Fachkollegien-Wahl 2019

Ein Sinnbild für die Gemeinschaft

21. Oktober 2019 DFG-Vizepräsidentin Britta Siegmund in der "forschung"

Rund 150 000 Wahlberechtigte, fast 1700 Kandidierende, mehr als 600 zu vergebende Mandate: Die Wahl der Fachkollegiatinnen und Fachkollegiaten der DFG ist im hiesigen Wissenschaftssystem ein ganz besonderes Unternehmen. Und die Fachkollegien symbolisieren in besonderer Weise die  Selbstorganisation der Wissenschaft in Deutschland.

Nun ist es wieder so weit: Die Wahl zu den neuen Fachkollegien der DFG hat begonnen. Vier Wochen lang, vom 21. Oktober bis zum 18. November, haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ganz Deutschland, aus allen Disziplinen, an wissenschaftlichen Einrichtungen aller Art online die Möglichkeit, ihre Vertreterinnen und Vertreter in die Gremien zu wählen, die im Begutachtungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozess der DFG eine zentrale Rolle spielen.

Die jetzige Wahl ist, nach 2003, 2007, 2011 und 2015, die fünfte seit der Etablierung der Fachkollegien im Gremiengefüge der DFG, und die vierte, die online durchgeführt wird. Insofern mag sie vielen fast schon als selbstverständlich erscheinen. Das aber ist sie keineswegs. In zahlreichen anderen Ländern und Wissenschaftssystemen werden wissenschaftliche Gremien vergleichbarer Art durch die Politik bestimmt. In Deutschland hingegen wählt die Wissenschaft selbst ihre Repräsentantinnen und Repräsentanten. Damit stehen die Fachkollegien der DFG buchstäblich für die Selbstorganisation der Wissenschaft.

Auch wenn auf den ersten Blick nicht erkennbar: Ihren Ursprung hatte diese Selbstorganisation bereits vor 100 Jahren – in der Vorgängerorganisation der DFG, der nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft. Bereits sie bestand aus Organen, die es bis heute in der DFG gibt. Hierzu zählten nicht nur die Mitgliederversammlung, Präsidium und Hauptausschuss, sondern auch die sogenannten – und ebenfalls bereits gewählten – Fachausschüsse, die Vorgängergremien der Fachkollegien.

Prof. Dr. Britta Siegmund

Prof. Dr. Britta Siegmund war bis 2017 Mitglied des DFG-Fachkollegiums Medizin und ist seit Juli 2019 Vizepräsidentin der DFG.

Die Fachkollegien übernehmen in der Förderung die Qualitätssicherung

Schon die Fachausschüsse, wie auch heute die Fachkollegien, sollten gleichermaßen die  wissenschaftliche Unabhängigkeit und Qualität des Begutachtungsverfahrens garantieren. Die heutigen Fachkollegien stellen jedoch eine klare Weiterentwicklung der damaligen Fachausschüsse dar.

Was sie tun und wie wichtig sie sind, lässt sich vielleicht am einfachsten zeigen, wenn man den "Weg" eines ganz normalen Förderantrags in der Einzelförderung betrachtet. Einen solchen Antrag erhält das zuständige Fachkollegium erst, nachdem in der Geschäftsstelle der DFG eine formale Prüfung erfolgt ist und in der Regel zwei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem jeweiligen Fachgebiet den Antrag begutachtet haben. Nach diesem ersten Schritt bewertet das Fachkollegium die Gutachten. Dieser zweite Schritt ist einerseits also der Begutachtung nachgeordnet. Andererseits aber – und das ist sein eigentlicher Wert – ist er qualitätssichernd. Dabei sind die Fachkollegiatinnen und Fachkollegiaten angewiesen auf möglichst aussagekräftige  Gutachten der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den jeweiligen Spezialgebieten.

Zugleich bringen sie selbst eine breitere, der Spezialbegutachtung übergeordnete Expertise ein, die etwa auch einen fundierten Überblick über angrenzende Fächer einschließt. Aufbauend auf der Begutachtung durch die Spezialisten und der Bewertung eben in den Fachkollegien entscheidet im dritten und letzten Schritt der Hauptausschuss der DFG über die Förderung des Antrags.

