Relevanz während der Coronavirus-Pandemie

"Mit exzellenten Grundlagen und Gemeinschaftssinn"

11. November 2020 Editorial aus der "forschung" 3/2020

Weltweit fahren Staaten die Förderung der Grundlagenforschung zurück und setzen auf gesellschaftlichen Impact. Zugleich nehmen Wettbewerbsdruck und Konkurrenz in der Forschung zu. In der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie aber zeigt sich, wie wichtig ein großer Wissensspeicher und internationale Kooperation sind.

DFG-Präsidentin Professorin Doktorin Katja Becker

Die Pandemie hat die Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft verändert. Noch nie war sie so sehr in der Mitte der Gesellschaft, noch nie konnte sie so effektiv als Kompass für politische Entscheidungen dienen. Dass, gerade hier in Deutschland, die Wissenschaft als Orientierungshilfe gewählt wurde, zeichnet dieses Land, seine Gesellschaft und die Entscheidungsträger aus. Die große Bedeutung und Aufmerksamkeit, die der Forschung in diesen Tagen zukommt, birgt aber auch eine ungewohnte neue Verantwortung, die derzeit auf den Forscherinnen und Forschern lastet.

Zugleich ist COVID-19 immer noch – oder eigentlich in erster Linie – ein vielgestaltiges Forschungsfeld. Dabei zeigt sich zweierlei: wie wichtig Grundlagenforschung ist und wie wichtig Kooperation in der Wissenschaft. Beides gilt national wie international.

Förderung von Grundlagenforschung und der Beantwortung neuer Fragen

Wie wichtig das langfristige Arbeiten an breit gefächerten Forschungsthemen ist, zeigte sich schon im weltweit raschen Verständnis von COVID-19. Dies konnte nur gelingen, weil die Förderer der Grundlagenforschung es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern seit den 1960er-Jahren ermöglicht haben, an harmloseren, biologisch aber sehr interessanten Coronaviren zu arbeiten – Verwandten des jetzt um die Welt gehenden SARS-CoV-2. Auch basiert beispielsweise die Entwicklung von Impfstoffen auf RNA-Basis auf jahrelangen grundlagenwissenschaftlichen Arbeiten, die nicht per se eine medizinische Anwendung im Blick hatten.

Doch in der aktuellen Pandemie greifen wir nicht allein auf Konzepte und Ansätze zurück, die vor COVID-19 entwickelt wurden. Die Pandemie wirft auch neue grundlegende Fragen auf. Die von der DFG eingerichtete Interner LinkKommission für Pandemieforschung soll genau diesen Forschungsbedarf identifizieren. So wurde im August eine erste Ausschreibung zur Beantwortung offener und drängender Fragen zur "Immunantwort und Wirtssuszeptibilität sowie den Infektions- und Pathomechanismen von SARS-CoV-2" veröffentlicht. Diese grundlegenden Themen müssen dringend bearbeitet werden, um die Impfstoff- und Wirkstoffentwicklung zu flankieren und zu optimieren. Und wir planen noch eine ganze Reihe weiterer gezielter Ausschreibungen, vielleicht zu Gesundheitssystemen im globalen Süden, die besonders unter Stress geraten, oder zu den Kollateraleffekten präventiver Maßnahmen der Virusbekämpfung auf besonders vulnerable Gruppen.

Die Kommission wird die gesamte Forschungslandschaft in Bezug auf Pandemien im Blick behalten und weiteren Forschungsbedarf ermitteln, wobei der inter- und transdisziplinären Zusammenarbeit und der Stärkung von Synergien besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll. Diese Zusammenarbeit soll ausdrücklich auf internationaler Ebene und mit Einrichtungen und Partnerorganisationen weltweit erfolgen.

Komplexe Forschungsfelder wie diese Pandemie lassen sich nicht im nationalen Alleingang sinnvoll bearbeiten – es bedarf der Kooperation vieler Expertinnen und Experten, die eher selten alle in einem Land zu finden sind. Zunächst wird die Kommission daher solche Projekte initiieren, die dazu beitragen können, die in der "UN Research Roadmap for the COVID-19 Recovery" genannten Vorhaben zu erreichen. Auch auf europäischer Ebene gibt es mit dem "ERA Corona Action Plan" klar definierte Ziele,
auf die sich die Mitgliedstaaten verpflichtet haben und die die nationalen Forschungsförderer nun umsetzen sollen.

