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Porträt: Wolf Singer, Communicator-Preisträger 2003

"Erzählen, was man macht"

Die Auseinandersetzung mit einer zuweilen kritischen Öffentlichkeit scheut er nicht. Professor Wolf Singer, Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main, diskutiert umstrittene Fragen seines Forschungsgebietes ebenso offen mit Laien wie mit Fachkollegen. Für sein Engagement in der öffentlichen Darstellung von Wissenschaft erhält Wolf Singer jetzt auf Vorschlag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) den Communicatorpreis, Wissenschaftspreis des Stifterverbandes.

Ein Porträt von Wiebke Rögener.

Dass Menschen aus freiem Willen über ihr Handeln bestimmen, sei eine Illusion - mit dieser These wurde Wolf Singer weit über sein Fach hinaus bekannt und stieß viele Diskussionen an. Er selbst spricht lieber davon, der freie Wille sei ein "kulturelles Konstrukt". Wie aber lebt es sich mit dieser Überzeugung im Alltag? Auch ein Hirnforscher, der den freien Willen für eine Einbildung hält, trifft ständig Entscheidungen - ob er ein Hemd aussucht, neue Mitarbeiter einstellt oder bei Wahlen sein Kreuzchen macht. "Natürlich bin ich für meine

Entscheidungen verantwortlich", stellt Singer klar, "denn ich bin es, der sie trifft und andere können mir diese Handlungen zurechnen." Gleichzeitig ist er überzeugt: Was wir tun oder lassen, entscheidet nicht unser unabhängiger Wille, es hängt vielmehr ab von angeborenen Möglichkeiten, Erziehung und anderen Umweltfaktoren, die Strukturen und Verschaltungen in unserem Gehirn prägen. "Was wir tun, ist Folge des unmittelbar voraufgehenden Zustands unseres Gehirns, von dem wir nur wenige Variablen bewusst kontrollieren", erklärt Singer. "Plus ein bisschen thermisches Rauschen", also auch ein wenig Zufall, wie der Hirnforscher schmunzelnd zugesteht.

Ohne die Annahme eines freien Willens könne sich noch der kaltblütigste Mörder aus der Verantwortung stehlen, wird Wolf Singer oft vorgehalten. Er sieht das anders: Die Konsequenzen blieben ja die gleichen, argumentiert er. "Ob wir nun glauben, jemand sei ‚böse' und habe einen Mord begangen, weil es seine freie Entscheidung war, oder ob wir ihn als armen Kerl am Rande des Spektrums menschlicher Möglichkeiten sehen, der aufgrund vieler ungünstiger Einflüsse nur eine niedrige Tötungshemmung entwickelt hat - in jedem Fall ist solch ein Mensch eine Gefahr und muss für lange Zeit daran gehindert werden, in Freiheit zu agieren, und wenn möglich auch therapiert werden."

Auch gibt Singer zu bedenken, dass Alternativen zu seinem Konzept ebenfalls nicht unproblematisch sind: "Man muss sich fragen, was man mit dem Freiheitsbegriff meint. Ist der Wille, der uns steuert, ein Etwas außerhalb unserer selbst oder in unserem Kopf? So wähnten die alten Griechen in der Ilias wohl ihr Schicksal gelenkt. Oder treffen wir Entscheidungen, wie manche heute aus der Quantenphysik ableiten wollen, in undeterminierter Weise?" Beide Vorstellungen findet Singer "wenig angenehm". Aber auch für den Hirnforscher existiert das normale Alltagsbewusstsein neben der wissenschaftlichen Einsicht. "Wir sagen ja auch, die Sonne geht im Osten auf, obwohl wir wissen, dass das keine korrekte Beschreibung ist. Und so verhalte ich mich in vielen alltäglichen Dingen, als ob ich einen freien Willen besäße. Dabei weiß ich, dass er nur eine kulturell bedingte Ausprägung des Bewusstseins ist, das sich selbst wiederum einem besonderen Zustand der neuronalen Netzwerke in der Großhirnrinde verdankt."

