Präsidentschaftswechsel

"Den Belangen der Wissenschaft folgen. Sonst nichts!"

20. Januar 2020 Interview-Rückblick mit Prof. Peter Strohschneider

Zum Jahresende hat Peter Strohschneider die Präsidentschaft der Deutschen Forschungsgemeinschaft an Katja Becker abgegeben. Im Dezember hat er im Gespräch mit der "forschung" noch einmal auf seine sieben Jahre an der Spitze der DFG zurückgeschaut.

Auch die letzten Wochen vor dem Jahres- und somit Präsidentschaftswechsel waren für Peter Strohschneider nicht weniger terminreich. Marco Finetti fragt für die "forschung" nach:

Herr Strohschneider, ist das Leben des DFG-Präsidenten durchgetaktet bis zum letzten Arbeitstag?

Auf jeden Fall sehr eng getaktet mit einer ungebrochenen Fülle unterschiedlichster Themen und Termine. Der operative Flow in diesem Amt und in dieser ja sehr großen DFG hat seine eigenen Imperative und ist nicht an Jahresenden und auch nicht an Amtsenden und Amtswechsel gebunden.

Wie wird die Bilanz auf Ihre Amtszeit ausfallen, wenn Sie Zeit dafür gefunden haben?

Sie fällt selbstverständlich ganz verschieden aus, je nachdem, ob man auf die Aufgaben und  Herausforderungen schaut, die dieses Amt in der DFG mit sich bringt, oder ob sich der Blick auf die wissenschaftspolitische Welt richtet, in der die DFG agiert, oder auf die Welt überhaupt, in die beides eingebettet ist.

Sein letztes Interview mit dem DFG-Magazin

"Ich mache nicht Forschungsförderung – ich manage ein komplexes Entscheidungssystem!"

Es scheint, als hätte die Beschäftigung mit der DFG für Sie den höchsten Stellenwert gehabt. Ist das richtig?

Dieser Eindruck täuscht vielleicht tatsächlich nicht! Mein Amtsverständnis war ja: "Ich mache nicht Forschungsförderung – ich manage ein komplexes Entscheidungssystem!" Eben dies ist die DFG ja, ein Entscheidungssystem, das auf der Grundlage von Projektplanungen künftiger Forschung wissenschaftsgeleitet und auf der Grundlage von Qualitätsurteilen Entscheidungen über die Vergabe von Steuergeldern in Milliardenhöhe trifft. Dieses System zu pflegen und weiterzuentwickeln erschien mir stets als ebenso anspruchsvolle und notwendige wie faszinierende Aufgabe.

Kritische Selbstreflektion ist für Organisationen von der Komplexität, Größe und Bedeutung der DFG generell eine stehende Aufgabe, deren Bedeutung eher noch gewachsen ist und weiter wächst. Und sie ist eng verbunden mit jener Responsivität, die ja ein Prinzip unseres Förderhandelns ist. Zugleich war unübersehbar, dass die Förderinstrumente der DFG und ebenso die dazugehörigen Entscheidungsverfahren einen Grad der Expansion und Auffächerung erreicht hatten, von dem ich meinte, dass er nicht einfach immer weiter gesteigert werden konnte. Insofern waren die erheblichen Anstrengungen der Systematisierung und Vereinheitlichung, die wir hier in den vergangenen Jahren unternommen haben, dringend geboten.


Ist die DFG heute aufgeräumter als vor sieben Jahren?

Wenn man auf unser Förderportfolio und auch auf die Entscheidungsprozesse schaut, dann kann man diesen Eindruck durchaus haben. Und so hat die DFG auch angesichts der ständig wachsenden Dynamik in der Forschungsförderung, die ihrerseits Teil der Dynamiken der Wissenschaftsgesellschaft insgesamt ist, ihre Funktionsfähigkeit hoffentlich nicht nur gewahrt, sondern eher noch erhöht. Das ist positiv für die Forschenden, die Förderanträge stellen, wie für die Organisation selbst. Aber der Vorteil ist noch etwas größer. Gerade eine Organisation, die auf solche Weise modern und zeitgemäß ist und so wahrgenommen wird, kann sich auch für Belange stark machen, die nicht jedermann sogleich als wichtig und zeitgemäß erkennt.



Was Sie vor allem mit Ihrem unausgesetzten Beharren auf dem Wert der erkenntnisgeleiteten Forschung taten?

