Chancengleichheit und Diversität: DFG-Mitglieder tauschen Erfahrungen aus

Oktober 2021 I Workshop zu den Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards

Um die Erhöhung des Frauenanteils in der Postdoc-Phase und den Umgang der Hochschulen mit dem Thema Vielfältigkeit und Diversität ging es im zweiten Workshop der DFG-Mitglieder am 28. Oktober 2021 im Rahmen eines kollegialen Erfahrungsaustauschs.

Portrait-Theater über die Mathematikerin Emmy Noether

Sie war promoviert, sie bereitete die Vorlesungen eigenständig vor, die unter dem Namen des Ordinarius gehalten wurden, sie arbeitete an ihrer Habilitation, obwohl Frauen noch nicht habilitieren durften, und erhielt, nachdem das Habilitationsrecht erteilt worden war, 1922 eine außerordentliche Professur in Göttingen, dem damaligen „Mekka der Mathematik“. Allerdings: Sie war im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nicht verbeamtet, ohne Gehalt, ohne Pension. Aber, und das war eine Ehre, sie durfte die Göttinger Badeanstalt besuchen! So berichtete die Pionierin Emmy Noether nicht ohne Ironie von ihrer wissenschaftlichen Karriere in dem kurzen Stück „Mathematische Spaziergänge mit Emmy Noether“, dargeboten von der Schauspielerin Anita Zieher.

Anhand des Porträt-Theaters gelang eine kurzweilige Einstimmung auf die Themen des Workshops zu den Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards am 28. Oktober, der dem kollegialen Erfahrungsaustausch der DFG-Mitglieder diente. Denn zweifellos hat sich die Lage der Frauen in der Wissenschaft, wie in der Gesellschaft insgesamt, in den vergangenen 100 Jahren grundlegend verändert. Die Diskussionen unter den rund 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmern machten jedoch deutlich, dass auf dem Feld der Chancengleichheit wie auch auf dem der Diversität im deutschen Wissenschaftssystem, und damit auch beim Förderhandeln der DFG, weiterhin deutlicher Handlungsbedarf besteht.

DFG-Präsidentin Professorin Dr. Katja Becker

Diesen Handlungsbedarf betonte auch DFG-Präsidentin Professorin Dr. Katja Becker bei ihrer Begrüßung der Hochschulleiterinnen und Hochschulleiter sowie weiterer Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulen, der Mitglieder der AG Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards und des DFG-Senats sowie der mit der Thematik betrauten Mitglieder der DFG-Geschäftsstelle. Becker konstatierte, dass Chancengleichheit wie auch Diversität Vorbedingungen für die Entstehung bester Forschung seien. In manchen Teilen der Welt, wie in den USA, seien sie bereits „seit Langem gelebte Praxis“. In Deutschland habe man insbesondere hinsichtlich der Diversität Nachholbedarf – das hätten nicht zuletzt die internationalen Gutachterinnen und Gutachter während der letzten Runde der Exzellenzstrategie festgestellt. Noch immer bestimme beispielsweise die soziale Herkunft maßgeblich über den Bildungsweg und -erfolg von Kindern.

Becker unterstrich zugleich das langjährige Engagement der DFG im Bereich der Chancengleichheit. Die DFG habe ihre Förderinstrumente immer wieder auf strukturelle Hemmnisse hin geprüft und etwaige Förderlücken geschlossen, dies werde sie auch in Zukunft tun. Darüber hinaus liege es aber auch in der Verantwortung der Universitäten, das Thema auf Leitungsebene zu verankern und weiter voranzutreiben.

Für den darauffolgenden Austausch hatten sich die Mitglieder der DFG auf zwei Schwerpunktthemen verständigt, die im Zentrum des Workshops standen: Zum einen die Erhöhung des Anteils von Frauen in der Postdoc-Phase, zum anderen der Umgang der Hochschulen mit dem Thema Vielfältigkeit und Diversität. Zum ersten Thema stellte Dr. Dagmar Simon, Mitglied der AG Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards und Geschäftsführerin von EVA-Consult in Berlin, eine Zusammenfassung der wichtigsten Aspekte aus den von den Hochschulen eingereichten Berichten vor.

DFG-Generalsekretärin Dr. Heide Ahrens und Expertin Dr. Dagmar Simon

Die Dringlichkeit des Themas zeige sich unter anderem bei der #IchBinHanna-Debatte, deren Kern Simon so zusammenfasste: „Ich bin promoviert, habilitiert, perspektivlos“. Nach reger Diskussion ließen sich folgende Punkte als wichtigster Änderungsbedarf für die Problematik festhalten: die stärkere Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen mit Blick auf die unterschiedlichen Frauenanteile, Qualifikationswege und -dauern in den einzelnen Fachdisziplinen sowie die hochschulübergreifende oder gar bundesweite Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit von Daten.