Welche Einflüsse waren es also, die das Großhirn Wolf Singers bewogen, sich für die Naturwissenschaften zu entscheiden und sich hier seit Jahrzehnten der Hirnforschung zu widmen? Gebastelt und getüftelt habe er schon als Junge gern, berichtet der Forscher, und experimentelle Wissenschaften seien doch letztlich auch eine Art Bastelei. An einen Antrieb zum technischen Experimentieren erinnert er sich besonders deutlich: Auf dem Internat, das er besuchte, waren Radios verboten. "Da habe ich mir eben selbst eine Miniaturversion zusammengebaut". Die Schreinerlehre, die er am Internat absolvierte, mag Singers Neigung zum Tüfteln verstärkt haben. Zur Medizin kam er wohl auch durch den Vater, der Landarzt war. Zunächst schien Singer das Fach zu deskriptiv. Doch nach einem Ausflug in die Physik stellte er fest: "Die wissen auch nichts Genaueres" und kehrte reumütig zur Medizin zurück. Ein Seminar, das der Psychoanalytiker Paul Matussek gemeinsam mit dem Neurophysiologen Otto Creutzfeldt am MPI für Psychiatrie in München anbot, faszinierte den Studenten schließlich so, dass er in diesem Fachgebiet seine Doktorarbeit schrieb. Anfangs schwankte er zwischen der Tätigkeit als Arzt und einer Karriere als Forscher. Vereinbar schien ihm beides auf Dauer nicht. "Die Denkweise ist zu unterschiedlich", stellt Singer fest. "Ein Arzt muss sich immer wieder anhand einer schütteren Datenbasis rasch zum Handeln entschließen. Zur Arbeit des Wissenschaftlers dagegen gehört es, ständig seine Daten zu hinterfragen, jede noch so überzeugende Hypothese immer wieder anzuzweifeln - beides konnte ich nicht zusammenbringen."

Singer entschied sich für die Wissenschaft und ist seither grundlegenden Fragen nach der Funktionsweise des Gehirns auf der Spur. Etwa: Wie kann unser Gehirn aus der verwirrenden Vielzahl von Signalen, die ständig von den Sinnesorganen eintreffen, diejenigen herausfiltern, die zu einem bestimmten, gerade betrachteten Gegenstand gehören? Wie bleibt unsere Aufmerksamkeit auf dieses Objekt gerichtet? Und wie werden aktuelle Wahrnehmungen blitzschnell mit gespeicherten Gedächtnisinhalten abgeglichen, so dass wir auf den ersten Blick erkennen: "Da läuft Nachbars Katze"? Offenbar müssen dafür Gruppen von Nervenzellen in ganz verschiedenen Gehirnregionen zusammenarbeiten.

Dass das gelingt, ist vielleicht eine Taktfrage: Nervenzellen, die zusammengehörige Signale verarbeiten, werden gleichzeitig aktiv und schwingen im selben Rhythmus - "und zwar auf Millisekunden genau", so Singer. Seine Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass diese Synchronisation möglicherweise die Information enthält, dass die Signale miteinander verbunden sind. In diesem Fall müssten dann auch viele höhere Hirnfunktionen - bis hin zum menschlichen Bewusstsein - auf solchen rhythmisch organisierten Wechselbeziehungen beruhen. Denn einen bestimmten Ort im Gehirn, der das Bewusstsein enthält, konnten die Hirnforscher bisher nicht finden. Singer vermutet stattdessen: Ein kompliziertes Muster von Schwingungen, das viele verschiedene Hirnregionen miteinander vernetzt, könnte das sein, was im Kopf vor sich geht, wenn ein Kleinkind in den Spiegel blickt und zum ersten Mal erkennt: "Das bin ja ich".

Keine strenge Hierarchie, sondern eine vielfältige, sich selbst organisierende Vernetzung ist demnach das Ordnungsprinzip des Gehirns. Mit dem Dalai Lama würde Singer sich gern einmal über Theorien zur Arbeitsweise des Gehirns unterhalten. "Wie aus komplexen Strukturen neue Qualitäten hervorgehen, darüber zu sprechen wäre sicher interessant. Auch der Buddhismus geht von einer nicht hierarchischen Struktur der Welt aus - ich glaube schon, dass es da Berührungspunkte gibt", nimmt Singer an.

Ob der menschliche Verstand fähig sein wird, die Strukturen und Verknüpfungen im Gehirn völlig zu verstehen, die das Denken erst hervorbringen? Wolf Singer zuckt mit den Schultern. "So bald wohl nicht." Jeder aber sollte die Möglichkeit haben, zu erfahren, was Hirnforscher heute schon über die Arbeitsweise des Gehirns wissen. Und darum gehört für Wolf Singer untrennbar zur Arbeit eines Wissenschaftlers: "Man muss das erzählen, was man macht!"

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© 2010-12 DFG Aktualisierungsdatum: 03.12.2010Sitemap  |  Impressum  |  Kontakt  |  RSS Feeds

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