Ja, gerade in einem ausdifferenzierten System von Forschungsförderern muss und kann es Orte geben, wo Forschung nicht von vornherein determiniert ist von externen Relevanzannahmen oder simplen Problemlösungketten oder vom ohnehin Vorhersehbaren, sondern zunächst von der Suche nach Erkenntnis. Der vornehmliche Ort solcher Forschung ist die Universität und ein vornehmlicher Ort ihrer Förderung ist die DFG. Darauf zu insistieren, und zwar aus Gründen der Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit unserer Gesellschaft, ist in den vergangenen Jahren ja eher bedeutsamer geworden. Ich habe es aber auch als eine persönliche Verpflichtung verstanden.


Das ist anscheinend nicht ungehört geblieben, der Förderetat der DFG für eben diese Forschung ist während Ihrer Amtszeit stetig gewachsen und wird dies auch in den kommenden Jahren tun ...

... was überaus erfreulich ist und analog indes auch für die außeruniversitären Forschungsorganisationen im deutschen Wissenschaftssystem gilt. Eine Budgetsteigerung um jährlich drei Prozent für weitere zehn Jahre, wie sie jetzt mit dem vierten Pakt für Forschung und Innovation erreicht wurde, und das damit verbundene Vertrauen der Politik in die selbstorganisierte Wissenschaft ist derzeit tatsächlich weltweit einmalig.

Bei meinem Amtsantritt war nicht zu erwarten, dass die Politik ihre finanziellen Anstrengungen für die Wissenschaft in diesem Maße weiter erhöhen würde. Ebensowenig war etwa bei der Exzellenzinitiative trotz all ihrer Bedeutung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Forschung an den deutschen Universitäten mit einer solchen Verstetigung zu rechnen, wie sie die Exzellenzstrategie dann gebracht hat. Dass dies so kam, ist in erster Linie der Erfolg der Wissenschaftspolitik im Haushaltswettkampf der verschiedenen Politikfelder. Und zu diesem Erfolg haben dann auch die Wissenschaft und ihre Organisationen beigetragen, indem sie in den politischen Debatten den Wert und die Leistungsfähigkeit ihrer Forschung dargelegt haben.


Sieben Jahre als DFG-Präsident sind sieben Jahre, die Sie auch anders hätten nutzen können, zumal als Wissenschaftler. Reut es Sie, es nicht getan zu haben?

Nein, tatsächlich nicht. Im Gegenteil habe ich diese Jahre, zu denen ja die sechs Jahre im Wissenschaftsrat noch hinzukommen, immer als Bereicherung meines Daseins empfunden. Sie haben mir Perspektiven aufgezeigt und Beobachtungen von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft ermöglicht, die ich als Professor in der Universität kaum hätte machen können. Insofern ist mir solche Reue erspart geblieben.


Was wäre Ihre Vision von der DFG?

Dass die DFG auch in Zukunft in ihren Funktionen und mit den dafür zur Verfügung gestellten Mitteln ein Ort ist, an dem geschieht, was sonst in der Forschungsförderung nicht leicht geschieht, was aber notwendig ist für die Entwicklung moderner Wissenschaftsgesellschaften – ein Ort, an dem rationale Entscheidungen zur Finanzierung von Wissenschaft zunächst nur den Belangen der Wissenschaften und nichts sonst folgen.

Und die Pläne für Ihre eigene Zukunft?

Diese Pläne sind noch nicht sonderlich ausgereift. Außer dem Bedürfnis, nun auch einmal wieder etwas Abstand zum Dauerbetrieb zu gewinnen. Natürlich werde ich die eine oder andere Aufgabe im Wissenschaftssystem weiterführen und ich freue mich auch auf Neues wie die Arbeit im Stiftungsrat der Universität Göttingen. Und dann, das ist vielleicht nicht so verwunderlich, gehört für mich zur Distanznahme und zur Vermitteltheit meines Weltverhältnisses auch das Schreiben. Dafür war zuletzt zu wenig Zeit, und im Spannungsverhältnis von Wissen und Macht, in dem ich mich jetzt jahrelang aufgehalten habe, gibt es ja vieles, was schreibend durchdacht werden könnte.

Das ungekürzte ausführliche Interview können Sie in der Ausgabe des Magazins "forschung" 4/2019 lesen. Interner LinkZum Magazin