Um die Qualifikation und Anschlusschancen Forschender in frühen Karrierestadien zu verbessern, brauche es spezifische Beratung und Netzwerke zwischen Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Wirtschaft. Nichts weniger als ein Systemwechsel sei zudem nötig, mit mehr Qualifizierungsmöglichkeiten auf unbefristeten Stellen und Karrierewegen neben der Professur. Von der DFG wünschten sich die Hochschulen schließlich die Beauftragung von Studien oder auch strategische Ausschreibungen.

In einem „elevator pitch“ stellten zudem Mitgliedseinrichtungen jeweils ein gelungenes Beispiel zur Verbesserung des Frauenanteils in der Postdoc-Phase als Anregung vor. Moderiert wurde der Pitch von Dr. Heide Ahrens, DFG-Generalsekretärin und Mitglied der AG Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards.

In das zweite Thema, den Umgang der Hochschulen mit dem Thema Vielfältigkeit und Diversität, führte zunächst Professorin Dr. Birgitt Riegraf, Mitglied der AG Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards und Präsidentin der Universität Paderborn, ein. Die im Vergleich zur Gleichstellung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen nannte sie als eine große Herausforderung: Während Diversitätskategorien wie chronische Erkrankungen und körperliche Beeinträchtigung eine rechtliche Grundlage im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz hätten, seien andere Dimensionen wie soziale Herkunft, Alter oder Migrationshintergrund als solche weniger klar geregelt.

Präsidentin der Universität Paderborn, Professorin Dr. Birgitt Riegraf und DFG-Vizepräsident Professor Dr. Roland A. Fischer

Den anschließenden Austausch sowie die Präsentation weiterer Best-Practice-Beispiele einzelner Hochschulen moderierte Professor Dr. Roland A. Fischer, DFG-Vizepräsident und Leiter der AG Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards. Folgende Aspekte wurden genannt, die für die Förderung von Diversität im Wissenschaftssystem als besonders wichtig gelten könnten: Ohne Diversität sei dauerhaft keine exzellente Wissenschaft möglich, und daher müsse auch eine Überprüfung bisher gängiger Bewertungskriterien für wissenschaftliche Leistungsfähigkeit vorgenommen werden. Es brauche ferner systematische Forschung zur Wirksamkeit bestehender Maßnahmen, zugleich müsse Diversität – wo relevant – in die Forschungsfragen aller Themen integriert werden.

Bei der Entwicklung und Umsetzung einer Diversitätsstrategie sollten die Hochschulen überdies die einzelnen Dimensionen von Diversität mit Blick auf den eigenen Standort auswählen und gewichten. Als mögliche Lösungswege für die Herausforderung der Datenerfassung sahen die Teilnehmenden hochschuleigene anonyme Erhebungen wie auch die Einbeziehung von Erfahrungen und Daten anderer Hochschulen und aus der Forschung an. Um allen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen, brauche es schließlich einen Kulturwandel im deutschen Wissenschaftssystem sowie strukturelle Veränderungen vor Ort.

Im Januar 2022 wird die AG Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards über mögliche Anpassungen des Austauschprozesses beraten. Hierzu, wie auch zu zwei neuen Schwerpunktthemen für den kommenden Austauschzyklus wird sie Vorschläge erarbeiten, über die die Mitglieder bei ihrer Versammlung im Sommer entscheiden können. Nicht mehr dabei sein wird dann der bisherige Leiter der AG, Roland A. Fischer, dessen Zeit als Vizepräsident der DFG im Dezember 2021 endet. Heide Ahrens dankte ihm für sein großes Engagement als „Sprachrohr“ für die Anliegen der Chancengleichheit. Ahrens äußerte die Hoffnung, dass Fischer als Chemiker „besonders feste Bindungen“ eingehe und sowohl dem Thema wie auch der DFG insgesamt weiter verbunden bleibe. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bedankten sich ihrerseits bei Fischer mit einem langanhaltenden digitalen Applaus.

„Schön wäre es, wenn sich die Frauen von vorneherein in der Wissenschaft wohlfühlen könnten. Ich gehe jetzt mal und lasse Sie, damit Sie damit vorankommen“, verabschiedete sich Emmy Noether am Ende des eingangs erwähnten Theaterstücks. Diesem Wunsch sind die DFG und ihre Mitglieder mit dem Workshop und dem intensiven Austausch zu Chancengleichheit und Diversität wieder einen Schritt nähergekommen.