevelt-Zimmers der Staatsbibliothek gelang es mir, eine Reihe von Räumen im zweiten Stock des Schlosses, südlich vom Eosanderportal, zu gewinnen. Dort lag mein Zimmer zunächst dem Eingang, neben denen der Kollegen Schwoerer und Siegismund, mit denen ich in jederzeitigem Austausch über die uns bewegenden Fragen stand. Anschließend die übrigen Räume. Die mehr als achtzig Stufen zählende Wendeltreppe bot nicht gerade bequemen Aufstieg. Abwärts pflegte ich sie in schnellem Trabe zu erledigen. Der einzige Aufzug des Schlosses, der seinerzeit für die herzleidende Kaiserin eingebaut war, wurde erst nach längerer Zeit zu unserer Benutzung freigegeben. Dem lebhaften Besucherverkehr in der Notgemeinschaft bot diese Lage kein Hindernis. Der große Kinderspielsaal der kaiserlichen Prinzen gab sogar die Möglichkeit, wenigstens gelegentlich, einen Parlamentarischen Abend zu veranstalten, jederzeit aber Sitzungen des Hauptausschusses und Sitzungen unserer Ausschüsse und Kommissionen darin abzuhalten.“

Das Arbeitszimmer von Friedrich Schmidt-Ott im Berliner Schloss

Die Arbeit der Notgemeinschaft in den ersten Jahren ihres Bestehens

Auf der Gründungssitzung am 30. Oktober1920 wurde die Satzung beschlossen und das Präsidium gewählt, das den Präsidenten Friedrich Schmidt-Ott und seine beiden Stellvertreter Walter v. Dyck und Fritz Haber umfasste. Die Gründungsversammlung wählte zum Vorsitzenden des Hauptausschusses von Harnack, sein Stellvertreter wurde der Mediziner Friedrich von Müller von der Universitätsklinik München.

Die Arbeitsweise der Notgemeinschaft war stark auf den Präsidenten und das Präsidium ausgerichtet: Jeder Antrag wurde bei der Geschäftsstelle gestellt, von dort dem zuständigen Fachausschuss zur Begutachtung übersandt und nach der Begutachtung dem Hauptausschuss vorgelegt. Der Hauptausschuss legte eine Stellungnahme vor; die letztendliche Entscheidung oblag dem Präsidium mit dem Präsidenten an der Spitze.

Notgemeinschaftsausschuss 1924 mit Fritz Haber (v.l.) und Max Planck (Mitte)

Die Verwaltung der Notgemeinschaft war sehr klein, bestand sie doch nur aus dem Präsidenten, zwei Referenten, einem Hilfs-und einen Büroarbeiter sowie zwei Sekretärinnen. Schon nach ihrer Gründung hatte die Notgemeinschaft fast 2.000 Anträge zu bearbeiten; eine Überweisung der Fördergelder konnte aber erst ab Sommer 1921 mit der endgültigen Freigabe der Reichsmittel erfolgen.

Die Notgemeinschaft legte ihren Förderschwerpunkt zunächst auf die Verbesserung der wissenschaftlichen Infrastruktur. Sie sah es als ihre wichtigste Aufgabe an, vor allem Universitäten bei der Beschaffung von ausländischer Literatur und Zeitschriften zu helfen. Weiterhin wurde die Anschaffung von Laborbedarf und Versuchstieren unterstützt. Vom April 1922 bis März 1923 wurden 58 Anträge auf Forschungsstipendien bewilligt. Die Geisteswissenschaften waren mit einem Förderanteil von 57 % besonders stark vertreten , da vor allem kulturpolitisch prestigeträchtige Wissenschaftsunternehmungen gefördert wurden. Erst ab Mitte der 20er Jahre verschob sich das Verhältnis zugunsten der Naturwissenschaften und der Technik.

Die Tätigkeit des Bibliotheksausschusses

Oberste Priorität bei der Förderung hatte für die Notgemeinschaft zunächst die Auffüllung fehlender Bibliotheksbestände, vor allem bei ausländischen Zeitschriften. Für sämtliche deutsche Bibliotheken ist die Zahl der angeschafften ausländischen Zeitschriften von 3.000 vor dem Krieg auf 250 gesunken. Ein Kauf ausländischer Zeitschriften war aber durch die Schwäche der Mark im Ausland und der zunehmenden Inflation kaum möglich , sodass die Notgemeinschaft andere Wege finden musste, um den Bibliotheken zu helfen.

Privatpersonen, Bibliotheken im Ausland oder andere Institutionen spendeten der Notgemeinschaft Geld- und Sachmittel mit dem Auftrag, die Mittel an bedürftige wissenschaftliche Einrichtungen weiterzureichen. So spendete beispielsweise die amerikanische Rockefeller Foundation Geld für den Kauf von amerikanischer und angelsächsischer medizinischer Literatur Diese Stiftung wurde von dem amerikanischen Unternehmer John D. Rockefeller gegründet mit dem Zweck, das „Wohl der Menschheit auf der ganzen Welt“ zu fördern. Seit 1919 führte die Stiftung ein Europäisches Notprogramm durch. Es war den Bemühungen Fritz Habers zu verdanken, dass die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und die Notgemeinschaft von der Stiftung unterstützt wurden.

Über die Beschaffung von Literatur durch Spenden hinaus entwickelte die Notgemeinschaft einen Zeitschriften-Tausch deutscher Wissenschaftler mit befreundeten ausländischen Fachkollegen. Sie erstellte eine Liste der Periodika, die ihr zur Verfügung standen, und diese Bestände konnten dann zum Tausch verwendet werden. Die Tausch-Aktion war ein großer Erfolg – im Geschäftsjahr 1922/1923 wies der Bibliotheksausschuss etwa 300 Tauschverbindungen aus, durch welche ca. 600 ausländische Zeitschriften beschafft werden konnten.

Die Notgemeinschaft richtete auf Vorschlag der Rockefeller Stiftung für die von ihr gespendeten ausländischen Zeitschriften Lesezirkel für jeweils fünf Hochschulstädte ein: Die Zeitschriftenmappen lagen zwei Monate in einer Universität aus und wurden dann an die nächste Hochschule übergeben.

Zweiter Bericht der Notgemeinschaft, 1923

Zweiter Bericht der Notgemeinschaft, 1923

Weitere Informationen

Hinweise zur genutzten Literatur und den Fundorten

Cover Notgemeinschaften der Wissenschaft

Notgemeinschaften der Wissenschaft

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) in drei politischen Systemen, 1920 bis 1973, von Patrick Wagner

In der Reihe "Studien zur Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft", Band 12

Externer LinkZum Band auf der Seite des Franz Steiner Verlags