Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?

Fotoausstellung über das UNESCO-Weltkulturerbe „Serra da Capivara“ mit Bildern der archäologischen Stätten, der umgebenden Natur und ihrer Kultur.

Titelmotiv der Ausstellung
Fulniô-Indios in der Serra da Capivara
© André Pessoa

Die Serra da Capivara im Nordosten Brasiliens ist bekannt für einmalige archäologische Fundstellen, unter ihnen berühmte Felsmalereien, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Die Landschaft der Serra da Capivara wird vom sogenannten Trockenbuschwald Caatinga dominiert, der auch Mata Branca („Weißer Wald") genannt wird. Der Name beschreibt die weißliche Rinde der Bäume und Büsche, die den Wald nach Abwurf der grünen Blätter während der Trockenzeit flächendeckend weiß färbt.

Die Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?" zeigt mit Fotografien von André Pessoa die archäologischen Forschungsarbeiten, aber auch die faszinierende Pflanzen- und Tierwelt sowie lokale Kultur- und Traditionsformen. Im Rahmen der Ausstellung wird darüber hinaus die ZDF-Dokumentation „Sensationsfund in Brasilien – die ältesten Amerikaner“ gezeigt, ein Film der Reihe „Terra X“, als auch Forschungsergebnisse des DFG-geförderten Projekts „Der Beginn von Nahrungsmittelproduktion im semiariden Nordosten Brasiliens am Beispiel der Serra da Capivara, Piauí“, das von der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) durchgeführt wurde. Das ebenfalls vorgestellte Projekt „Viveiro Mata Branca“ der Stiftung IEC – Ökologisches Institut Caatinga und der Stiftung ProBrasil zielt auf den Erhalt und die Wiederbepflanzung einheimischer Pflanzenarten des Trockenbuschwalds.

Ein Kolibri an einer Kaktusblüte
Ein Kolibri nascht an einer Kaktusblüte
© André Pessoa

Zudem erhalten Besucherinnen und Besucher Einblicke in die Forschungsergebnisse des von der DFG geförderten Projekts „Der Beginn von Nahrungsmittelproduktion im semiariden Nordosten Brasiliens am Beispiel der Serra da Capivara, Piaui", das von der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen des Deutschen Archäologischen Instituts durchgeführt wurde.

Mit dem ebenfalls vorgestellten Projekt „Viveiro Mata Branca" zielt die gleichnamige Stiftung auf den Erhalt und die Wiederbepflanzung einheimischer Pflanzenarten des Trockenbuschwalds. Im Dialog mit örtlichen Schulen will die Stiftung insbesondere junge Menschen für die Einzigartigkeit und Bewahrung der Serra da Capivara sensibilisieren.

So zeigt die Ausstellung auf eindrucksvolle Weise die Bedeutung des Weltkulturerbes Serra da Capivara für die Archäologie, Biodiversität und Kultur in der Region und weit darüber hinaus.

Trockenbuschwald in der Serra da Capivara
Trockenbuschwald in der Serra da Capivara
© André Pessoa

Zur Eröffnung am 17. Mai 2017

Bei der Eröffnung der Ausstellung an ihrer ersten Station, der brasilianischen Botschaft in Berlin, unterstrich der Botschafter Brasiliens in Deutschland, Mario Vilalva, wie glücklich seine Regierung sei, deutsch-brasilianische Kooperationen auf wissenschaftlicher Ebene unterstützen zu können. Er zeigte sich begeistert von der Qualität der Zusammenarbeit: „Die Ausstellung ist nur ein Beispiel dafür, was beide Länder mit ihrer wissenschaftlichen Kooperation bereits erreicht haben.“ Der Gouverneur des Bundesstaates Piauí, Wellington Dias, in dessen Staat die Serra da Capivara liegt, war eigens zur Ausstellungseröffnung nach Berlin gereist und betonte, welche Verantwortung damit einhergehe, dass es sich bei der Region um ein UNESCO-Weltkulturerbe handele. „Wir sollten die Serra dementsprechend pfleglich behandeln“, so Dias. Gleichzeitig lebten in seinem Bundesstaat im Durchschnitt aber auch die ärmsten Menschen ganz Brasiliens. „Wir müssen deshalb vor allem in Bildung investieren, sie ist der Schlüssel“, erklärte der Gouverneur.

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek benannte die zwei Ziele der Ausstellung: Zum einen präsentiere sie den Besuchern die landschaftliche Schönheit der brasilianischen Serra da Capivara, zum anderen stelle sie eine wissenschaftliche, eine archäologische Fragestellung in den Mittelpunkt: die nach den ältesten Siedlungsspuren des amerikanischen Kontinents. „Sollte sich mithilfe der Forschungen tatsächlich herausstellen, dass die Besiedlung Amerikas deutlich früher stattgefunden hat, als bisher angenommen, so kann dies nicht genug gewürdigt werden“, sagte Dzwonnek. Archäologische Forschung könne allgemeingültige Identitätsfragen wie „Wer sind wir?“, „Woher kommen wir?“, „Wohin gehen wir von hier aus?“ beantworten.

