Nach dem zweiten Weltkrieg

Die Stunde null

28. Oktober 2019 „Zu retten, was noch zu retten ist“

Kriegsende

Die Lage der deutschen Wissenschaft wurde zum Kriegsende immer schwieriger, da der Lehr- und Forschungsbetrieb infolge des Luftkrieges sowie der Einberufungspraxis immer mehr eingeschränkt werden musste. Vor allem Berlins wissenschaftliche Infrastruktur war am Ende des Zweiten Weltkriegs weitgehend zerstört: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft verlegte ihre Berliner Institute schon ab 1943 nach West- und Süddeutschland und evakuierte im Januar 1945 einen Teil ihrer Generalverwaltung nach Göttingen. Etwa Drei Viertel der Mitglieder der Preußischen Akademie der Wissenschaften verließen meist im Zuge der Verlagerung von Kaiser-Wilhelm-Instituten Berlin. Archivbestände der Akademie wurden 1943 in Bergwerke ausgelagert und ihr Hauptsitz in Berlin, Unter den Linden, wurde 1945 stark beschädigt.

Auch die Notgemeinschaft verlagerte Apparate, Akten und Büromaterial an verschiedenen Orten nach Mitteldeutschland, jedoch wurde der Sitz ihrer Geschäftsstelle in der Grunewaldstraße in Berlin-Steglitz von Bomben verschont.

Haus der Deutschen Forschung, 1940

Der damalige Präsident der Notgemeinschaft, Dr. Rudolf Mentzel, setzte sich kurz vor Kriegsende nach Schleswig-Holstein ab und geriet dort in britische Kriegsgefangenschaft. Friedrich Schmidt-Ott, erster Präsident der Notgemeinschaft und 1934 seines Amtes von den Nationalsozialisten enthoben, wurde 1935 Präsident des „Stifterverbandes der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“. Nach Kriegsende kam eine Rückkehr in das Präsidentenamt der Notgemeinschaft für ihn nicht infrage.

In russischer und amerikanischer Besatzung

Im April 1945 nahm die Rote Armee Berlin ein, die bis zum Einzug der westlichen Alliierten in die Hauptstadt im Juli 1945 einzige Besatzungsmacht war. Die russische Besatzung als auch der von ihr eingesetzte Magistrat der Stadt Berlin löste die Notgemeinschaft nicht auf.

Die Belegschaft verringerte sich von vormals ca. 70 auf 5 Personen. Dr. Karl Griewank, ehemals persönlicher Referent Schmidt-Otts und Referent für Geisteswissenschaften und Verlagswesen, übernahm provisorisch die Leitung der Geschäftsstelle. Seit 1943 lehrte er Geschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Ihm zur Seite standen Prof. Dr. Karl Stuchtey, der bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten 1934 Leiter des Apparateausschusses war, sowie zwei Sekretärinnen und zwei Halbtagskräfte für die Buchhaltung und Registratur. In seinem später verfassten Lebenslauf beschrieb Karl Griewank die Motivation für seine künftige Tätigkeit als Leiter der Notgemeinschaft:

„Nachdem kurz vor dem Sturz des Hitlerregimes die bisherige Leitung der deutschen Forschungsgemeinschaft die Flucht ergriffen hatte, habe ich eine unabweisbare Aufgabe darin gesehen, (…) die noch vorhandene Substanz an Werten, Material und guten, politisch einwandfreien Arbeitskräften zusammenzuhalten und (…) die aus früherer Zeit rühmlich bekannte Institution der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft für den Neuaufbau des wissenschaftlichen Lebens zu erhalten und wieder einsatzfähig zu machen.“

Karl Griewank gelang es, den Magistrat der Stadt Berlin für die Weiterführung des Geschäftsbetriebes der Notgemeinschaft zu gewinnen und ihn zum „Vorläufigen Leiter“ einzusetzen. An eine Erweiterung der Geschäftsstelle und die Wiederaufnahme der einstigen Kernaufgabe der Notgemeinschaft – Forschungsförderung vornehmlich an deutschen Universitäten – war nicht zu denken. Es gab keine zentralen staatlichen Stellen mehr, die die Notgemeinschaft finanzierten, und die vorhandenen Konten waren durch Besatzungsrecht gesperrt. Die kleine Geschäftsstelle beschränkte sich daher auf Vermittleraufgaben für Literaturbeschaffung und Recherchearbeiten zum Auffinden des geographisch versprengten wissenschaftlichen Personals der Universitäten.

Ausschnitt aus einer Bestandsliste von Schreibmaschinen und anderen Büro-Apparaten mit dem handschriftlichen Zusatz: „Der ganze Bestand ist von dem 2. russischen Kommando mitgenommen worden.“

Ausschnitt aus einer Bestandsliste von Schreibmaschinen und anderen Büro-Apparaten mit dem handschriftlichen Zusatz: „Der ganze Bestand ist von dem 2. russischen Kommando mitgenommen worden.“

Kurz nach der Einnahme Berlins durch die sowjetischen Streitkräfte drangen russische Truppen Ende Mai 1945 mehrmals in die Geschäftsstelle ein. Sie sperrten das Personal der Notgemeinschaft über Nacht ein und konfiszierten Inventar. Darüber berichtete Karl Griewank:

„Am 22. Mai erschien nachmittags eine russische Kommission (…). Der Oberst ersuchte um Öffnung der Kellerräume, insbesondere des Apparate-Kellers. Der Apparate-Keller wurde eingehend besichtigt. (…) Am 23. Mai erschienen dieselben Herren mit einer Anzahl von Hilfskräften und ließen die Mehrzahl der Apparate aus dem Apparate-Keller und im Vorraum zusammenpacken und abtransportieren. Der Oberst verlangte von mir wiederholt und kategorisch einige Foto-Apparate, insbesondere Leicas, die nach Feststellung einer früheren Kommission hier vorhanden sein müßten. Ich konnte ihm nach Befragen der hiesigen Angestellten und Hauseinwohner nur mitteilen, daß in der ersten Besetzungszeit von russischen Soldaten zahlreiche Apparate entwendet und zertrümmert worden sind (…) Teppiche sind ebenfalls abtransportiert worden. (…)

Am Dienstag, d. 30. Mai (…) wurde das Haus von einem militärischen Kommando besetzt und gegen jeden Zu- und Abgang abgesperrt, die im Hause anwesenden Angestellten und Hauseinwohner im früheren Luftschutzraum zusammengedrängt und dort bis zum nächsten Abend festgehalten. (…) Das Haus ist dann bis zum 4. Juni mittags von einem militärischen Kommando besetzt gewesen. In dieser Zeit haben erhebliche Abtransporte stattgefunden, insbesondere sind fast alle wertvollen Bücher, der Rest der Apparaturen und all im Hause vorhandenen Schreibmaschinen abtransportiert worden. (…)“

Bescheinigung russischer Offiziere über den Abtransport einer „Rota Print“. In Übersetzung: „Wir, die Unterzeichneten, haben das vorliegende Protokoll über folgendes erstellt: Von uns, den Vertretern der Einheit No 71650, wurde eine „Rota Print“ abge

Bescheinigung russischer Offiziere über den Abtransport einer „Rota Print“. In Übersetzung: „Wir, die Unterzeichneten, haben das vorliegende Protokoll über folgendes erstellt: Von uns, den Vertretern der Einheit No 71650, wurde eine „Rota Print“ abgeholt.“

Einige Wochen später bot die Notgemeinschaft der ausgebombten Preußischen Akademie der Wissenschaften Räume in der Grunewaldstraße zur Untermiete an.

Doch zum Einzug der Akademie in die Grunewaldstraße kam es nicht mehr, da sich Anfang Juli 1945 die Verhältnisse in Berlin grundlegend änderten. Nachdem am 1. Juli 1945 der Rückzug der alliierten Truppen in die ihnen durch das Londoner Abkommen zugewiesenen Besatzungszonen begonnen hatte, konnte die Besetzung der Westsektoren Berlins durch amerikanische, britische und französische Besatzungstruppen erfolgen. Die Grunewaldstraße in Berlin-Steglitz lag nun im amerikanischen Sektor, und amerikanische Besatzungstruppen beschlagnahmten vom 3.-5. Juli 1945 das Anwesen Grunewaldstraße 35. Auch über diese Beschlagnahmung berichtete Karl Griewank:

„Am Dienstag, d. 3. Juli 1945 erschien nachmittags gegen 4 Uhr das erste Kommando von Amerikanern im Hause. (…) Sie kamen im Auftrag der Interalliierten Kommission mit dem Sitz in Dahlem (…) und sahen sich zunächst nach den Innenräumen des Hauses und seinem Zustande um. (…) Am 4. Juli (…) fuhren dann zwei Lastzüge vor mit etwa 20 Soldaten unter Leitung des Offiziers, der am Tage vorher die Besichtigung vorgenommen hatte. Dieser ließ ohne irgendeine Erklärung die Schreibtische und kleinen Büromöbel im Hauptgeschoß ausräumen, bis die Lastzüge voll waren, und ließ sich auf keinerlei Erörterung ein. (…) Am nächsten Morgen, 6. Juli, (…) erkundigte sich (Captain Seview) nach unserer Organisation, sowie danach, woher sie ihre Mittel gehabt habe und wem das Haus juristisch gehöre. Er wollte offenbar von vornherein darauf hinaus, daß das Haus Reichseigentum sei. (…) Er eröffnete uns dann: 1. Die Amerikanische Militärregierung beschlagnahmt das Haus als Reichseigentum. 2. Alle bisher im Hause tätigen oder wohnhaften Personen haben das Haus bis 5 Uhr nachmittags zu verlassen (…).“

Karl Griewank stellte am 16. Juli 1945 einen Antrag auf Aufhebung der Beschlagnahmung, doch erst 1952 wurde das Grundstück und Haus von der amerikanischen Besatzungsmacht freigegeben.

Auszug aus dem Schreiben Dr. Griewanks an den Master of quarter beim Military Government 16.7.1945

Auszug aus dem Schreiben Dr. Griewanks an den Master of quarter beim Military Government 16.7.1945

Die Geschäftsstelle musste ihr Gebäude räumen und zog in das Privathaus Karl Griewanks in der Kommandantenstraße 18 in Berlin-Lichterfelde.  Da der Ruf Griewanks an die Universität Jena für das Jahr 1947 bevorstand, mietete die Notgemeinschaft ab dem 20.7.1946 Räumlichkeiten in dem Bürohaus „Haus des Forschungsdienstes e.V.“ der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in der Podbielskiallee 25/27 in Berlin-Dahlem. Während des Zweiten Weltkrieges hatten in diesem Haus Konrad Meyers Planer, finanziert durch die DFG, den „Generalplan Ost“ zur gewaltsamen ethnischen Neuordnung Ost- und Ostmitteleuropas erarbeitet.

Umzugsmitteilung der Notgemeinschaft.

Weitere Informationen

Hinweise zur genutzten Literatur und den Fundorten