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Symposium der Allianz der Wissenschaftsorganisationen zur „Guten wissenschaftlichen Praxis“

Allianz plädiert für offenen und selbstkritischen Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten

Das Symposium am 29. November 2011 im Bärensaal in Berlin
Das Symposium am 29. November 2011 im Bärensaal in Berlin
© DFG / Fotograf David Ausserhofer
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Am 29. November 2011 hat die Allianz der Wissenschaften das Thema „Gute wissenschaftliche Praxis“ in den Fokus gerückt. Auf einem von der DFG federführend organisierten Symposium im Alten Stadthaus in Berlin beleuchteten rund 150 Teilnehmende aus Wissenschaft und Politik die verschiedenen Aspekte wissenschaftlicher Qualitätssicherung, aber auch des wissenschaftlichen Fehlverhaltens und richteten den Blick auch selbstkritisch auf die eigenen Bemühungen um Gute wissenschaftliche Praxis.

Den Rahmen für einen vielfältigen und intensiven Diskurs gaben drei Workshops und eine abschließende Podiumsdiskussion.

„Wie tragen die Allianz-Einrichtungen zum wissenschaftlichen Diskurs bei – Status quo und Perspektiven“

Workshop „Wie tragen die Allianz-Einrichtungen zum wissenschaftlichen Diskurs bei?“
Workshop „Wie tragen die Allianz-Einrichtungen zum wissenschaftlichen Diskurs bei?“
© DFG / Fotograf David Ausserhofer

Zu Beginn des Programms fragte der erste Workshop: „Wie tragen die Allianz-Einrichtungen zum wissenschaftlichen Diskurs bei? – Status quo und Perspektiven.“ Moderiert von Professor Joachim Treusch, Präsident der Jacobs University Bremen, schilderten die Podiumsgäste zunächst die Aktivitäten in ihren eigenen Einrichtungen. Professor Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Professor Karl-Ulrich Mayer, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, und Professor Jürgen Schölmerich, Ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums der Goethe-Universität Frankfurt am Main, zeigten dabei die bereits umgesetzten Maßnahmen und weitere mögliche Aktionsfelder auf.

Professor Mlynek schilderte die strengen Qualitätskriterien der Helmholtz-Gemeinschaft im Hinblick auf die Gewährleistung der Guten wissenschaftlichen Praxis durch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Zentren und die Installation von Ombudsleuten in allen Einrichtungen.

Professor Mayer rekurrierte zu Beginn seines Vortrags auf Max Weber, der die Persönlichkeit des Wissenschaftlers mit seiner Leidenschaft für den Beruf geradezu als Selbstverpflichtung für Gute wissenschaftliche Praxis sah. Professor Mayer plädierte für das Einüben von Regeln ohne Bürokratisierung. Gleichwohl seien alle Leibniz-Institute verpflichtet, Regeln zur Sicherung der Guten wissenschaftlichen Praxis umzusetzen.

Professor Schölmerich stellte aus dem Blickwinkel der Medizin die „Versuchungen“ in der Forschung dar. Dem gelte es durch Regeln, aber auch durch eine offene Diskussion der Schwachstellen entgegenzutreten. Damit wissenschaftliche Arbeiten und Anträge wieder sorgfältig gelesen werden, sei die DFG mit ihrer Neuregelung von Publikationsverzeichnissen einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gegangen.

Professor Jürgen Mlynek
Professor Jürgen Mlynek
© DFG / Fotograf David Ausserhofer

In der anschließenden Diskussion plädierten die Teilnehmenden dafür, dass Studierende und auch schon Schüler sehr früh an die Regeln und Prinzipien guten wissenschaftlichen Arbeitens herangeführt werden. Dabei käme den etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Wissenschaftsbetrieb eine herausragende Rolle und Vorbildfunktion zu. In diesem Zusammenhang solle auch die Verantwortung der betreuenden Professorinnen und Professoren bei wissenschaftlichem Fehlverhalten stärker hinterfragt werden. Die Runde regte die Einführung von Belohnungssystemen und Anreizen statt der Verhängung von Sanktionen an.