Breit aufgestellte Forschungsarbeiten sind ein wertvoller "Wissensspeicher"

So sehr aber der Wert der Grundlagenforschung und die Notwendigkeit der internationalen Kooperation auf der Hand liegen: Weltweit wird die Rolle der allein von wissenschaftlicher Neugier getriebenen Forschung nicht mehr überall gestärkt. Viele Länder legen im Rahmen der Forschungsförderung zunehmend den Fokus auf den (kurzfristigen) Impact. Sie verkennen dabei, dass disziplinär und thematisch breit aufgestellte Forschungsarbeiten einen ausgedehnten "Wissensspeicher" bereitstellen – Ausgangspunkt und Grundlage für problemorientierte Forschung, die kurzfristig einen Beitrag zur Lösung jeweils aktueller und vielfach gesellschaftlich nicht antizipierter Herausforderungen leistet.

Wir können also keinesfalls so tun, als könnten wir dieses Wissensreservoir in Zukunft einfach überspringen und stattdessen gleich mit der Förderung von Problemlösungen beginnen. Die alleinige impactbasierte Forschungsförderung würde den Blick auf bereits bestehende Probleme verengen. Ein Wissenschaftssystem, das einen direkten gesellschaftlichen Nutzen überproportional fördert, läuft Gefahr, dass unser Netz an Erkenntnissen reduziert und das Wissenschaftssystem – und damit mittelfristig die Gesellschaft – geschwächt wird. Denn wir wissen nicht, aus welcher Richtung die nächste Krise kommt.

Gleichzeitig ist leider zu beobachten, dass der zunehmende Wettbewerbsdruck in der Wissenschaft hinsichtlich der Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen gegen die Pandemie zu einem globalen, zwischenstaatlichen Phänomen wird. Sowohl Russland als auch China haben im Rekordtempo eigene Corona-Impfstoffe entwickelt und mit Impfaktionen begonnen, ohne dass die Vakzine zuvor die entscheidenden Phase-III-Studien durchlaufen hätten. Ein solches Vorgehen widerspricht wissenschaftlichen und ethischen Standards – und darf das Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfstoffe, die bei uns entwickelt und angewendet werden, keinesfalls schwächen.

Wissenschaftliche Kooperation gegen machtpolitisches Wettrüsten

Beiden Entwicklungen – die Ausrichtung der Forschung am erwarteten unmittelbaren Nutzen und nationale Alleingänge – versucht die DFG entgegenzuwirken, indem sie ihren Partnerorganisationen in internationalen Kooperationen den Rücken stärkt: Wir brauchen nicht mehr Konkurrenz, sondern mehr Kooperation. Deshalb haben wir in den vergangenen Monaten nachdrücklich zur Zusammenarbeit der weltweit besten Forscherinnen und Forscher aufgerufen. Etwa im Kontext des "Global Research Councils" oder im europäischen Interessenverband Science Europe. Auch bemühen wir uns um gemeinsame Forschungsprojekte, beispielsweise innerhalb unserer Zusammenarbeit mit Österreich, der Schweiz und Luxemburg (D-A-CH-L), mit Polen, Russland oder Indien.

In chinesisch-deutscher Kooperation haben wir gerade 20 Projekte zur Förderung ausgesucht, und mit weiteren weltweiten Partnern sind wir zu gemeinsamen Ausschreibungen im Gespräch. Während einer globalen Pandemie erwarten Politik und Öffentlichkeit von Forschenden schnelle, verwertbare Ergebnisse. Das ist verständlich. Doch die Qualität der Forschung, die Freiheit der Forschung, einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und insbesondere der Geist der wissenschaftlichen Kooperation dürfen nicht unter die Räder des machtpolitischen Wettrüstens geraten.

Der Beitrag von DFG-Präsidentin Professorin Dr. Katja Becker ist als Editorial im Interner LinkMagazin "forschung" (2/2020) erschienen.