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Pressemitteilung Nr. 25 | 10. Juni 1999
Am Ozonloch sind immer die anderen schuld

Wie der Mensch Umweltrisiken wahrnimmt

Wieso bleiben die Versorgungsunternehmen auf dem teureren "Ökostrom" sitzen, obwohl der Ruf nach umweltfreundlicher Energieerzeugung immer lauter wird? Weshalb bevorzugen immer mehr Urlauber einen umweltverträglichen "sanften Tourismus" - und reisen trotzdem mit dem Ozonkiller Flugzeug an? Warum widmen sich Haushalte mit großem Engagement der Mülltrennung, wo Müllvermeidung den Abfallberg gar nicht erst entstehen ließe? In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bereits seit 1995 mit rund 18 Millionen Mark geförderten Schwerpunktprogramm "Mensch und globale Umweltveränderungen" suchen etwa 100 Wissenschaftler Antworten auf diese und ähnliche Fragen. Auf einer Tagung in Bonn tauschten sie jetzt ihre Ergebnisse mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik aus und berichteten über ihre Schlußfolgerungen.

"In der deutschen Bevölkerung herrscht ein hohes Umweltbewußtsein, und trotzdem ist die Tendenz, sich umweltfreundlich zu verhalten, gering", sagt der Sprecher des Schwerpunktprogramms, Professor Hans Spada, Psychologe an der Universität Freiburg. Eine Ursache für diese Diskrepanz liegt nach Meinung des Wissenschaftlers in der Art, wie die Massenmedien den Bürger über Umweltrisiken informieren: "Es wird ereignisorientiert anhand einzelner, nicht selten überzeichneter Schadensfälle berichtet", sagt Spada. Je klarer ein Verursacher - meist aus der Industrie oder Wirtschaft - herausgestellt werde, desto empörter reagiere die Öffentlichkeit und desto eher entlade sich ihr Ärger beispielsweise in einem Boykott.

Spada und seine Mitarbeiter konnten sogar ein Computermodell aufstellen, das diese Reaktionen auf Meldungen zu Umweltschadensfällen simuliert und sehr genau vorhersagt, mit welchen emotionalen Reaktionen und Handlungstendenzen zu rechnen ist. Durch die Konzentration der Berichterstattung auf einzelne Schadensfälle werde der Einzelne von seinem persönlichen Beitrag zu Umweltverschmutzung und Klimawandel abgelenkt. Der Mensch sehe sich in der Rolle des Opfers und nicht in der des Verursachers; darum verlange er Verhaltensänderungen nur von anderen, nicht aber von sich selbst.

Es sei aber keineswegs richtig, nur die Berichterstattung für die Wahrnehmung und Bewertung von Umweltrisiken durch den Bürger verantwortlich zu machen, so der Soziologe Professor Peter Weingart von der Universität Bielefeld. Der Vorgang der Meinungsbildung sei wesentlich komplexer. Die Bielefelder Forschergruppe fand weiterhin heraus, daß Politiker, Wissenschaftler und Journalisten Umweltrisiken sehr unterschiedlich einschätzten. Mißverst ändnisse zwischen diesen Gruppen seien darum der Normalfall. So werde Politikern häufig von Wissenschaftlern vorgeworfen, nicht auf ihre Warnungen zu hören, wohingegen diese den Forschern "Panikmache" vorwürfen. Beide Gruppen, Politiker und Wissenschaftler, seien sich dagegen darin einig, daß ihre Anliegen von den Medien falsch wiedergegeben würden. Eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Umweltrisiken sei es darum, die Kommunikation darüber zu verbessern.

Wie man die Bürgerbeteiligung bei umweltpolitischen Entscheidungen wie dem Bau neuer Autobahnen, Eisenbahnlinien oder Flughäfen erhöhen kann, untersucht Professor Horst Zillessen von der Universität Oldenburg. Die klassischen "Anhörungen" und "Erörterungen" seien Relikte des Obrigkeitsstaates. Mehr Erfolg versprächen Verfahren, bei denen Probleml ösungen nicht "von oben", sondern von allen Betroffenen gemeinsam erarbeitet würden.

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