Das Langfristprogramm der DFG für geistes- und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung

Vorwort des Ausstellungskatalogs, von Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der DFG

Archäologie in Vorderasien – Forschung im Spannungsfeld zwischen Vergangenheit und Zukunft – dieses spannende Thema wird in der Ausstellung an zehn Projekten anschaulich. Neben vielen inhaltlichen Bezügen, die in der Ausstellung selbst sichtbar werden, verbindet diese Projekte eines: Sie alle werden im Langfristprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

Das Langfristprogramm in seiner jetzigen Form ist Ergebnis der Förderinitiative Geisteswissenschaften, die 2007 ihren Abschlussbericht veröffentlichte. Mit dem Langfristprogramm wurde den Geistes und Sozialwissenschaften ein Instrument gegeben, auf der Ebene der Einzelprojekte Vorhaben zu realisieren, die den üblichen Rahmen der Projektförderung überschreiten. Gefördert werden darin Vorhaben mit einem besonderen Anspruch in der Sache: in den Altertumswissenschaften z. B. große Grabungsvorhaben, die umfangreiches Material erschließen und wissenschaftlich aufbereiten und damit die Grundlage dafür schaffen, komplexe Fragestellungen zu bearbeiten. In den Sozialwissenschaften oder der Linguistik werden neue Fragestellungen der Bearbeitung erst zugänglich gemacht durch das Erheben und die Produktion einschlägiger Datensätze, seien es Längsschnittstudien, seien es Textarchive. Und in den Literatur- und Kunstwissenschaften ermöglichen Editionsvorhaben einen neuen Zugang zu bedeutenden Werken. Die Projekte des Langfristprogramms besitzen insofern häufig auch einen wichtigen Infrastrukturcharakter für ihr Wissenschaftsgebiet.

Mit dem besonderen Anspruch in der Sache korrespondiert der besondere Anspruch an die DFG-Förderbedingungen: Geboten ist ein verlässlicher Planungshorizont von bis zu zwölf Jahren und große Flexibilität in den Finanzierungsmöglichkeiten – bis hin zu Fördersummen für Einzelprojekte, die sonst größeren Forschungsverbünden vorbehalten sind.

Beides – ein verlässlicher Planungshorizont und ein angemessenes Budget – ist für altertumswissenschaftliche Vorhaben im Ausland erforderlich. Insofern verwundert es nicht, dass archäologische Projekte im Langfristprogramm so zahlreich und prominent vertreten sind. An den zehn Projekten dieser Ausstellung lässt sich exemplarisch zeigen, welche Akzente in einem Langfristvorhaben gesetzt werden können – worin also die raison d’être dieses Programms liegt.

Archäologische Projekte der Grundlagenforschung verbinden Feld- und Artefaktforschung, Arbeit im Gelände mit Arbeit im Labor, im Depot, im Museum. Im Feld gewonnene Bodenfunde müssen gesichert, ausgewertet und interpretiert, also zu Befunden und Quellen transformiert werden. Dem korrespondiert eine zunehmende Komplexität der Projektanlage unter Einbezug unterschiedlicher disziplinärer Ansätze. Neben philologischen, historischen, kunsthistorischen Kompetenzen sind modernste naturwissenschaftliche Analysemethoden gefordert.

Die archäologische Erforschung der bedeutenden Stätten der Menschheitsgeschichte erfolgt oft unter schwierigen Rahmenbedingungen. Der Aufbau einer lokalen Organisation und Infrastruktur ist deshalb meist die erste und immer begleitende Aufgabe, die nicht immer als notwendiger Teil der Forschungsförderung anerkannt war.

Gerade in weniger stabilen Umgebungen und weniger komfortabel ausgestatteten Wissenschaftssystemen, in denen die Projekte zu Gast sind, gilt: Es sind nie nur deutsche Projekte. Sondern sie werden immer als partnerschaftliche Vorhaben gemeinsam mit Personen und Institutionen vor Ort konzipiert. Capacity building ist elementarer Bestandteil einer solchen Partnerschaft. Die Projekte haben nicht nur eine Ausbildungsaufgabe für den wissenschaftlichen Nachwuchs in den deutschen Instituten, sondern auch für die jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Gastländer. Darüber hinaus werden Arbeitsmöglichkeiten geschaffen für häufig langjährig beschäftigte Grabungsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Wichtig aber ist auch die Ausbildung von einschlägigen Experten, wie zum Beispiel Restaurierungsfachleuten und Grabungstechnikern und -technikerinnen, welche den Kern für eine regionale Infrastruktur bilden können.

Denn neben dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, den archäologische Ausgrabungen liefern, müssen die Vorhaben auch dem Erhalt und der nachhaltigen Konservierung freigelegter Monumente dienen. Die Erschließung einer Ruinenstätte für die breitere Öffentlichkeit ist Teil der Vermittlung der wissenschaftlichen Forschungsergebnisse. In den Langfristvorhaben sind diese Aspekte inzwischen ein integraler Projektbestandteil, ohne den ein verantwortbares Arbeiten nicht sinnvoll erscheint. Neben der Konsolidierung und Konservierung von freiliegender Stein- und Lehmziegelarchitektur kann dazu auch die Entwicklung von Konzepten zur touristischen und didaktischen Erschließung eines Ortes gehören. In den Ländern, in denen die gezeigten Projekte angesiedelt sind, stellen antike Stätten einen zentralen Wirtschaftsfaktor dar.

