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Pressemitteilung Nr. 50 | 1. Oktober 2015
Sechs neue Forschergruppen, eine neue Kolleg-Forschergruppe

Themen von Mythen-Forschung über Neurodegeneration bis zu Mehr-Teilchen-Systemen / Insgesamt 16 Millionen Euro für erste Förderperiode

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) richtet sechs neue Forschergruppen und eine neue Kolleg-Forschergruppe ein. Dies beschloss der Senat der DFG in seiner Herbstsitzung. Die Forschungsverbünde ermöglichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sich aktuellen und drängenden Fragen ihrer Fachgebiete zu widmen und innovative Arbeitsrichtungen zu etablieren. Kolleg-Forschergruppen in den Geisteswissenschaften sind zusätzlich durch ein Fellow-Programm charakterisiert. Die maximale Förderdauer von Kolleg-Forschergruppen beträgt zweimal vier Jahre, Forschergruppen können zweimal drei Jahre gefördert werden. In der ersten Förderperiode erhalten die sieben neuen Einrichtungen insgesamt rund 16 Millionen Euro. Im Ganzen fördert die DFG damit aktuell 175 Forschergruppen sowie 15 Kolleg-Forschergruppen.

Die neuen Forschergruppen im Einzelnen
(in alphabetischer Reihenfolge der Hochschulen der Sprecherinnen und Sprecher)

Neues Untersuchungsdesign für antike Mythen: Die Forschergruppe „Stratifikationsanalysen mythischer Stoffe und Texte in der Antike“ möchte eine Rahmentheorie entwickeln, um antike Mythen systematisch und komparatistisch fundiert neu aufzubereiten. Dabei geht der interdisziplinäre Forschungsverbund von dem Befund aus, dass Mythen nicht den einen Text mit der einen Erzählintention umfassen, sondern dass die jahrtausendealten Stoffe „geschichtete Geschichten“ sind. Inhomogenitäten, Inkompatibilitäten und Inkonsistenzen deuten den komplexen Überlieferungsprozess eines Mythos an, der im Laufe der Zeit durch gewandelte Interessenlagen, Gegebenheiten und Interpretationen immer wieder verändert wurde. Die einzelnen Schichten des historischen Erzählstoffs, genannt Strata, sollen durch die Stratifikationsanalyse in ihrer Komplexität erstmals greifbar werden.
(Sprecherin: Prof. Dr. Annette Zgoll, Georg-August-Universität Göttingen)

In der Forschergruppe „Plasticity versus Stability – Molecular Mechanisms of Synaptic Strength” geht es um die Fähigkeit von Synapsen, einerseits plastisch zu sein, das heißt sich strukturell und funktional zu verändern, andererseits aber beständig zu sein, um kognitive Prozesse wie Lernen oder Erinnern dauerhaft aufrechtzuerhalten. Das menschliche Gehirn – und damit das menschliche Verhalten – beruht auf Erfahrungen, die zu erinnern es einer stabilen verbindenden Matrix bedarf. Mithilfe hochauflösender Bildgebung soll ein grundlegendes Verständnis von der Festigkeit und der Fluktuation einzelner Moleküle in Synapsen geschaffen werden, insbesondere über eine für das Erinnerungsvermögen relevante längere Zeitachse hinweg. In der Forschergruppe arbeiten dazu Expertinnen und Experten aus Molekularer Neurobiologie, Mausgenetik, Neurophysiologie und Optogenetik zusammen.
(Sprecher: Prof. Dr. Matthias Kneussel, Universität Hamburg)

In der Nervenkrankheit Multiple Sklerose (MS) finden sowohl neuroinflammatorische als auch neurodegenerative Prozesse statt – wie beide zum Krankheitsverlauf der MS beitragen, ist bislang nicht geklärt. Die Forschergruppe „Kalzium-Homöostase bei Neuroinflammation und -degeneration“ setzt beim Gleichgewichtszustand von Kalzium an, um Abläufe der Krankheitsentstehung und -ausbreitung mithilfe bildgebender Verfahren darzustellen und besser zu verstehen. Kalzium hat eine komplexe Bedeutung für die Signalweitergabe in Zellen; das Team aus Grundlagenforschern und klinisch orientierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Neurologie, Pharmakologie und Neurobiologie erforscht Faktoren, die das Kalzium-Gleichgewicht stören, und welche Bedeutung ein Ungleichgewicht für die MS hat. Dabei greift die Gruppe auf Intravitalmikroskopie, neue Tiermodelle und Möglichkeiten der genetischen Manipulation mittels des Crispr/Cas-Systems zurück.
(Sprecherin: Prof. Dr. med. Ricarda Diem, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg)