Ein weiteres Thema war die Handhabung von Autorenschaften, die oft zu Auseinandersetzungen führe und stark von der Kultur des jeweiligen Fachs geprägt sei. Die Teilnehmenden schlugen vor, auch neue technische Möglichkeiten zu nutzen, etwa wenn es um das Aufspüren von Plagiaten gehe. Darüber hinaus müsse die Wertschätzung der Veröffentlichung von negativen Forschungsergebnissen weiter gestärkt werden, da auch diese zu weiterem Erkenntnisgewinn beitrügen.

„Aktuelles zur Sicherung Guter wissenschaftlicher Praxis“

Workshop „Aktuelles zur Sicherung Guter wissenschaftlicher Praxis“
Workshop „Aktuelles zur Sicherung Guter wissenschaftlicher Praxis“
© DFG / Fotograf David Ausserhofer
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Der zweite Workshop „Aktuelles zur Sicherung Guter wissenschaftlicher Praxis“ lenkte den Blick auf Ombudsleute und Whistleblower. Zu dem Thema sprachen, moderiert von Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der DFG, Professor Wolfgang Löwer, Sprecher des Ombudsman für die Wissenschaft, Professor Diethelm Klippel, Ombudsman der Universität Bayreuth, sowie Professor Christopher Baum, Forschungsdekan der Medizinischen Hochschule Hannover.

Frau Dzwonnek blickte zunächst zurück auf die Diskussion rund um den bekannten Fälschungsskandal der 90er-Jahre und den daraus gezogenen Konsequenzen. Die Wissenschaft habe sich damals dazu entschieden, auf Selbstverwaltung und Selbstkritik zu setzen. Die daraufhin entstandenen Empfehlungen der DFG hätten andere Institutionen weitgehend übernommen und so sei ein fester Kanon zur Guten wissenschaftlichen Praxis etabliert worden. Der Diskurs sei jedoch nicht zu Ende, „wir müssen ständig überprüfen, ob und wo Verbesserungen nötig und möglich sind“, sagte sie. Sie berichtete aus ihrer Erfahrung als Vorsitzende des DFG-Ausschusses zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens von den beiden Problemfeldern „Namensnennung von Betroffenen“ und „Dauer der Verfahren“. Namen von Personen, die nachweislich wissenschaftliches Fehlverhalten begangen haben, würden dann in die Öffentlichkeit kommuniziert, wenn hieran unter Abwägung der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen insbesondere im Hinblick auf die Schwere des Fehlverhaltens ein öffentliches Interesse bestehe. Die Dauer der Überprüfung resultiere aus der Pflicht, die Vorwürfe genau, sorgfältig und rechtsstaatlichen Grundsätzen entsprechend zu überprüfen. Dazu gehöre auch die Anhörung von Betroffenen und die Einholung gutachterlicher Expertisen sowie die Sichtung und Auswertung des häufig umfänglichen Datenmaterials. Denn es gehe neben der Aufklärung von wissenschaftlichem Fehlverhalten immer auch um die wissenschaftliche Existenz von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaften.

Professor Löwer widmete sich in seinem Vortrag den Begriffen „Hierarchie“ und „Selbstständigkeit“. Er schilderte, dass Hierarchie in jeder arbeitsteiligen Arbeit für Entscheidungen notwendig und unvermeidbar sei. Die in diesem Sinne erforderliche Hierarchie dürfe jedoch nicht missbraucht werden, beispielsweise durch die Unterdrückung von Ansprüchen, als Co-Autor genannt zu werden, oder durch die Inanspruchnahme einer sogenannten Ehrenautorschaft. In Gruppen entstehe Abhängigkeit als das Gegenteil von Selbstständigkeit durch die mit der gemeinsamen Arbeit verbundene Arbeitsteilung. Sobald der Konsens in einer Gruppe aufgekündigt werde, könnten jedoch Konflikte entstehen. Er berichtete dann von typischen Fällen in seiner eigenen Tätigkeit als Ombudsman und schilderte Fälle der sogenannten „Falsch-Betreuung“.

Als Ombudsman der Universität Bayreuth, Professor der Rechtswissenschaften und Mitglied der Promotionskommission, die mit dem Fall „Guttenberg“ befasst war, hat Professor Klippel den prominenten Fall wissenschaftlichen Fehlverhaltens unmittelbar miterlebt. Der Frage seines Vortrags „Wann ist ein Plagiat ein Plagiat“ näherte er sich historisch und stellte verschiedene Definitionen des Plagiats im Allgemeinen und des Wissenschaftsplagiats vor. Auch forderte er eine Analyse des Zitierwesens und ging auf die Frage des Eigenplagiats ein. Zusätzlich verführe heutzutage das Internet zur „Wiederverwendung“ von Quellen. Er leitete aus seinen Betrachtungen zwei Thesen ab: In allen Phasen des Studiums müsse wissenschaftlich korrektes Verhalten vermittelt werden; zusätzlich sollten Sanktionen wissenschafts-/hochschulintern und nicht von Staatsanwaltschaft oder Gerichten verhängt werden.

