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„Knowledge in Flight: Multidisciplinary Perspectives on Scholar Rescue in North America“

DFG-Vizepräsidentin Julika Griem in New York City

Die mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vom Deutschen Historischen Institut (DHI) Washington, DC in Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck Institute New York und der New School for Social Research organisierte Konferenz zum Thema „Akademiker auf der Flucht“ war der Anlass für eine Reise von DFG-Vizepräsidentin Julika Griem vom 3. bis 6. Dezember nach New York City. Neben der Konferenz standen Gespräche mit der New School, dem Leo Baeck Institut und dem Social Science Research Council (SSRC) auf dem Programm.

Mit der New School for Social Research in New York fand die Konferenz an einem aus historischer Sicht zentralen Ort statt: Genau dort etablierte im Jahr 1933 der Wissenschaftler Alvin Johnson die University of Exile, an der insgesamt 183 Hochschullehrer, Politiker und hohe Verwaltungsbeamte, die aus Europa fliehen mussten, eine Chance erhielten, akademisch zu lehren und zu forschen. Der Workshop griff damit einen Aspekt auf, der in der Diskussion um Flucht und Fluchthilfe eher weniger Beachtung findet: Die Rolle von Institutionen und institutionellen Strukturen bei der Rettung von Gelehrten, die aus unterschiedlichen Gründen zur Flucht aus ihren Heimatländern gezwungen wurden. Er beleuchtete damit aus einer historisch-wissenschaftlichen Perspektive ein Thema, das seit 2015 in Deutschland Universitäten ebenso wie Wissenschaftsorganisationen beschäftigt. Vor dem Hintergrund der jüngsten Fluchtbewegungen in Deutschland und andernorts diskutierten Idee einer neu zu gründenden University of Exile haben sich die deutschen Wissenschafts- und Forschungsorganisationen im Herbst 2015 auf verschiedene Maßnahmenbündel verständigt, um geflüchteten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu helfen und sie dabei zu unterstützen, ihre Forschungen in Deutschland fortzusetzen.1

In seiner Begrüßung erinnerte der Präsident der New School, David Van Zandt, an die Bedeutung der 1933 an der New School eingerichteten University in Exile als ein „Zufluchtsort” für zahlreiche jüdische Intellektuelle, die nach 1933 nicht mehr in Deutschland bleiben konnten. Am Beispiel u.a. von Hannah Arendt erläuterte Jeremy Adelman (Princeton University) in seiner Keynote Lecture „Pariahs and Prophets: How Outsiders Help Insiders Think about the World” an einen aus US-amerikanischer Perspektive wichtigen Aspekt der erzwungenen Immigration, nämlich die intellektuelle und besonders im Bereich der Sozialwissenschaften auch methodische Bereicherung für die aufnehmenden Hochschulen und Gesellschaften.

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William Weitzer, William Milberg, Simone Lässig, Julika Griem (v.l.n.r.)

