Digitaler Wandel in den Wissenschaften

Young Researchers Zukunftsworkshop

12. und 13. September 2019, Siegburg
Gruppenbild: Workshop-Teilnehmende mit Antwortkarten

Wie arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in 20 Jahren - und wie wollen sie arbeiten? Um diese Fragen zu beantworten, hat die DFG etwa 20 Young Researchers aus allen Disziplinen aus DFG-geförderten Kontexten und darüber hinaus zum Young Researchers Zukunftsworkshop eingeladen. Neue Blickwinkel, innovative Formate und viel Austausch prägten die Veranstaltung am 12. und 13. September 2019 im Katholisch-Sozialen Institut in Siegburg. Die Ergebnisse fließen in das Strukturierungsprojekt "Digitaler Wandel in den Wissenschaften" ein - zunächst in den Next Generation Research Workshop am 1. und 2. Oktober 2019 in Berlin.

Wortwolke: Die Forschung der Zukunft

Objekte und Visionen

Der erste Veranstaltungstag begann nach der Begrüßung von Dr. Ulrike Eickhoff, Leiterin der Abteilung "Programm- und Infrastrukturförderung" der DFG-Geschäftsstelle, und DFG-Vizepräsident Professor Dr.-Ing Frank Allgöwer mit Objekten. Alle Teilnehmenden hatten "etwas" mitgebracht, anhand dessen sie ihre Gedanken und Hoffnungen für die Zukunft der Wissenschaft erläuterten und sich vorstellten. Unter den Objekten war ein Buch über Retrofuturismus ebenso wie der 3D-Druck einer Falkenfigurine aus einem ägyptischen Grab, Stoffbakterien, Foraminiferenmodelle, ein Windrad oder ein sich durch die Luftfeuchte verformendes Holzgebilde. Abstrakter wurde es mit gebastelten Netzwerken, Knoten, Seifenblasen oder einem Stück Kohle (für die tief liegenden Erkenntnisse im "Bergbau" der Erkenntnis). Als Arbeitsmittel waren verschiedene Rechner und Datenträger ebenso vertreten wie ein Kopf und alte astronomische Spektren auf Glas in einer Postkiste. So gab schon die erste Runde einen Blick darauf, wie divers und kreativ die kommenden Sektionen werden würden.

Teilnehmende eines Barcamps im Hof des KSI

In der zweiten Sektion stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Zukunftsvisionen, die sie vorher auch eingeschickt hatten, vor. Dabei waren die Leitfragen:

  • Wie könnte sich Ihr (aktuelles oder vergangenes) Projekt oder Forschungsfeld konkret verändern?
  • Wie könnten sich die Forschungspraxis und der wissenschaftliche Alltag verändern?
  • Welche konkreten Herausforderungen sehen Sie, und wie könnte man mit diesen umgehen?
  • Welche Forschungsgegenstände werden die Wissenschaft in Zukunft (vermutlich) bestimmen?

Die Young Researchers identifizierten ein vielfältiges, disziplinenübergreifendes Spektrum an Forschungsgegenständen, die in Zukunft relevant würden oder es bereits seien. Diese Themen mündeten in einer inspirierenden Word Cloud.

Für besonders wichtig für die Wissenschaft der Zukunft halten die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Interdisziplinarität, Digitale Kompetenz, eine stärkere Einbeziehung der Gesellschaft und ihrer Bedürfnisse in Forschungsprojekte verbunden mit einer verstärkten und weit interpretierten Wissenschaftskommunikation. Und immer schwang die Frage nach verlässlichen Karrierewegen in der Wissenschaft und fairer Begutachtung und Bewertung wissenschaftlicher Leistungen mit. Ein vielfach genannter Punkt war der offene Zugang zu Forschungsergebnissen, -daten, -software und -methoden, den die Young Researchers als dringend notwendigen Standard der Zukunft sehen. Einig waren sich die Teilnehmenden auch darin, dass Grundlagenforschung auch in Zukunft eine zentrale Rolle spielen, dabei allerdings nachhaltig sein muss - und zwar sowohl im Sinne einer langfristigen Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Forschungsergebnissen als auch unter ökologischen Gesichtspunkten.

Flipchart mit Zwischenergebnis

Fokusbildung im Barcamp

Anschließend identifizierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops in einem Barcamp drei für sie relevante Themenkomplexe und diskutierten diese in sich selbst findenden Kleingruppen.

Zum Thema Wissenschaftskommunikation und Public Outreach arbeiteten sie heraus, dass Kommunikation - sowohl in die Gesellschaft als auch mit Medien oder Politik - für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler integraler Teil ihrer Arbeit sei und entsprechend anerkannt werden müsse. Auch Lehre sowohl an Schulen als auch an Universitäten sehen sie explizit als Kommunikationsform und -forum. Und auch interdisziplinäre Projekte lebten davon, dass man eine gemeinsame Sprache finde. 