Die Kolleg-Forschergruppe „Multiple Secularities – Beyond the West, Beyond Modernities“ untersucht, wie das Verhältnis von Religion und anderen gesellschaftlichen Funktionsbereichen beschrieben und erklärt werden kann. Dieses Verhältnis, so die Annahme, lässt sich nicht durch eine generelle Tendenz zur Säkularisierung, zum Rückzug oder Bedeutungsverlust des Religiösen beschreiben, sondern erfordert sehr wahrscheinlich komplexere Erklärungsansätze. Die Forschergruppe versucht, diese These durch Vergleiche zwischen verschiedenen Weltregionen und verschiedenen historischen Epochen zu verfolgen. Die Unterscheidungsarrangements zwischen Religion und Nicht-Religion sind Prozessen des Konflikts und der Sanktionierung unterworfen, in denen Deutungsmacht und Geltungsansprüche zum Beispiel zwischen Religion und Staat für Praktiken, Diskurse und Institutionen ausgehandelt werden. Diese Grenzziehungen sind jedoch weder ein exklusives Signum der Moderne noch des „Westens“, sondern waren bereits in vormodernen Gesellschaften existent, so die These der Forschergruppe.
(Sprecherin: Prof. Dr. Monika Wohlrab-Sahr, Universität Leipzig)

Die Forschergruppe „Understanding Intramembrane Proteolysis“ untersucht auf molekularer Ebene, wie Proteine, die sich in Membranen befinden, in kleinere Polypeptide oder Aminosäuren gespalten werden (Proteolyse). Intramembrane Proteasen nennen sich die Enzyme, die diese Aufspaltung verantworten. Mithilfe eines interdisziplinären Ansatzes möchte die Forschergruppe einerseits herausfinden, auf welche molekularen Zielsequenzen genau die Proteasen zusteuern, und andererseits sollen auch neue Zielproteine identifiziert werden. Hintergrund der Fragestellung ist, dass intramembrane Proteasen an einer Vielzahl wichtiger biologischer Funktionen beteiligt sind und mit neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer in Verbindung gebracht werden. Für Medikamente der Zukunft ist das Wissen um den Zusammenhang von molekularen Sequenzen und biologischen Funktionen sehr bedeutsam.
(Sprecher: Prof. Dr. Dieter Langosch, Technische Universität München)

Die Boten-RNA, genannt mRNA, dient dazu, einzelne Abschnitte der DNA im Zellkern abzulesen und sie als Gen-Information außerhalb des Zellkerns weiterzureichen. Dort wiederum lesen Ribosomen die Information der Boten-RNA ab und übersetzen sie in neue Proteine, mit denen die Funktionsfähigkeit zellulärer Prozesse aufrechterhalten wird. Die Forschergruppe „Makromolekulare Komplexe in der mRNA Lokalisation“ untersucht, wie die Boten-RNA zu ihrem Ziel gelangt, um erst dort das benötigte Protein bilden zu lassen – Nervenzellen beispielsweise bilden sehr lange Nervenfortsätze, sogenannte Axone aus, die weit vom Zellkern entfernt liegen. Für den teils also weiten Transport der Boten-RNA bilden sich makromolekulare Komplexe: Welche ihrer Bausteine sind dafür verantwortlich, dass die mRNA nicht vor ihrem Zielort bereits in ein Protein übersetzt wird, welcher Baustein steuert die Bewegung zum Ziel? Erforscht werden diese Fragen an Modellen wie Bäckerhefe oder Fruchtfliege.
(Sprecher: Prof. Dr. Dierk Niessing, Ludwig-Maximilians-Universität München)

Die Möglichkeiten, physikalische Materialeigenschaften durch die Eigenschaften ihrer mikroskopischen Bestandteile zu beschreiben, sind in natürlicher Weise begrenzt durch die Fähigkeit, die mikroskopischen Größen tatsächlich zu berechnen. Viele Aspekte von Festkörpern können bereits sehr gut beschrieben werden, ihre Berechnung basiert allerdings großenteils auf Modellen, in denen die Wechselwirkung zwischen den Elektronen nicht exakt, sondern nur genähert behandelt wird. Die in der neuen Forschergruppe „Correlations in Integrable Quantum Many-Body Systems” eingesetzten Methoden ermöglichen hingegen exakte Lösungen von wechselwirkenden Vielteilchensystemen. Damit werden Daten zu statischen und dynamischen Korrelationsfunktionen bei beliebiger Temperatur von standardisierten Referenzsystemen zur Verfügung gestellt, die in einer Vielzahl von Gebieten der experimentellen und theoretischen Physik benötigt werden.
(Sprecher: Prof. Dr. Andreas Klümper, Bergische Universität Wuppertal)

Weiterführende Informationen

Medienkontakt:

  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DFG
    Tel. +49 228 885-2443
    presse@dfg.de

Ausführliche Informationen erteilen auch die Sprecherinnen und Sprecher der eingerichteten Gruppen.

Zu Forschergruppen und Kolleg-Forschergruppen siehe:

Zusatzinformationen

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