Förderung der nächsten Generation von Forschenden

Mehr Zukunft ermöglichen

18. Mai 2021 Editorial aus der "forschung" 2/2021

Was braucht es für eine möglichst wirkungsvolle Förderung der nächsten Generation von Forschenden? Als Vizepräsidentin der DFG engagierte sich Marlis Hochbruck in den vergangenen Jahren intensiv für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in frühen Karrierephasen. Zum Ausscheiden aus dem Amt zieht sie eine auch persönliche Bilanz.

Prof. Dr. Marlis Hochbruck

Es mag Sie auf den ersten Blick überraschen, als Editorial der „forschung“ inmitten der anhaltenden Coronavirus-Pandemie ein Thema wie Nachwuchs und Nachwuchsförderung zu finden. Auf den zweiten Blick ist das aber kein Zufall, weil Fragen und Antworten rund um die Förderung in frühen Karrierephasen zu den fortdauernd wichtigsten Agendapunkten für einen Forschungsförderer zählen, übrigens auch international. Wenn es um Nachwuchsförderung geht, geht es immer um die Ermöglichung von Zukunft, genauer: Zukünften persönlicher, projekt- oder karrierebezogener Art. Nicht von ungefähr zählt die Nachwuchsförderung zu den satzungsgemäßen Selbstverpflichtungen der DFG. Ich bin davon überzeugt: Die Begleitung von Forschenden auf dem Weg zu einer wissenschaftlichen Karriere gehört in die Mitte der Wissenschaft(en) und der sie Fördernden.

Anlässlich des Ausscheidens aus meinem Amt als DFG-Vizepräsidentin möchte ich Ihnen gern vor Augen führen, warum der Nachwuchs für die DFG und auch für mich ganz persönlich wichtig ist – und was wir in den letzten Jahren in der DFG versucht haben, neu oder anders auf den Weg zu bringen. Jede Forschungsförderung steht ja vor einer doppelten Herausforderung: nämlich zum einen möglichst passgenau individuelle Karrieren in allen Disziplinen zu fördern, zum anderen überfachliche und systemische Karrierestrukturen zu befördern, die im Wortsinn „förderlich“ sind.

Der Ausgangspunkt aller Überlegungen und Aktivitäten der letzten Jahre war natürlich, dass sich die Rahmenbedingungen für Karrierewege und die Möglichkeitsräume zur Talententwicklung in der Wissenschaft kontinuierlich wandeln. So hat die DFG beständig zu überprüfen, ob und wie gut ihre Förderangebote tragen, blickend auf die gesamte „Karriereleiter“ und Förderkette – von der Promotion über die Postdoc-Zeit bis zur bis zur ersten Berufung.

Die insistierend zu stellende Frage lautet: Welche Förderangebote müssen angepasst oder neu justiert werden? In diesem Sinne hat sich eine im Jahr 2012 vom DFG-Präsidium eingesetzte Arbeitsgruppe zur Aufgabe gemacht, eine aktuelle Bestandsaufnahme anzugehen und zugleich Förderbedarfe und -anforderungen zu identifizieren. Mit Blick auf die Promotionsphase zeigte sich, dass sich sowohl die 2009 eingeführte Stellenfinanzierung im Programm Graduiertenkollegs bewährt hatte als auch die Anschubförderung, die ebenfalls 2009 in den Koordinierten Verfahren eingeführt worden war, um den Übergang von der Promotion in die Postdoc-Phase zu verbessern.

So weit, so erfreulich. Zugleich wurde in der DFG als wünschenswert erkannt, die Bemühungen und Flexibilisierungen der Programme voranzubringen. Für die frühe Postdoc-Phase wurde deshalb das Forschungsstipendium für das Ausland um ein niederschwelliges Pendant im Inland ergänzt. Daraus hat sich das 2018 eingeführte Walter Benjamin-Programm entwickelt. Und im Heisenberg-Programm wurde bei der Heisenberg-Professur die komplizierte Verschränkung von DFG-Regularien mit universitären Strukturerfordernissen unter ebenfalls flexibilisierenden Vorzeichen vereinfacht. Rückblickend sind verschiedene Anstöße zusammengekommen: Die Modifikation des Emmy Noether-Programms 2017 etwa stützte sich auf eine DFG-interne Studie zu Verlauf und Erfolgsfaktoren früher Karrierephasen und auf den Nachwuchspakt mit der Einführung von Tenure-Track-Professuren. Die formale Hürde für eine Bewerbung im Exzellenzprogramm – mindestens ein Jahr Forschungserfahrung im Ausland – wurde auch der
Vereinbarkeit von Familie und Karriere wegen abgeschafft. Dennoch bleiben internationale Erfahrung, Vernetzung, hochrangige Publikationen und Sichtbarkeit wesentliche Voraussetzungen einer Exzellenzförderung. Um den Geförderten mehr Planungssicherheit zu ermöglichen, wurde die Förderdauer von fünf auf sechs Jahre angehoben.

