Einladung zur Spurensuche

Über das Projekt "GEPRIS Historisch"

Ein besonderes Onlineangebot anlässlich von 100 Jahren Forschungsförderung: Das neue Informationsportal "GEPRIS Historisch" macht Forschungsprojekte, Wissenschaftsdisziplinen und die Praxis der Forschungsförderung zwischen 1920 und 1945 sichtbar.

Mit "GEPRIS Historisch" bietet die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit Mitte Dezember ein umfangreiches Informationsportal, das die Geschichte der DFG und über diese auch die der Wissenschaften zwischen 1920 und 1945 zugänglich macht. Das Onlineangebot umfasst etwa 50000 bewilligte und abgelehnte Anträge an die 1920 gegründete "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft" und ihre Nachfolgeorganisation, die DFG.

"Ich freue mich sehr, dass wir mit der Veröffentlichung von 'GEPRIS Historisch' noch in unserem Jubiläumsjahr ein Stück Geschichte der DFG öffentlich zugänglich und nachvollziehbar machen können. Zugleich möchten wir damit auch zur intensivierten, wissenschaftlichen Erschließung von Forschung und Forschungsförderung in den Epochen der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus beitragen", unterstrich DFGPräsidentin Professorin Dr. Katja Becker zum Start des Portals.

Sieben Jahre Aktenauswertung

Das neue Informationssystem erlaubt erstmals die Recherche zu Forschungsprojekten und Personen vor Ende des Zweiten Weltkriegs. "Im Rahmen der Planungen zu unserem Jubiläum stellte sich die Frage 'Was kann die DFG-Geschäftsstelle dazu beitragen?' und uns war klar: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, und das ist die richtige Idee", sagt Projektleiter Dr. Jürgen Güdler. Damit meint er einen Datenschatz, den seine Gruppe Informationsmanagement in der DFG-Geschäftsstelle sieben Jahre lang gehütet hat: Eine Excel-Tabelle mit über 55.000 Einzelinformationen, ausgewertet aus Tausenden von Anträgen, Dokumenten und Karteikarten zum Fördergeschehen von 1920 bis 1945.

In dieser Zeit wurden etwa 50.000 Forschungsanträge von über 13.000 Personen gestellt – aus 2500 Einrichtungen. "Uns war bewusst, dass diese Daten unglaublich faszinierend sind und da viel drinsteckt. Aber sie so aufzubereiten, dass man sie vernünftig nutzen kann, war eine große Herausforderung." Der Berliner Historiker Dr. Sören Flachowsky hatte die vielen Daten, die im Rahmen von Arbeiten einer Forschungsgruppe zur Geschichte der DFG ausgewertet wurden, der DFG-Geschäftsstelle bereits 2013 übergeben – verbunden mit dem Wunsch "Macht etwas Schönes daraus", erinnert sich Jürgen Güdler.

Nachvollziehbar, denn der Historiker hatte die Informationen in siebenjähriger Sisyphusarbeit gesammelt: "Der Bestand der DFG im Berliner Bundesarchiv umfasst etwa 7000 Akten, die alle einzeln in die Hand genommen und durchgesehen werden mussten. Dazu Bestände bei der DFG selbst, Listen von Ausschüssen, Jahresberichte und biografische Nachschlagewerke", erklärt Flachowsky. "Das Bundesarchiv hat mir sogar ein Lesegerät mit nach Hause gegeben. Das deutet also an, wie lange sich der Prozess hingezogen hat."

Für "GEPRIS Historisch" auf Spurensuche

Was nach entsagungsvoller Archivarbeit klingt, sei im Ergebnis für alle Beteiligten eine große Bereicherung gewesen, berichtet Jürgen Güdler. Nicht selten sei das Team auf wahre "Schätze" gestoßen, etwa zwei Anträge im Zusammenhang mit "Sonnenkraft-Maschinen", also zur Nutzung von Sonnenenergie. "Die Tragik war, dass beide Projekte abgelehnt wurden. In einem Fall ging es um einen Druckkostenzuschuss, der daran scheiterte, dass in den 1940er Jahren Papierknappheit herrschte. Aber was wäre wohl gewesen, wenn die Idee der Sonnenkraft-Maschinen damals weiterverfolgt worden wäre?"

Die Datenbank deckt die gesamte Bandbreite der Disziplinen ab, universitäre wie außeruniversitäre Forschung, bewilligte und abgelehnte Anträge. "Und man darf nicht vergessen", betont Sören Flachowsky mit Blick auf die Weimarer Republik, "dass es auch die Glanzzeit der deutschen Wissenschaft war. Deutschland hat in dieser Zeit die meisten Nobelpreisträger hervorgebracht, die sich natürlich im Förderspektrum der Notgemeinschaft wiederfinden."

So lädt "GEPRIS Historisch" ausdrücklich dazu ein, sich eigenständig auf Spurensuche zu begeben, sei es über die eigene Institution, eine Person oder einen Ort – und dadurch auch "auf Biografien von Wissenschaftlern zu stoßen, die weniger bekannt wurden", sagt Projektmitarbeiter Dr. Richard Heidler, der auch anhand alter Fotos viele Puzzleteile zusammengesetzt hat. "Beispielsweise die Wissenschaftlerinnen dieser Zeit. Das war eine Pionierleistung, sich zu etablieren. Nur drei Prozent waren damals Antragstellerinnen." Sogenannte Themenseiten auf 'GEPRIS Historisch' wenden sich einzelnen Schwerpunkten wie diesem ausführlich zu.

Viel Licht, aber auch viel Schatten

"GEPRIS Historisch" nimmt zwei höchst unterschiedliche Epochen in den Blick. Dabei werden auch die dunklen Kapitel der deutschen Wissenschaftsgeschichte sichtbar. In den Akten finden sich beispielsweise Hinweise auf Denunziationen, sagt Flachowsky: "Im Jahr 1933 wurde sogar recht proaktiv mit der sogenannten Judenfrage umgegangen oder dem Ministerium von sich aus angezeigt, dass man jüdische Studierende oder Stipendiaten beschäftigte, was zu der Zeit natürlich schreckliche Konsequenzen hatte."

Auch an diese Geschehnisse will "GEPRIS Historisch" erinnern. "Wir konnten das Verschwinden regelrecht sichtbar machen", so Heidler. "Wir haben die Namen mit damaligen Listen von Hilfsorganisationen für Vertriebene abgeglichen und unter den Antragstellenden über 500 identifiziert." In der Datenbank ist das jetzt nachvollziehbar: Ein Link bei der jeweiligen Person führt im Sinne eines "digitalen Stolpersteins" auf die dazugehörige Themenseite. Laut Sören Flachowsky sei zudem unverkennbar, welche Schwerpunktbildung die Notgemeinschaft gesetzt habe, indem Staatsinteressen bedient wurden und sie in rüstungsrelevante Forschung involviert war: "Und ich meine nicht nur auf dem Gebiet der Radartechnik oder Torpedos, sondern auch zur Siedlungsplanung, die ganz klar auf die Germanisierung der besetzten Gebiete abzielte."

Die Möglichkeiten der Spurensuche sind bei "GEPRIS Historisch" vielfältig – nicht nur für Wissenschaftshistorikerinnen und -historiker, sondern auch für Laien. Es sei ausdrücklich kein geschlossenes System wie etwa eine Buchedition, sondern eine Einladung an alle, weiter daran mitzuwirken, betont Projektleiter Güdler. "Und wir freuen uns, wenn auch andere Entdeckungen machen oder schon gemacht haben und diese mit uns teilen, damit die dunklen Stellen weiter beleuchtet werden."