In drei wissenschaftlichen Panels beleuchtete die Konferenz am zweiten Tag in Fallbeispielen unterschiedliche Aspekte der Praxis staaten- und systemübergreifender Solidarität unter Intellektuellen, die sich im Regelfall diversen zu überwindenden politischen und gesellschaftlichen Widerständen gegenübersieht. So war die Gründung einer University in Exile an der New School ebenso das Ergebnis einer starken Persönlichkeit wie die Gründung des Casa de España en México, das von dem 1939 gegründeten Zufluchtsort für republikanische Exilanten nach dem spanischen Bürgerkrieg zum renommierten Colegio de México wurde. Im ersten Fall war es Alvin Johnson, im zweiten Alfonso Reyes, die Mittel und Wege einer Hilfe für in ihren Heimatländern verfolgte Wissenschaftler und Intellektuelle fanden. Dies war eines der Ergebnisse des von Stefan Rinke vom Institute for Latin American Studies der Freien Universität Berlin moderierten Panels mit dem Titel „Obstacles and Opportunities: The Context of Refugee Scholarship”. Das von Anne Schenderlein vom GHI Washington moderierte Panel „Imperiled Colleagues and Unwanted Competitors: Refugees on the Academic Job Market” beleuchtete die in einigen Fällen allzu rasch zutage getretenen Grenzen kollegialer Fürsorge, ob in den USA, in Mexiko oder in Chile, das nach dem Militärputsch von 1964 in Brasilien zahlreiche Wissenschaftler und Intellektuelle aufnahm. Das von Jane Edwards von der Yale University moderierte Panel zur Rolle von Institutionen bei der Sicherung des Überlebens von Wissenschaftlern und Intellektuellen („Activism and Organization: The Role of Institutions in Refugee Scholar Rescue”) beleuchtete schließlich das Handeln der Ford Foundation während des Kalten Krieges, das für zahlreiche Wissenschaftler und Intellektuelle östlich des „Eisernen Vorhangs” von existenzieller Wichtigkeit war, die Wurzeln des 1933 auf Betreiben von Albert Einstein gegründeten International Rescue Committee in Zirkeln von politischen und akademischen Flüchtlingen und die kooperative Konkurrenz unter verschiedenen auf ähnliche Ziele hin ausgerichteten Hilfsorganisationen.


In einer abschließenden Diskussionsrunde erläuterte der deutsche Generalkonsul in New York, David Gill, die Haltung der Bundesregierung im Hinblick auf Flüchtlingsfragen allgemein und auf das besondere Problem der aus ihren Heimatländern aus verschiedensten Gründen vertriebenen akademischen Eliten. Dass diese im Vergleich zu den historischen Fallbeispielen durchaus relevante Größenordnungen haben können, verdeutlichte der Beitrag von Asli Igsiz von der New York University, die die Zahl von 5.000 derzeitig in der Türkei gefährdeten oder bereits aus ihren Stellen entfernten Akademikern nannte. Sarah Willcox, verantwortlich für den Scholar Rescue Fund im 1919 gegründeten Institute of International Education (IIE) und damit für eines der IIE-Kernthemen, nannte Fallzahlen der vergangenen 15 Jahre im höheren dreistelligen Bereich, also deutlich unterhalb den geschätzten Größenordnungen für Situationen, in denen – wie zuletzt in Syrien, im Irak oder in der Türkei – erhebliche Teile der wissenschaftlichen und intellektuellen Eliten in sehr kurzer Zeit in Bedrohungs- und Fluchtsituationen kommen. Die DFG-Vizepräsidentin Julika Griem machte in ihren Bemerkungen denn auch deutlich, dass man selbst im ausschließlichen Hinblick auf die kleine, in der Konferenz thematisierte Gruppe, leicht in die Gefahr eines „window dressing” gerate, wovor eigentlich nur eine konstruktive Debatte über helfende Organisationen und entsprechende gesellschaftliche Strukturen bewahren könne. Fruchtbare Ansätze dazu seien während der Konferenz ebenso erkennbar geworden wie die Zuständigkeit und Kompetenz der beteiligten Einrichtungen offensichtlich.

Im Vorfeld der Konferenz war DFG-Vizepräsidentin Griem mit dem Executive Director des Leo Baeck Instituts, William H. Weitzer und dem Dean der New School, William Milberg zusammengekommen. Mit ihm unterzeichnete sie ein Memorandum of Understanding, das die Förderung der Heuss-Professuren an der New School durch die DFG auf eine neue Grundlage stellen soll. Mit der neuen Präsidentin des Social Science Research Council, Alondra Nelson, verabredete sie eine engere Zusammenarbeit auf ausgewählten Feldern, wie beispielsweise zur Zukunft akademischen Arbeitens.

1.) Als Beitrag zur Integration von Flüchtlingen in Wissenschaft und Gesellschaft hat z.B. die DFG aus ihren Heimatländern geflohenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Mitarbeit in DFG-geförderten Forschungsprojekten erleichtert: Für bereits laufende Förderprojekte können Interner LinkZusatzanträgefür die Beteiligung von qualifizierten oder angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gestellt werden.

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