#WomenandGirlsinScienceDay

"Unsere Neugier hängt nicht vom Geschlecht ab"

11. Feburar 2022

Zum internationalen Externer Link"Women and Girls in Science Day" am 11. Februar 2022 lädt die DFG ihre wissenschaftliche Community ein, sich unter dem Stichwort #WomenandGirlsinScience und #WomeninScience zu äußern, Erfahrungen und Wünsche zu teilen. Dazu haben wir Statements von Frauen eingesammelt, die in ganz unterschiedlichen Kontexten mit Wissenschaft zu tun haben. Hier ist eines davon. 

Statement Larissa Roth

Wie alle Kinder, habe ich es früher geliebt, Erwachsene mit den berühmten "Warum-Fragen" zu löchern. Für mich war es ein Spiel, für meine Eltern eine Geduldsprobe. Aber es war auch Neugierde und ein ehrliches Interesse, die Welt um mich herum zu verstehen. Was Wissenschaft bedeutet und welche Rolle die Warum-Fragen dabei spielen, habe ich erst viel später gelernt. Während meiner Schulzeit wurde Wissenschaft zum Hobby. Neben Fußballspielen und Orchesterproben standen "Jugend forscht"-Wettbewerbe und Tage im Schülerlabor in meinem Kalender. Nie hatte ich in dieser Zeit das Gefühl, als Mädchen dabei nicht der Norm zu entsprechen. Nie, hatte ich das Gefühl, aufgrund meines Geschlechts weniger erreichen zu können. Ich hatte mich nie ernsthaft mit dieser Thematik beschäftigt, obwohl häufig ein Augenmerk auf die Anzahl an Teilnehmerinnen bei "Jugend forscht" gelegt wurde. Mir war das egal. Ich hatte einfach Spaß an der Wissenschaft und das einte alle Jungforscher:innen – unabhängig vom Geschlecht.

Heute weiß ich, wie privilegiert ich war: Ohne mich intensiver mit Berufsaussichten und dem Leben nach dem Studium auseinanderzusetzen, entschied ich mich schließlich für ein Biomedizin-Studium. Ich war neugierig, ich wollte verstehen, warum Menschen krank werden. Ich war fasziniert von medizinischer Forschung und deren Potential.

Es dauerte nur wenige Wochen, bis die Welt durch meine bisher so rosarote Brille allmählich grauer erschien und mich die Realität einholte: Wie konnte es sein, dass in meinem ersten Semester nur zwei Vorlesungen von Frauen gehalten wurden, ich aber zeitgleich viermal so viele Professoren kennen lernte? Wie konnte es sein, dass ich auf der Suche nach Praktikumsplätzen, so viel mehr Arbeitsgruppenleiter als Arbeitsgruppenleiterinnen fand? Wie konnte es sein, dass fast alle großen Namen in der Pharmaindustrie sich mit dem männlichen Geschlecht identifizieren? Mangelndes Interesse anderer Geschlechter? Bei einem Anteil von mehr als 75 Prozent weiblicher Kommilitoninnen konnte das kaum der Grund sein. Woran lag es also?

Wissenschaft und Familienplanung auf langfristige Sicht zu vereinen ist möglich, doch der Weg ist steinig. Es gibt bewundernswerte Frauen, die dies auf beeindruckende Weise gezeigt haben, doch sie sind unterrepräsentiert. Das Interesse, die Neugierde bei Mädchen und Frauen sind da, doch viele lassen sich im Laufe des Weges abschrecken. Manche schon im Kindesalter, viele erst nach der Promotion. Auch ich werde demnächst promovieren. Wie es danach weiter geht? Ich habe viele Interessen, kann mir verschiedene Karrieren vorstellen. Aber eines weiß ich sicher: Ich werde die Entscheidung über meine berufliche Zukunft unabhängig von meinem Geschlecht treffen.

Doch was ist mit all jenen Kindern und Heranwachsenden, die keine Mentoren haben, die Mut machen und Möglichkeiten aufzeigen? Diejenigen, die nicht in ihrer Entscheidung unterstützt werden? Und diejenigen, die erst gar nicht die Chance bekommen, eine Entscheidung treffen zu können? Wissenschaft ist inklusiv, offen und vielfältig. Das darf aber nicht nur gesagt, sondern muss auch repräsentiert werden. Unsere kindliche Neugierde wird nicht durch unser Geschlecht bestimmt. Und genauso wenig sollten unsere wissenschaftliche Neugierde und unsere Berufschancen von unserem Geschlecht bestimmt werden – weder in die eine, noch in die andere Richtung.

Larissa Roth errang mit ihrem Team 2015 den Bundessieg bei "Jugend forscht" und wurde mit dem Europapreis der DFG ausgezeichnet. Mittlerweile studiert sie im Masterstudiengang Biomedizin an der Universität Würzburg und arbeitet derzeit in einer Laborgruppe an der University of Cambridge, England.