Professor Christopher Baum
Professor Christopher Baum
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„Ich als Arzt ziehe Schlüsse aus der Kasuistik“, begann Professor Baum seinen Vortrag über Whistleblower. Als „Fehler im System“ machte er insbesondere eine „ungesunde“ Kommunikationskultur aus. Als Randbedingungen nannte er des Weiteren den Wettbewerb um rare Ressourcen und nicht optimal geeignete Strukturen; dies könne von einer bestehenden Abhängigkeitssituation bis hin zur Vorgabe, dass nur „positive“ Ergebnisse veröffentlichungswerte Ergebnisse seien, reichen. Zusätzlich unterschied er zwischen (wissenschaftlichen) Fehlern und Täuschungshandlungen mit Vorsatz. Erstere gäben die Möglichkeit zum wissenschaftlichen Diskurs, zweitere müssten stets geahndet werden. Insofern spiele der Whistleblower als Kläger – nicht als Richter – eine wichtige Rolle. Zusätzlich plädierte er für ein professionelleres Konfliktmanagement in der Wissenschaft. Er regte an, parallel zu den Richtlinien der Good Clinical Practice (GCP) eine Good Ombud Practice zu etablieren.

Die anschließende Diskussion im Plenum thematisierte zum einen die Akzeptanz von Hierarchien und ihre Bedeutung in der Wissenschaft, die auch zu Konflikten führen könne, zum anderen die Rolle von Whistleblowern. Diejenigen, die es sich zur Aufgabe gemacht hätten, wissenschaftliche Arbeit systematisch zu überprüfen, seien wichtig und böten eine Chance für guten wissenschaftlichen Diskurs. Dazu gehörten jedoch immer die nötige Redlichkeit und eine Offenlegung der eigenen Motivation. Gleichzeitig warnten die Teilnehmenden davor, zu viel zu reglementieren.

„Promotion – Quo vadis?“

Workshop „Promotion – Quo vadis?“
Workshop „Promotion – Quo vadis?“
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Der Workshop „Promotion – Quo vadis?“ stellte erneut die Promotionsphase in den Mittelpunkt. Dr. Annette Schmidtmann, in der DFG-Geschäftsstelle Leiterin der Gruppe „Graduiertenkollegs, Graduiertenschulen und Nachwuchsförderung“, moderierte das Gespräch von Professor Manfred Prenzel, Mitglied der Wissenschaftlichen Kommission des Wissenschaftsrates, Professor Karl-Dieter Grüske, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), und Professor Marlis Hochbruck vom Karlsruher Institute of Technology und Senatorin der DFG.

Ausgangspunkt für die Diskussion war zunächst das Positionspapier des Wissenschaftsrates „Anforderungen an die Qualitätssicherung der Promotion“, das Professor Prenzel vorstellte. Dieses moniert zuvorderst die fehlenden Daten zu Promovierenden in Deutschland. Denn ohne valide Daten könne man keine begründeten Schlussfolgerungen ziehen. Prenzel adressierte zudem die verschiedenen Probleme Promovierender – vom Fehlverhalten einzelner bis zu einer zu großen Abhängigkeit von Betreuenden.

Professor Manfred Prenzel
Professor Manfred Prenzel
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Die HRK begrüße die Empfehlungen des Wissenschaftsrates, unterstrich Professor Grüske. Er betonte, dass der Umgang mit der Promotion angesichts der Veränderungen an den Universitäten immer wieder diskutiert werden müsse und nannte dazu auch die HRK-Empfehlungen von 1996. Als wichtige Randbedingung machte er eine Vertrauenskultur aus, in der jeder einzelne, sowohl Promovierende als auch Betreuende, individuelle Verantwortung tragen müssten. Institutionell bedürfe es passender Strukturen und Prozesse. Auch er griff die Problematik der unzureichenden Datenlage im Hinblick auf in Angriff genommene Promotionen und Promovierende allgemein auf und betonte die Notwendigkeit, einen Doktorandenstatus einzuführen. Die Universität Erlangen-Nürnberg versuche das Problem mit einem Modell zu lösen, in dem die Promovierenden sich bei der Universität anmelden könnten und hierfür im Gegenzug Vorteile erhielten. Im ersten Jahr nutzten bereits 1700 Promovierende die eigens entwickelte Software. Er betonte: „Die Verbesserung der Qualität der Promotion ist nicht zum Nulltarif zu haben.“

