forschung 3/2013
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Rembert Unterstell
W
enn im Herbst die Blätter
fallen, geht ein Ruck durch
Deutschlands Vogelwelt. Zugvögel
wie Stare erfasst eine kollektive
Unruhe. Sie finden sich in Schwär-
men zusammen und führen mit-
unter in gigantischen Formatio-
nen im Gleichtakt ein becircendes
Himmelsballett auf, das Schutz vor
Feinden bieten soll. Wer zu den ro-
mantischen Gemütern zählt, mag,
auf dem Balkon stehend, den Staren
einen Gruß in den Süden mitgeben.
Und für den aufgeweckten Nach-
wuchs ist die Sache ohnehin klar:
Booah, Wahnsinn, die fliegen jetzt
alle in Urlaub.“ Der Vogelzug ist ei-
nes der spektakulärsten Naturphä-
nomene – und gibt Naturforschern
seit Jahrhunderten Rätsel auf.
50
Milliarden Vögel ziehen jähr-
lich im Herbst aus ihren Brutgebie-
ten in wärmere Winterquartiere,
allein fünf Milliarden zwischen Eu-
ropa und Asien. Wenn im Frühjahr
die Nomaden der Lüfte in den Nor-
Faszination Vogelzug: Beflügelt von modernen Forschungsmethoden studieren Ornithologen
am Wilhelmshavener Institut für Vogelforschung die inneren und äußeren Mechanismen der
jährlichen Wanderungsbewegungen. Ihr neues Modell ist der kleine Steinschmätzer.
Wir sind dann mal weg“
Lebenswissenschaften / Reportage
den zurückkehren, haben sie wahre
Wunder vollbracht: Sie sind bei Wind
und Wetter Tausende Kilometer weit
gereist, übers Meer, über Berge und
Wüsten. Doch warum machen sie
das eigentlich? Und wie schaffen
sie das nur? Kreuzungsexperimente
haben gezeigt, dass Zugtrieb, -rich-
tung und -ziele als Grundmuster im
Erbgut programmiert sind. Hinzu
kommen Umweltfaktoren – Wetter,
Futterangebot, Feinde –, die dar­über
entscheiden, wie der tatsächliche
Foto: Raphael Reischuk / pixelio.de