Aus der DFG

„Ein einschneidender Perspektivwechsel“

18. Juni 2013 Fachkollegien-Sprechertagung in Bad Honnef

Offene Diskussionen über Drittmittel-Druck, Antragsflut und die künftige Rolle der DFG

Schmuckbild: Einladung

Der selbst gesteckte Anspruch war durchaus hoch: „Diese Tagung sollte natürlich dem Austausch der Sprecherinnen und Sprecher der Fachkollegien untereinander und mit den Vertretern der Gremien dienen. Darüber hinaus wollten wir aber auch den Stand der wissenschaftspolitischen Diskussionen und der Position der DFG darlegen und über die Hintergründe der aktuellen Finanzsituation berichten. Und besonders wichtig sind für uns Rückmeldungen aus den Fachkollegien, etwa zu Förderprogrammen sowie zum Begutachtungs- und Bewertungsverfahren“ – so fasste DFG-Präsident Professor Peter Strohschneider in seinem Resümee die Ziele der zweitägigen Tagung der Sprecherinnen und Sprecher der 48 DFG-Fachkollegien Mitte Juni in Bad Honnef zusammen und fügte hinzu: „Nach meinem Eindruck ist die Tagung dem in weiten Teilen gerecht geworden.“

Dem dürften die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Treffens wohl zugestimmt haben. Denn zwei Tage lang ging es bei der inzwischen dritten Fachkollegien-Sprechertagung tatsächlich ganz offen und konstruktiv, mitunter indes durchaus auch kontrovers um die weitreichenden aktuellen Entwicklungen im Wissenschaftssystem allgemein sowie speziell in der Forschungsfinanzierung und Forschungsförderung – und um deren Auswirkungen auf die DFG und die Arbeit der Fachkollegien.

Fordert „gut ausgewogene Balancen“ im Wissenschaftssystem: DFG-Präsident Peter Strohschneider

Der erste Anstoß zum offenen Austausch kam dabei gleich zu Beginn von der DFG-Spitze selbst. Peter Strohschneider skizzierte vor den gut 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Honnefer Kurhotel Avendi in seiner Eingangsrede die Umrisse der aktuellen Diskussion in Wissenschaft und Politik um die künftige Struktur des Wissenschaftssystems in Deutschland und die Position der DFG darin. Zu diesem Thema hatten im Frühjahr Vorstand und Präsidium der DFG ein „Zukunftspapier“ erarbeitet, das, beginnend mit der Honnefer Tagung, innerhalb der DFG und ihrer Gremien intensiv diskutiert wird.

Schon hier sprach Strohschneider Punkte an, die direkten Bezug hatten zur Arbeit der Fachkollegien – und zu ihren aktuellen Sorgen und Kritikpunkten. So nannte der DFG-Präsident als eines der wichtigsten Merkmale des künftigen Wissenschaftssystems – und als eine der wichtigsten Aufgaben für die Wissenschaftspolitik –, dass es auch in ihm „gut ausgewogene Balancen“ geben müsse. Als zwei Beispiele von vielen nannte Strohschneider die Balance zwischen „grundfinanzierter und Drittmittel-finanzierter Forschung“ sowie zwischen „Einzelforschung und Forschungsverbünden“.

Wie wichtig dies ist, zeigten sogleich die ersten Reaktionen der Fachkollegien-Sprecherinnen und -Sprecher auf die Ausführungen des DFG-Präsidenten. Auf beiden Feldern, so der Tenor, ist einiges aus der Balance geraten. Drittmittel-Druck, Verbundprojekte-Druck – mitunter kommt sogar alles zusammen, wie ein Teilnehmer berichtete: „Vonseiten der Hochschulen, der Forschungsinstitutionen und der Politik wird immer stärkerer Druck auf die Forschenden ausgeübt, sich in großen Verbundprojekten zu organisieren. Dieser Druck wird zum Beispiel aufgebaut, indem Mittelzuweisungen leistungsorientiert vorgenommen und persönliche Zulagen an die Einwerbung von Drittmitteln gekoppelt werden, und hier vor allem an ortsständig koordinierte Projekte.“ Mit Zustimmung nahmen die Fachkollegien-Sprecherinnen und -Sprecher deshalb sowohl die Forderung des DFG-Präsidenten nach einer wieder deutlich besseren finanziellen Grundausstattung der Universitäten auf als auch Strohschneiders Ankündigung, die DFG selbst werde auch in Zukunft ein Programmportfolio anbieten, das für das gesamte Spektrum an Hochschulen, Forschungsformen und wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen ein passendes Angebot bereithält.

Lieferte Zahlen zur Haushalts- und Bewilligungssituation der DFG: Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek

Im Anschluss an diese forschungspolitische Rahmensetzung diskutierten die Fachkollegiatinnen und -kollegiaten über die sich verändernden finanziellen Rahmenbedingungen der Forschungsförderung. Ausgangspunkt war hier ein ebenso detaillierter wie offener Vortrag von DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek über die Haushalts- und Bewilligungssituation der DFG. Für die Fachkollegiatinnen und -kollegiaten waren die von Dzwonnek präsentierten Zahlen wichtige Einordnungen, zeigten sie doch aus übergeordneter Perspektive, was jedes einzelne Fachkollegium aktuell aus seiner speziellen Sicht bewegt – und zugleich teilweise heftiger Kritik aus seiner jeweiligen Fachcommunity aussetzt. Insbesondere in der Einzelförderung, so Dzwonnek, sind die Bewilligungsquoten in den vergangenen Jahren immer weiter gesunken, und das trotz der über Jahre anhaltenden Steigerungsraten im DFG-Haushalt insgesamt und insbesondere im Einzelverfahren. Gleichzeitig fließen über die Förderung im Einzelverfahren mehr Mittel in die Wissenschaft als je zuvor. Für die immer engeren Bewilligungsrahmen gibt es vor allem zwei Gründe: zum einen stark ansteigende Antragszahlen und Antragssummen als Folge des allgemeinen Drittmittel-Drucks, zum anderen ein anhaltender, unerwartet hoher Mittelabruf durch die geförderten Hochschulen.

