Zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen

Logo: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) - zur Startseite Deutsche Forschungsgemeinschaft

Die Entstehung der Notgemeinschaft

„Um einen völligen Zusammenbruch der deutschen Wissenschaft abzuwenden“

Auszug aus der Satzung der Notgemeinschaft, 1920
Bild öffnen

Auszug aus der Satzung der Notgemeinschaft, 1920

© aus Nipperdey, 50 Jahre Forschungsförderung in Deutschland, 1970

Fünf deutsche Akademien, 35 im Verband der Deutschen Hochschulen vertretene Universitäten und Hochschulen, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (Vorläufer der Max-Planck-Gesellschaft), der Verband Technisch-Wissenschaftlicher Vereine sowie die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte haben im Oktober 1920 den Verein „Deutsche Gemeinschaft zur Erhaltung und Förderung der Forschung – Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft – E.V.“ gegründet, um „die der deutschen wissenschaftlichen Forschung durch die gegenwärtige wirtschaftliche Notlage erwachsene Gefahr völligen Zusammenbruchs abzuwenden.“

Die Situation der Wissenschaft in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg

Die wirtschaftliche Lage der Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen war nach dem Ersten Weltkrieg in der Tat sehr ernst. Ihre Etats waren seit 1913 nicht mehr erhöht worden; gleichzeitig belastete eine Erhöhung der Beamtengehälter und die schon während des Krieges einsetzende Geldentwertung die Haushalte der Universitäten, Bibliotheken, Museen und Forschungseinrichtungen. Eine verstärkte Förderung wäre aber gerade nach Ende des Krieges besonders nötig gewesen – war doch dieser verantwortlich für die Unterbrechung des Wissenschaftsbetriebes: Junge Wissenschaftler wurden zum Militärdienst einberufen und geplante Forschungsvorhaben verschoben. Zudem wurde die Grundlagenforschung zugunsten kriegswichtiger Forschung nahezu eingestellt.

Verschärft wurde diese Lage noch durch eine internationale Isolierung der deutschen Wissenschaft. Als Folge des Versailler Vertrages, der Deutschland die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg gab, entstand ein Boykott: Deutschland wurde von internationalen wissenschaftlichen Veranstaltungen ausgeschlossen und deutsche Forschungsbeiträge fanden keine Aufnahme mehr in internationale Bibliographien. Allerdings war die deutsche Wissenschaft nicht ganz unschuldig an ihrer Isolierung – diskreditierte sie sich schon zu Beginn des Krieges in der internationalen Wissenschaftsgemeinschaft durch militaristische Pamphlete namhafter deutscher Gelehrten.

Friedrich Schmidt-Ott, Präsident der "Notgemeinschaft" von 1920 bis 1934
Bild öffnen

Friedrich Schmidt-Ott, Präsident der "Notgemeinschaft" von 1920 bis 1934

© aus Schmidt-Ott, Erlebtes und Erstrebtes 1860-1950, 1952

Den Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen wurden in dieser Situation klar, dass die Länder allein, welche auch in der Weimarer Republik im Wesentlichen die wissenschaftspolitischen Kompetenzen besaßen, eine Abhilfe dieser schwierigen Situation nicht leisten konnten. Führende Vertreter aus der Wissenschaft gründeten 1920 einen Arbeitsausschuss, der sich in der Folgezeit „Notgemeinschaft“ nannte. Seine Aufgabe war es, gemeinsame Vorgehen in Form von Denkschriften und Anträgen an die Parlamente, Regierungen, aber auch an potenzielle Sponsoren aus der Wirtschaft zu koordinieren, um so die Bereitstellung erforderlicher Mittel zu erwirken.

Eine führende Rolle bei der Bildung dieses Arbeitsausschusses als auch bei der Werbung um Finanzmittel bei der Regierung spielten Friedrich Schmidt-Ott, Fritz Haber und Adolf von Harnack.

Friedrich Schmidt-Ott wirkte auf zahlreichen Gebieten der Wissenschafts- und Kulturpolitik und war von 1917 bis November 1918 preußischer Kultusminister. 1920 wurde er auf der Gründungssitzung der Notgemeinschaft zu ihrem Präsidenten gewählt und hatte die Präsidentschaft bis zu seiner Absetzung im Jahr 1934 inne. Fritz Haber war Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Dahlem sowie Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften. 1919 erhielt er den Nobelpreis für Chemie. Adolf von Harnack war Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Er als auch Fritz Haber wurden 1920 Mitglieder des Präsidiums der Notgemeinschaft.