Die zentrale Aufgabe der Fachkollegien ist also die Qualitätssicherung. Das mag weder spannend klingen noch attraktiv. Tatsächlich gehören die regelmäßigen – und mit einer ganz erheblicher Arbeitsbelastung für die Vorbereitung versehenen – Sitzungen zu den spannendsten, interdisziplinären Diskussionen, an denen ich in meiner bisherigen Tätigkeit in der Wissenschaft und in der wissenschaftlichen Selbstverwaltung teilnehmen durfte.

Im Rahmen dieser Diskussionen wird häufig klar, dass vergleichbare wissenschaftliche Themen in ganz unterschiedlichen Bereichen aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet werden, andere generelle Themen fächerübergreifend relevant sind und bedacht werden müssen. Bewegte man sich vorher als Gutachterin oder Gutachter vorwiegend in den Grenzen der eigenen Fächer, so bieten Fachkollegien eine exzellente Plattform für den Austausch mit den angrenzenden wissenschaftlichen Feldern. Dies ist aus meiner Sicht eine erhebliche Bereicherung: auf fachlicher, aber ohne Zweifel auch auf persönlicher Ebene.

So entstehen die Nominierten-Listen

Wählen können alle promovierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Professorinnen und Professoren, die aktiv forschen und damit vom Förderhandeln der DFG unmittelbar berührt sind und diese forschende Tätigkeit an einer Wahlstelle ausüben oder das aktive Wahlrecht für die jeweilige Wahl ad personam verliehen bekommen haben. Der Gedanke dahinter: Nur wer selbst aktiv forscht, hat ein Interesse daran, die Besten zu wählen, um sicherzugehen, dass der eigene Antrag fachlich bestmöglich beurteilt wird.

Kritik entzündet sich immer wieder an dem Verfahren zur Erstellung der Kandidierendenliste – sie sei intransparent. Das Gegenteil ist richtig, es existieren klare Regelungen und Mechanismen: Der Senat der DFG hat das Verfahren bereits zur Wahl 2015 nach den Wünschen aus der Wissenschaft reformiert und nun zur Wahl 2019 nachjustiert. Kern der Reform: Die Kandidierenden werden nicht mehr vom Senat aus den eingegangenen Vorschlägen ausgewählt, sondern die Anzahl der Nominierungen, die eine vorgeschlagene Person unabgesprochen kraft ihrer notwendigen Qualifikationen und Ausgewiesenheit auf sich vereint, soll maßgeblich über die Zulassung entscheiden.

Die Nominierungen kommen zum einen von den wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Fakultätentagen, die ein fachgebundenes Vorschlagsrecht haben, zum anderen von den DFG-Mitgliedern (also zum Beispiel Mitgliedshochschulen), die ein fachungebundenes Vorschlagsrecht haben. Dabei dürfen die fachgebunden Vorschlagsberechtigten doppelt so viele Personen in einem Fach vorschlagen wie die DFG-Mitglieder. Im Ergebnis vertreten die Fachkollegiatinnen und -kollegiaten nicht etwa die Interessen ihrer Einrichtungen, sondern werden vielmehr als Expertinnen und Experten sowie in Vertretung des Fachs gewählt, für das sie nach der Fachsystematik der DFG kandidiert haben.

Die Prinzipien einer freien, unabhängigen Wissenschaft mit- und in die Öffentlichkeit tragen

Aus alledem wird deutlich: Die Bedeutung der Fachkollegien der DFG im Begutachtungs-, Bewertungs- und Entscheidungsprozess der DFG und damit eines nicht unerheblichen Segments der Forschungsförderung in Deutschland und als Sinnbild der Selbstorganisation von Wissenschaft hierzulande ist kaum zu überschätzen.

Wenn die DFG im nächsten Jahr das 100. Gründungsjubiläum ihrer besagten Vorgängerorganisation feiert, dann nimmt sie dies zum Anlass, das Prinzip einer freien und unabhängigen Wissenschaft und Wissenschaftsförderung und deren Wert für die Gesellschaft mit einer bundesweiten Kampagne in die Öffentlichkeit zu tragen. Ihr Motto: DFG2020 – Für das Wissen entscheiden. Alle, die demnächst ihr Wahlrecht für die Fachkollegien der DFG nutzen, entscheiden sich auf ihre Art dafür.

Der Artikel ist als Vorwort unter dem Titel "Ein Sinnbild für die Gemeinschaft" im Magazin "forschung" (3/2019) erschienen. Interner LinkZum Magazin