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Fragen und Diskussionen ähnlich denen, die die Ausarbeitung der Empfeh-
lungen im Jahr 1997 angestoßen haben, gab es in größerem Umfang erstmals
Ende der 1970er-Jahre in den USA, nachdem dort im Verlauf weniger Jahre an
mehreren angesehenen Forschungsuniversitäten Vorwürfe wissenschaftlichen
Fehlverhaltens erhoben und teils nach einiger Zeit erhärtet, teils über Jahre
hin unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit und der Gerichte kontrovers
verfolgt und erst nach langer Zeit (in einem Fall erst im elften Jahr nach den
ersten Vorwürfen) entschieden wurden.
Den von 1978 bis zum Ende der 1980er-Jahre in den USA zu causes célèbres
gewordenen Fällen sind folgende Merkmale gemeinsam (38):
Der/die Beschuldigte und die Institution, wo die Arbeiten stattfanden, wa-
ren hoch renommiert; mindestens war der/die Beschuldigte Mitglied einer
angesehenen Arbeitsgruppe. In der Regel wurden die Beschuldigungen von
weniger prominenter Seite erhoben.
Die Tatsachenaufklärung durch die Institution verlief zögerlich und/oder un-
geschickt.
Die Öffentlichkeit wurde durch Presse und andere Medien frühzeitig infor-
miert, sodass alle weiteren Schritte von Aufmerksamkeit und Kontroversen
begleitet waren.
Die meisten dieser Fälle waren außerdem von gerichtlichen Auseinanderset-
zungen begleitet; an einigen von ihnen nahmen auch Politiker regen Anteil.
Vor allem die Öffentlichkeitswirksamkeit führte dazu, dass sich ab Beginn der
1980
er-Jahre zahlreiche Gremien sowohl mit der Kasuistik als auch mit grund-
sätzlichen Überlegungen zu „scientific fraud and misconduct“ beschäftigten
(39).
Dem verbreiteten Eindruck, die Institutionen der Wissenschaft seien auf
das Problem schlecht eingerichtet, wurde mit institutionellen Regelungen be-
gegnet, über die weiter unten (siehe Abschnitt 3.1) berichtet wird.
Erste Versuche Ende der 1980er-Jahre, das Problem „Fehlverhalten in der
Wissenschaft“ zu quantifizieren (40), führten zu wenig schlüssigen Ergebnis-
sen. Zum Zeitpunkt der Ausarbeitung der Empfehlungen im Jahr 1997 lagen
Erfahrungsberichte der für „scientific misconduct“ zuständigen Behörden, dem
Office of Inspector General (OIG) der National Science Foundation (NSF) und
dem Office of Research Integrity (ORI) des Public Health Service vor. Das OIG
erhielt im Durchschnitt in den 1990er-Jahren zwischen 30 und 80 neue „Fälle“
pro Jahr bei etwa 50 000 unterstützten Projekten und fand Fehlverhalten in
etwa einem Zehntel dieser Fälle. Im Jahresbericht des ORI für 1995 wird über
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Probleme im Wissenschaftssystem
Analyse der Kommission 1997 –