Zum Emmy Noether-Programm gehören – unverzichtbar – auch die Jahrestreffen in Potsdam. Sie erlauben es, wie auch die Heisenberg-Vernetzungstreffen, die Geförderten persönlich kennenzulernen und häufig auch mit ihrer wissenschaftlichen Welt und Begeisterung in Berührung zu kommen. Der (Erkenntnis-)Wert solcher Begegnungen ist kaum zu überschätzen. Im offiziellen Programm wie bei informellen Gesprächen am Rande lässt sich erfahren, was als gut und förderlich erlebt wird, aber auch wo es hakt oder neue Anforderungen aufgetreten sind.

Ein besonderer Grund zur Freude waren auch die jährlichen Auswahlsitzungen für den Heinz Maier-Leibnitz-Preis. Mit diesem namhaften deutschen Förderpreis zeichnet die DFG bekanntlich seit 1977 herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach der Promotion aus. Eine empirische Studie aus dem Jahr 2017 bestätigte, dass der Preis einem Karriereticket gleichkommt. Das Preisgeld, derzeit noch 20000 Euro, soll in Anerkennung erbrachter Leistungen und als Ansporn deutlich erhöht werden. Es ist mein Wunsch und meine Hoffnung, dass dies in absehbarer Zeit geschehen möge.

Erfolgreich konnte bereits eine weitere Anpassung umgesetzt werden: Die individuelle Finanzierungsdauer von Promovierenden in Graduiertenkollegs wird ab Frühjahr 2022 verlängert. Die Konferenz „Promovieren fördern“ im Herbst 2019 sowie weitere Studienergebnisse hatten herausgearbeitet, dass Promotionen in den Koordinierten Programmen der DFG durchschnittlich 51 Monate beanspruchen. Vor diesem Hintergrund wird Promovierenden künftig eine bis 48-monatige Promotionsförderung ermöglicht.

Noch einmal zur Postdoktorandenphase: Insgesamt verfolgt das Förderportfolio hier den Anspruch, sich schlank und flexibel an individuelle und disziplinäre Bedarfe anzupassen. Dabei geht es allerdings nicht nur um passgenaue Förderangebote, sondern auch um „barrierefreie“ Strukturen. Auch vor diesem Hintergrund schien es sinnvoll, die Prinzipien wirksamer Karriereförderung zusammenzuführen und im Frühjahr 2021 auch zu publizieren. Sie ergänzen die bereits zum Standard gewordenen „Leitlinien guter wissenschaftlicher Praxis“, verbunden mit der Erwartung, dass Hochschulleitungen, wissenschaftliche Communities, aber auch Gutachterinnen und Gutachter sowie Geförderte die Prinzipien als Richtschnur nutzen werden.

Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, so war mir die Förderung exzellenter Forscherinnen und Forscher in frühen Karrierephasen immer ein vordringliches Anliegen, dem ich mich mit Freude gewidmet habe. Für die konstruktive Zusammenarbeit in wechselnden Teamkonstellationen bin ich allen Beteiligten innerhalb und außerhalb der DFG verbunden. Von Nachwuchsfragen war auch meine Zeit in Senat und Hauptausschuss sowie im Präsidium besonders geprägt.

Ich bin überzeugt, dass die DFG weiterhin in proaktiver und konstruktiver Weise Programme und Förderlinien für Promovierende und Postdoktoranden bedarfsorientiert anbietet und weiterentwickelt. Die große Bedeutung und Aufmerksamkeit, die grundlegender Forschung und ihrer Förderung in diesen Tagen zukommt, bringt eine hohe Verantwortung für alle Beteiligten mit sich. Den Forschenden in frühen Karrierephasen von heute und morgen sollten in allen Überlegungen eine besondere Rolle zukommen.

Magazin "forschung" 2/2021

Der Beitrag von Professorin Dr. Marlis Hochbruck ist als Editorial im Interner LinkMagazin "forschung" (2/2021) erschienen. Sie war von 2014 bis zur Jahresversammlung 2021 Vizepräsidentin der DFG.