Ein Gast betrachtet die Bilder der Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“
Die Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“ in der brasilianischen Botschaft
© DFG

Impressionen der Ausstellungseröffnung

Ein Gast betrachtet die Bilder der Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“
Die Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“ in der brasilianischen Botschaft
© DFG


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Der Gouverneur des Bundesstaates Piauí überreicht DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek ein Buch
Der Gouverneur des Bundesstaates Piauí, Wellington Dias, überreicht DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek einen Bildband mit den Fotografien, die in der Ausstellung gezeigt werden
© DFG


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Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion zum Auftakt. Das Thema war "die Besiedlung Amerikas" und es sprachen Prof. Dr. Eduardo Góes Neves, Dr. Markus Reindel, Prof. Dr. Eric Boëda, der Fotograf André Pessoa moderiert von Lilo Berg (v.l.)
© DFG


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Auch wenn diese philosophischen Fragen offen bleiben mussten, so griff eine von der DFG organisierte Podiumsdiskussion die konkreten Fragen rund um die möglichen ältesten Siedlungsspuren in Amerika in einer Podiumsdiskussion auf. Wissenschaftler, die unmittelbar an den archäologischen Fundstätten der Serra da Capivara arbeiten, berichteten dabei vom aktuellen Stand der Forschung.

Nach der bislang vorherrschenden Lehrmeinung – insbesondere in der U.S.-amerikanischen Archäologie – gibt es die einzigen verlässlichen Belege für die erste Besiedlung Amerikas in der sogenannten „Clovis“-Kultur, die nach einem Fundort in Nordamerika benannt ist. Kennzeichen dieser Kultur sind vor allem sorgfältig ausgearbeitete Feuerstein-Speerspitzen. Die Funde sind circa 13.000 Jahre alt. „Für amerikanische Wissenschaftler ist es nahezu unfassbar, dass wir in der Serra da Capivara Artefakte gefunden haben, die wir deutlich älter datieren können“, so Professor Dr. Eric Boëda aus Paris. Der Archäologe forscht bereits seit längerem in der Serra. Sein Kollege Professor Dr. Eduardo Góes Neves von der Universität São Paulo ergänzte: „Dieser wissenschaftliche Streit darum, ob es tatsächlich ältere Siedlungsspuren in Amerika gibt, als diejenigen in Clovis, hat auch eine politische Dimension – daran zeigt sich, dass Archäologie eben nicht nur Vergangenes behandelt, sondern auch die Gegenwart beeinflusst.“ Auch Dr. Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) glaubt, dass die Clovis-Theorie nicht mehr zu halten ist: „Worüber wir jetzt diskutieren, ist eigentlich nur noch, wie weit wir die Funde zurückdatieren können.“ Dabei seien die Felsmalereien und Artefakte in der Serra da Capivara von zentraler Bedeutung – aber längst nicht die einzigen, die älter sind als diejenigen aus Clovis. Auch in Chile, Mexiko und anderen Orten Lateinamerikas ließen sich wahrscheinlich viel ältere Siedlungsspuren finden.

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion zum Auftakt. Das Thema war "die Besiedlung Amerikas" und es sprachen Prof. Dr. Eduardo Góes Neves, Dr. Markus Reindel, Prof. Dr. Eric Boëda, der Fotograf André Pessoa moderiert von Lilo Berg (v.l.)
© DFG

Impressionen der Ausstellungseröffnung

Ein Gast betrachtet die Bilder der Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“
Die Ausstellung „Das brasilianische Weltkulturerbe Serra da Capivara – älteste Siedlungsspuren in Amerika?“ in der brasilianischen Botschaft
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Der Gouverneur des Bundesstaates Piauí überreicht DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek ein Buch
Der Gouverneur des Bundesstaates Piauí, Wellington Dias, überreicht DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek einen Bildband mit den Fotografien, die in der Ausstellung gezeigt werden
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Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion zum Auftakt. Das Thema war "die Besiedlung Amerikas" und es sprachen Prof. Dr. Eduardo Góes Neves, Dr. Markus Reindel, Prof. Dr. Eric Boëda, der Fotograf André Pessoa moderiert von Lilo Berg (v.l.)
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Offen bleibt, woher die Menschen kamen, die die Felswände der Serra da Capivara mit ihren Malereien schmückten und so Spuren für die Nachwelt hinterließen. Bislang lautete die Theorie, dass Menschen erst nach der Entstehung eines eisfreien Korridors, also nach dem Rückzug des Inlandeises über die damals begehbare Beringstraße („Beringia“) nach Nordamerika kamen und sich dann rasch ausbreiteten. Nun mutmaßt man, dass die ersten Siedler möglicherweise auch entlang der Küsten oder sogar über den Ozean kamen. Dies setzt voraus, dass sie bereits damals Boote benutzten. Ob dies möglich ist, ist eine von vielen offenen Fragen.

Die Archäologie behandelt neben den Siedlungsspuren auch die Frage nach der Sesshaftwerdung der ursprünglich als Jäger und Sammler lebenden frühen Menschen Amerikas. Ein DFG-gefördertes Forschungsprojekt des DAI widmet sich genau dieser Fragestellung. Reindel untersuchte dazu in der Serra da Capivara botanische Reste, die aus der Nahrungsmittelproduktion aus der Zeit von ca. 4.000 bis 1.000 v. Chr. stammen könnten. Sie sollen helfen, den Zeitpunkt des Übergangs von der Jäger/Sammler-Ökonomie zum Feldbau zu bestimmen.

Die vielen unterschiedlichen Forschungsprojekte und die vielen von der Wissenschaft noch zu klärenden Fragen, die im Verlauf des Podiumsgesprächs angesprochen wurden, machten noch einmal deutlich, was DFG-Generalsekretärin Dzwonnek bereits in ihrer Begrüßung vorweggenommen hatte: „Öffentlich finanzierte archäologische Forschung“, so Dzwonnek, „ist für die Öffentlichkeit von großer Bedeutung. Genau dies zeigt auch diese Ausstellung.“

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