Beides bekommen gerade die Fachkollegien bei ihren Entscheidungen in ganzer Dynamik zu spüren, wie die Reaktionen auf den Vortrag der DFG-Generalsekretärin zeigten. „Die Mittel der DFG ersetzen inzwischen in großen Teilen die Grundausstattung der Universitäten“, beklagte ein Sprecher. Drittmittel entwickelten sich immer mehr zu einer Art sekundärer Währung und die DFG in der Folge zu einer „Bewertungsagentur der Wissenschaft“, resümierte ein anderer. „Die Bewilligungsquoten sind überall deutlich eingebrochen und die Bewilligungschancen im Vergleich zu früheren Jahren erheblich zurückgegangen, sodass jetzt die Ablehnung der Normalfall ist, nicht mehr die Bewilligung“, brachte eine Fachkollegiatin die Folgen auf den Punkt. Ihr Fazit für die Einzelförderung konnte glatt für die aktuellen Veränderungen im ganzen Fördersystem gelten: „Das ist ein einschneidender Perspektivwechsel!“

Das Diskussionsformat „World Café“ ließ viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Wort kommen

An diesen Austausch über die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen der Arbeit der Fachkollegien schlossen sich in Bad Honnef weitere Diskussionen an, die sich eher mit den Prozessen dieser Arbeit befassten. An mehreren runden Tischen, sogenannten World Cafés, sprachen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwa über mögliche Veränderungen im Begutachtungssystem, die sich aus der allgemein konstatierten Überlastung des Wissenschaftssystems und der begutachtenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ergeben könnten. Um dem entgegenzuwirken wurden zum Beispiel striktere Terminsetzungen bei Begutachtungsverfahren ebenso vorgeschlagen wie eine stärkere hochschulöffentliche Würdigung der Tätigkeit von Gutachterinnen und Gutachtern. Weitere Diskussionsrunden beschäftigten sich mit einer fairen und transparenten Priorisierung von Anträgen, also dem sogenannten Ranking, und mit möglichen Modifizierungen der Antragsverfahren.

Die Überprüfung der Antragsverfahren sei Teil eines ständigen Prozesses der Selbstreflexion der DFG, nahm Generalsekretärin Dzwonnek die Diskussionspunkte aus der Runde auf und formulierte das dabei verfolgte Ziel so: „Die Verfahren der DFG müssen so gestaltet sein, dass sie den Bedürfnissen eines fairen und qualitätsorientierten Wettbewerbs auf der einen Seite und den Bedürfnissen der Antragstellerinnen und Antragsteller nach Beteiligung im Antragsverfahren und größtmöglicher Transparenz auf der anderen Seite so weit wie möglich entgegenkommen.“´

Steigende Antragszahlen, engere Bewilligungsrahmen: Die Fachkollegien spüren diese Dynamik als erste

Weiteres wichtiges Thema der Tagung war die Zusammenarbeit und Kommunikation der Fachkollegien mit der DFG, die Fachkollegien sind schließlich die wichtigste Schnittstelle der DFG zu den jeweiligen Fachcommunities. „Das derzeitige Image der DFG bildet ihre besondere Qualität nicht ab“, kritisierte ein Sprecher, und ein anderer ergänzte: „Die Qualität der Prozesse kommt in der Community nicht an und wird dort auch nicht ausreichend wertgeschätzt.“ Die Schuld dafür wurde jedoch weniger aufseiten der DFG verortet, sondern im Wissenschaftssystem: „Die DFG sollte sich auf ihre genuine Aufgabe konzentrieren können, nämlich sehr gute Forschung auf einem Sockel guter grundfinanzierter Forschung zu fördern“, forderte eine Fachkollegiatin. „Stattdessen muss sie notgedrungen die Rolle als Ratingagentur zur Karriereformung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an den Universitäten einnehmen.“ Die Universitäten machten es sich hierbei zu leicht. Sie sollten deutlich mehr Anstrengungen in die Festlegung eigener Wertungsmaßstäbe investieren.

Am Ende des Treffens, nach zwei Tagen intensiver Diskussion, konnten sich DFG-Vorstand und die zahlreichen an der Vorbereitung und den Diskussionen beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DFG-Geschäftsstelle einerseits und die Fachkollegien andererseits gegenseitig bestärkt fühlen. Für die DFG versicherte Präsident Strohschneider den Sprecherinnen und Sprechern: „Die in der Veranstaltung genannten Argumente stärken Vorstand und Präsidium der DFG in ihrer Einschätzung der Rolle der DFG und ihrer zentralen Aufgabe im Wissenschaftssystem als Förderer der erkenntnisgeleiteten, wissenschaftlichen Grundlagenforschung auf allen Wissenschaftsgebieten, in allen Phasen des Forschungsprozesses, in allen Größen und Strukturen und in Kooperation mit allen anderen Forschungseinrichtungen im ‚response mode‘.“ Und die Sprecherinnen und Sprecher konnten Bad Honnef in der Zuversicht verlassen, mit ihren Sorgen und Kritikpunkten von Gremienmitgliedern, Geschäftsstelle und Vorstand der DFG ernst genommen zu werden.