Dies führt unmittelbar zum letzten Aspekt: Die langfristige und substantielle Förderung herausgehobener Projekte im Ausland, die eng mit Institutionen und Personen der jeweiligen Länder zusammen wirken, erhöht die Sichtbarkeit der deutschen Wissenschaft. Aber nicht nur dies: Die Projekte repräsentieren die deutsche Wissenschaft und Deutschland in der allen Ländern gemeinsamen Aufgabe, das Kulturerbe zu sichern, zu erforschen und zu deuten. Insofern leisten sie – und über sie das Langfristprogramm – einen wichtigen Beitrag zur Außenwissenschaftspolitik.

In diesem Kontext ist die langfristige Planungsperspektive, die das Langfristprogramm neben anderem auszeichnet, nicht nur für die interne Projektplanung wichtig, sondern auch für die Absprachen und Vereinbarungen mit den Institutionen des Gastlandes. Diese sind sich zunehmend der Bedeutung und des Wertes ihrer archäologischen Stätten bewusst. Wir können dies nur begrüßen – und müssen die Voraussetzungen schaffen, um dort als attraktiver und verlässlicher Partner willkommen zu sein.

Dies ist eine kleine Ausstellung, in die nur Bruchteile des reichen Fundus der zehn Forschungsprojekte eingehen können. Wie reich der Ertrag dieser Vorhaben ist und wie fruchtbar er sich für die Wissenschaft ebenso wie für die allgemeine Öffentlichkeit entwickelt, haben große Ausstellungen von überregionaler, ja internationaler Bedeutung gezeigt, die aus ihnen hervorgegangen sind. Erwähnt seien hier die Landesausstellung "Schätze des Alten Syrien – Die Entdeckung des Königreichs Qatna", die 2009/10 im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart gezeigt wurde und die Präsentation 2011 der sensationellen Rekonstruktion der Monumente des Tell Halaf, die unter dem Titel "Die Geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf" im Vorderasiatischen Museum Berlin fast 800.000 Besucherinnen und Besucher anzog und auch deshalb in New York, Paris und London zu sehen sein wird. Bereits zuvor hatten einzelne Langfristvorhaben an prominenter Stelle Eingang in größere Ausstellungen gefunden: die Forschungen zum frühbronzezeitlichen Hirbet ez-Zeraqon in der Ausstellung "Gesichter des Orients – 10.000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien" (2005 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn und dem Vorderasiatischen Museum in Berlin); zum Göbekli Tepe in der Landesausstellung Baden- Württemberg 2007 "Vor 12.000 Jahren in Anatolien – Die ältesten Monumente der Menschheit" (Badisches Landesmuseum Karlsruhe). Ferner sind neueste Forschungsergebnisse des Langfristvorhabens "Archäologie der Oasenstadt Tayma: Kontinuität undWandel der Lebensformen im ariden Nordwesten der Arabischen Halbinsel vom Neolithikum bis zur Islamisierung" (eine Zusammenarbeit zwischen der Orient- Abteilung des DAI und der Fachhochschule Lübeck) eingegangen in die Ausstellung des Berliner Museums für Islamische Kunst zum Thema "Roads of Arabia – Archäologische Schätze aus Saudi Arabien".

Die Zusammenarbeit zwischen universitärer Forschung und Museen beschränkt sich nicht nur auf die Präsentation von Ergebnissen in Ausstellungen. Vielmehr sind Museen als Orte der Forschung selbst ein wichtiger Partner für die Wissenschaftlerinnen und die Wissenschaftler an Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen; auch dies ist in vielen Langfristprojekten zu beobachten. Der Entwicklung und Förderung dieser für die Geisteswissenschaften strategisch wichtigen Kooperation widmen wir unser besonderes Augenmerk.

Ich möchte nicht schließen, ohne all denen zu danken, die diese Ausstellung möglich gemacht haben: Frau Professor Eva Cancik-Kirschbaum (Freie Universität Berlin), Herrn Professor Ricardo Eichmann (Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung, Berlin), Herrn Dr. Bernd Müller-Neuhof (Deutsches Archäologisches Institut, Orient-Abteilung, Berlin), Herrn Professor Günther Schauerte (Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin), Herrn Günter Krüger (scala – Ausstellungsgestaltung und Produktionsmanagement, Berlin), Herrn Andreas Götz (SDC – Steinsanierung und Denkmalpflege, Crailsheim), den Projektleitern der präsentierten Langfristvorhaben, der Kulturabteilung der Botschaft der Republik Türkei in Berlin, der Deutschen Botschaft in Ankara und den beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der DFG-Geschäftsstelle in Bonn.

Ein besonderer Dank geht an die wissenschaftlichen Partner und die Verantwortlichen in den Antikenbehörden in den Gastländern, welche die Voraussetzungen für diese wissenschaftlichen Forschungen geschaffen haben.

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