Welche Rolle Daten im Forschungszyklus spielen werden, beleuchtete ein weiteres Barcamp. Dabei entwarfen die teilnehmerinnen und Teilnehmer zwei denkbare Szenarien: Die vollständig automatisierte Erhebung und Verarbeitung von Daten oder aber nur eine automatische Evaluierung. In ersterem fokussiert wissenschaftliches Arbeiten auf "higher level decisions", in zweiterem auf die Datenerhebung und -verarbeitung. Wissenschaftliche Arbeit sei in Zukunft also das Generieren und Konzeptionieren von Forschungsideen, die Selektion, Verknüpfung und Interpretation von Daten. Eine Frage war, welche Rolle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem System spielen, in dem andere Akteure wie Data Librarians, Data Scientists oder IT-Personal Daten kuratieren oder langfristig verfügbar machen und in dem große Teile des Forschungsprozesses automatisiert erfolgen. Offener Zugang war für die Barcamper selbstverständlich - auch wenn man die Notwendigkeit von Restriktionen sah. Alle hielten disziplinenspezifische Lösungen für nötig, eine Universallösung sei unrealistisch. Publikationen schließlich werden durch die Digitalisierung transparenter, umfassender und stärker in ihrem Forschungskontext wie auch untereinander vernetzt, glauben die Young Researchers.

Ein weiteres Barcamp fokussierte auf disziplinenübergreifende Bedarfe. Ein zentrales Anliegen waren auch hier frei zugängliche Daten in freien Datenrepositorien wie der vor allem in den Lebenswissenschaften bereits gut etablierte European Galaxy Server. Diese sollten neben dem offenen Zugang zu den Daten und Werkzeugen auch Interoprabilität gewährleisten. Dass dafür eine langfristig gesicherte Unterstützung durch Fachspezialisten beim Datenmanagement nötig ist, hatten die Teilnehmenden im Blick. Darüber hinaus brachten sie den Wunsch nach einem zentralen Katalog für wissenschaftliche Tools wie auch dem Aufbau von digitalen Kompetenzen - möglichst bereits ind en Schulen - zum Ausdruck. Eine Vision des Barcamps: Alle Sensoren zur Datenerfassung sollten in einem frei zugänglichen „Weltmodell" kombiniert werden.

Teilnehmende arbeiten am Boden mit Moderationskarten

Wie die Young Researchers die Wissenschaft der Zukunft sehen

Aus diesen Ergebnissen erarbeitete das Plenum drei Leitgedanken für die Wissenschaft in 20 Jahren: Die Gesellschaft soll der Wissenschaft vertrauen, Wissenschaft muss relevant sein und bleiben und die wissenschaftlichen Strukturen müssen Gestaltungspotenzial ermöglichen. Aufbauend auf diesen Zielen sahen die Young Researchers folgende, besonders verfolgenswerte Zukunftsszenarien:

  • Wissenschaft ist in der Gesellschaft verankert: Die Wissenschaft als konstruktives, gestalterisches und integratives Teilsystem der Gesellschaft vermittelt ein positives Narrativ, unterstützt durch eine starke Lobby, die über geeignete Kanäle und Formate die Wissenschaftskommunikation zu einem selbstverständlichen Teil der Kommunikation in der Gesellschaft macht. Dies erfordert Durchlässigkeit zwischen Forschung und Gesellschaft und ein frühes Vermitteln solcher Kommunikationsfähigkeiten im wissenschaftlichen Lernen.
  • Wissenschaftler*in Sein ist dynamisch: Der zukünftige Arbeitsalltag der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist von Diversität und Flexibilität geprägt. Statt einer rigiden Einteilung in klassische, fachbezogene Lehrstühle könnte sich das wissenschaftliche Arbeiten um themenbezogene Professuren in einem modularen, flexiblen System organisieren. Die dafür unabdingbaren neuen Strukturen eröffnen neue Karrierewege und etablieren verschiedene neue Rollen (Koordinator*in, Kommunikator*in, Techniker*in), die zudem flexibel im Verlaufe wissenschaftlicher Werdegänge angenommen und wieder zugunsten einer stärkeren Fokussierung auf die Wissenschaft selbst abgegeben werden können und als für die Wissenschaft relevante Leistung anerkannt und gewürdigt werden.
  • Qualität erhält mehr Dimensionen: Wissenschaftliche Leistungszuschreibung wird auf den gesamten Forschungsprozess ausgeweitet und nicht länger auf Publikationen begrenzt. Die Qualität der Daten spielt dabei eine zentrale Rolle und auch die Gewährleistung von Nachvollziehbarkeit, Replikation und Transparenz wird als Leistung anerkannt. Zugleich sollten neuartige, dynamische und kontextualisierte Publikationsformen möglich sein, die auch negative Ergebnisse zugänglich und diskutierbar machen.
  • "Open Data ist Default": Die dazu erforderlichen Infrastrukturen berücksichtigen disziplinenabhängige Gegebenheiten, Bedarfe und Herausforderungen und sind konsequent mit einander vernetzt.
  • Es gibt optimale Softwareunterstützung: Der allgegenwärtige Zugang zu sehr großen Datenmengen bedingt die weitgehende Automatisierung von Routineprozessen in der Datenverarbeitung. Sowohl die entsprechenden Tools als auch die für die weitere Analyse herangezogenen Werkzeuge sollten von qualifizierten und wissenschaftsaffinen Softwareentwicklerinnen und -entwicklern entwickelt und den Nutzerinnen und Nutzern längerfristig zur Verfügung gestellt werden. Die Softwareentwicklung wird somit dauerhaft und selbstverständlich in den Forschungszyklus integriert.

Die Ergebnisse des Zukunftsworkshops fließen unter anderem in den „Next Generation Research"-Workshop am 1. und 2. Oktober 2019 in der Alten Turnhalle in Berlin ein. Nicht zuletzt dadurch, dass viele der Anwesenden als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Zukunft ihre Überzeugungen in verschiedenen Rollen einbringen werden.

Karteikarten am Boden zur Synthese der Ergebnisse