Frau Professor Hochbruck stellte die strukturierte Promotion, verschiedene Möglichkeiten und „best practice“-Beispiele vor. Dazu nannte sie die zahlreichen DFG-Programme, in denen strukturiertes Promovieren möglich ist. Gerade die vor 20 Jahren eingeführten Graduiertenkollegs seien ein Beispiel, das vielerorts übernommen worden sei. Die strukturierte Promotion biete ein Umfeld, das schon vor der Promotion eine Qualitätssicherung durchlaufen habe, Promovierende gezielt nach Qualitätskriterien rekrutiere, sie während der Promotionsphase eng begleitete und somit während und auch nach der Promotion hohen Standards genüge. Dabei sei die in vielerlei Arten vorgesehene Kooperation und der Austausch mit anderen stets ein großer Mehrwert.

In der Diskussion sprachen die Teilnehmenden an, dass Doktoranden aufgrund steigenden Wettbewerbsdrucks immer mehr zu „Lehrlingen der Wissenschaft“ würden. Auch die Frage nach Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern, die einen Abschluss an einer Fachhochschule gemacht haben und promovieren möchten, kam auf. Professor Grüske berichtete dazu von den Erfolgen in Kooperationen. Erneut wurde betont, dass die Betreuenden nicht nur als Supervisoren oder Mentoren, sondern vor allem in ihrer Vorbildfunktion in die Pflicht genommen werden müssen.

„Vom Skandal zur Qualitätsoffensive – Wissenschaft, Fehlverhalten und Redlichkeit“

Die Podiumsdiskussion
Die Podiumsdiskussion
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In der abschließenden Podiumsdiskussion befassten sich, moderiert von dem Pressesprecher der DFG, Marco Finetti, Professor Klaus Dicke, Vizepräsident der HRK, Professor Wolfgang Marquardt, Vorsitzender des Wissenschaftsrates, DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner, Dr. Tanjev Schultz, Redakteur der Süddeutschen Zeitung und Tobias Bunde, Doktorand an der Humboldt-Universität Berlin und Mitinitiator des „Offenen Briefes der Doktoranden an die Bundeskanzlerin in der Causa Guttenberg“ mit dem Thema „Gute wissenschaftliche Praxis“.

Neben den Reaktionen auf den Fall Guttenberg in den Medien, der Politik und der Wissenschaft war vor allem die Qualitätssicherung in allen Phasen der Promotionsbetreuung das bestimmende Thema der Diskussion. Die Politik forderte von der Wissenschaft schnellere und klarere Schritte in Richtung einer besseren wissenschaftlichen Praxis sowie die Übernahme von Verantwortung aller Akteure.


Mitschnitt der Podiumsdiskussion

Fazit und Ausblick

Gruppenbild der Podiumsgäste
Gruppenbild der Podiumsgäste
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Als Fazit zogen die Mitglieder der Allianz der Wissenschaftsorganisationen, dass Wissenschaft in Deutschland sich künftig offensiver, offener und noch selbstkritischer mit wissenschaftlichem Fehlverhalten auseinandersetzen müsse. Eine „Qualitätsoffensive“ soll die Prinzipien der Guten wissenschaftlichen Praxis noch weit stärker als bisher im Bewusstsein und in der Arbeit aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und der Wissenschaftsorganisationen verankern. Die Wissenschaftsstandards müssten weiter gestärkt werden. Ziel ist eine „Kultur der Offenheit und Verantwortung“, die letztlich auch zu höherer wissenschaftlicher Qualität führen soll. Verbunden damit ist auch eine Diskussion über die Weiterentwicklung der bisherigen Umsetzung der Empfehlungen der DFG zu Sicherung der Guten wissenschaftlichen Praxis.

Impressionen des Symposiums

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Die Podiumsdiskussion schloss die Veranstaltung im Bärensaal ab
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