Adolf von Harnack
Bild öffnen

Adolf von Harnack

© Deutsches Rundfunkarchiv

Das Anliegen der Notgemeinschaft fand Gehör in Politik und Gesellschaft: Ein Abfallen der deutschen Wissenschaft im internationalen Vergleich galt als einen Angriff auf die nationale Ehre. Zudem wurde ein negativer Einfluss auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands befürchtet. Adolf von Harnack unterstrich 1920 die Bedeutung der Wissenschaft für die gesamte Entwicklung Deutschlands in einem Antrag der Notgemeinschaft auf finanzielle Unterstützung durch die Reichsregierung:

„Zu den vitalen Notwendigkeiten des Staates gehört auch die Erhaltung der wenigen Aktivposten, die er noch besitzt. Unter diesen Aktivposten kommt der deutschen Wissenschaft eine hervorragende Stellung zu. Sie ist die wichtigste Voraussetzung nicht nur für die Erhaltung der Bildung im Lande sowie für die Technik und Industrie Deutschlands, sondern auch für sein Ansehen und seine Weltstellung, von der wiederum Geltung und Kredit abhängen.“

In der Diskussion um die Bewilligung von Reichsmitteln für die sich im Aufbau befindliche Notgemeinschaft beschrieben im Reichstag Abgeordnete die katastrophale Lage der Wissenschaft – so die Kommunistin Clara Zetkin in ihrer Rede auf der Sitzung am 24. Januar 1921:

„Die wissenschaftliche Forschung ist schwer bedroht und kann nicht weitergehen. […] Die einzelnen Länder haben knapp die Mittel überwiesen, die zur Aufrechterhaltung des universitären Lehrbetriebes notwendig sind. Für den Unterhalt und die Weiterführung der wissenschaftlichen Forschung sind keine Mittel da. Das Forschungsmaterial ist aufgebraucht, die Instrumente sind abgenutzt. Neuanschaffungen sind nicht möglich, weil Materialien und Instrumente kolossal im Preise gestiegen sind. Das Erscheinen wissenschaftlicher Zeitschriften und Bücher ist durch die Wucherpreise der Herstellung in Frage gestellt. […] Es ist eine Schande, daß die Wissenschaft mit dem Bettelsack herumgehen muss.“

Fritz Haber
Bild öffnen

Fritz Haber

© Creative Commons

Auf die widrigen Arbeitsbedingungen der Wissenschaftler wies Reichsfinanzminister Wirth in seiner Reichstagsrede am 1. Juli 1920 hin:

„Es greift einem ans Herz, wenn man heute hört, wie mancher junge und alte Gelehrte nicht mehr in der Lage ist, ein großes Werk, an dem er Jahrzehnte gearbeitet hat, überhaupt nur drucken zu lassen. Es ist mir erzählt worden, daß große Gelehrte Deutschlands ihr vollendetes Werk im Manuskript der Universitätsbibliothek einverleibt haben, da sie nicht mehr in der Lage sind, es im Druck erscheinen zu lassen.“

Im Oktober 1920 entschied das Reichsinnenministerium, für das Haushaltsjahr 1921 „zur Förderung der von der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft verfolgten Zwecke“ 20 Millionen Mark zur Verfügung zu stellen. Im gleichen Monat einigten sich die Mitglieder der Notgemeinschaft über ihre Rechtsform und Arbeitsweise, und am 30. Oktober 1920 folgte schließlich ihre Gründung als Verein.

Die Gründung des „Stifterverbands“, Dezember 1920

Aufruf
Bild öffnen

Aufruf "An die deutschen Landwirte, Kaufleute, Gewerbetreibenden und Industriellen", 1.12.1920

© Aus: DFG (Hrsg.) (1985; unveröffentlicht): Vor 65 Jahren: Gründung der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft. Erinnerungen an die ersten Jahre der Forschungsgemeinschaft

Die Notgemeinschaft hoffte, auch die deutsche Wirtschaft für die finanzielle Beteiligung zur Unterstützung der Forschung und Wissenschaft zu gewinnen. Zu diesem Zwecke wurde im Dezember 1920 der „Stifterverband der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“ gegründet, dessen Vorstand und Verwaltungsrat im Wesentlichen aus Industriellen, Großkaufleuten sowie Bankdirektoren bestand. Er sollte Gelder vornehmlich aus Industrie und Wirtschaft für die Unterstützung von Forschung und Lehre beschaffen.

Im Vorfeld riefen sieben Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft zu einer Spendenaktion „An die deutschen Landwirte, Kaufleute, Gewerbetreibenden und Industriellen“ auf. Dieser Aufruf erschien in der Presse und wurde in 44.000 Exemplaren verschickt. Er war zwar sehr erfolgreich, jedoch blieben in den Folgejahren die Spenden hinter den Erwartungen zurück; zudem wurden der Notgemeinschaft nur die Zinserträge ausgezahlt. Sie verwendete die Gelder fast ausschließlich für Forschungsstipendien.

Weitere Informationen

Hinweise zur genutzten Literatur und den Fundorten