Wer kaut, bleibt klein

Der in Argentinien gefundene und derzeit größte bekannte Argentinosaurus huinculensis empfängt die Besucher von „The World’s Largest Dinosaurs“.
Der in Argentinien gefundene und derzeit größte bekannte Argentinosaurus huinculensis empfängt die Besucher von „The World’s Largest Dinosaurs“.
© AMNH/D. Finnin

Der Argentinosaurus gilt mit seinen 90 Tonnen als das größte Lebewesen, das jemals durch Wälder und Wiesen dieser Erde gestreift ist. Er und einige seiner etwas kleineren Verwandten sind Gegenstand einer Ausstellung im American Museum of Natural History in New York, die am 16. April 2011 eröffnet wurde und bis Anfang 2012 zu sehen sein wird. Das wissenschaftliche Rückgrat von „The World’s Largest Dinosaurs“ kommt dabei aus Deutschland, genauer gesagt von der Universität Bonn.

Dort ist die seit 2004 von der DFG geförderte Forschergruppe „Biology of the Sauropod Dinosaurs. The Evolution of Gigantism“ unter Leitung von Professor Martin Sander angesiedelt, die in den vergangenen Jahren mit einem fächerübergreifenden Ansatz einige wesentliche Fragen der Biologie dieser Riesen hat beantworten können: Wie ernährten sich diese riesigen Lebewesen, wie schnell wuchsen sie heran, wie atmeten sie. Fragen, die nicht allein anhand der überlieferten Skelette beantwortet werden können. Darum untersuchen insgesamt zwölf Arbeitsgruppen aus fünf Fachrichtungen (Paläontologie, Zoologie, Tierernährung, Geochemie, Materialwissenschaft) verschiedene Aspekte von Wachstum und Fortpflanzung, Physiologie und Biomechanik dieser Giganten. Im weltweit bekanntesten Naturkundemuseum sind nun die Ergebnisse vom Leiter der paläontologischen Abteilung, Mark Norell, zu einer eindrucksvollen und interaktiven Ausstellung – zusammengefügt worden, die nicht nur auf den Wissenschaftsseiten der New York Times und in ihrem Veranstaltungsteil der Freitagsausgabe breiten Raum einnahm, sondern auch in Rundfunk und Fernsehen.

Dinos sind in den Vereinigten Staaten besonders populär. Große und kleine Besucher können an zahlreichen Stationen die Biologie der Riesen-Saurier nachvollziehen und auf den Körper eines noch vergleichsweise kleinen Sauropoden im Zentrum der Ausstellung werden bewegte Bilder von der Funktionsweise der inneren Organe projiziert. Der Saurier werde damit, wie es Sander formuliert, „zu einem beliebten Lastesel biologischer Didaktik“.

Diese Menge Futter verspeiste ein Mamenchisaurus  an einem einzigen Tag. Die Blätterkost musste täglich rund 100.000 Kalorien liefern – Menschen kommen mit rund 2.200 Kalorien aus.
Diese Menge Futter verspeiste ein Mamenchisaurus an einem einzigen Tag. Die Blätterkost musste täglich rund 100.000 Kalorien liefern – Menschen kommen mit rund 2.200 Kalorien aus.
© AMNH/D. Finnin

Dinos sind in den Vereinigten Staaten besonders populär. Große und kleine Besucher können an zahlreichen Stationen die Biologie der Riesen-Saurier nachvollziehen und auf den Körper eines noch vergleichsweise kleinen Sauropoden im Zentrum der Ausstellung werden bewegte Bilder von der Funktionsweise der inneren Organe projiziert. Der Saurier werde damit, wie es Sander formuliert, „zu einem beliebten Lastesel biologischer Didaktik“.

Doch zurück zu den bereits im Mai 2010 in den Biological Reviews veröffentlichten Ergebnissen jahrelanger Forschung: Warum sich die Evolution immer wieder in Gigantismus versucht, stand bei der Forschergruppe um Sander weniger im Zentrum des Interesses, als das Verständnis des Energieumsatzes der Sauropoden. Also die Ernährungsbedingungen, unter denen Lebewesen mit einem Gewicht von fünf bis zehn Elefanten so erfolgreich sein konnten, wie es die Sauropoden waren. Sander ist mittlerweile in der Lage, diese Bedingungen auf drei knappe Merkmale zusammenzufassen: „Vegetarische Ernährung, extrem langer Hals und möglichst wenig kauen, sondern schlingen!“ Vegetarier, so Sander in seinen Ausführungen bei der Eröffnungs-Pressekonferenz mit zahlreichen deutschen Medienvertretern, seien Fleischfressern in der Energiebilanz um einen Faktor zehn überlegen, vor allem, weil Gräser, Farne und Blätter nicht die Flucht ergriffen. Der lange Hals erreiche „wie ein Kranausleger“ größere Weideflächen, ohne dass sich der Pflanzenfresser von der Stelle bewegen musste, was wiederum die Kopfgröße beschränke. Wer nicht kaue, käme mit einem deutlich kleineren Kopf aus und je kleiner und entsprechend leichter der Kopf sei, desto länger könne der Hals gebaut sein, was wiederum die Ernährungsökonomie erhöhe. Als zahnlos solle man sich die Saurier allerdings nicht vorstellen. Im Gegenteil, Zähne zum Abrupfen der Nahrung seien notwendig gewesen, im Falle von brennwertreichen, aber abrasiven Schachtelhalme auch ihre rasche Erneuerung, manchmal innerhalb eines Monats.

Der Kopf des insgesamt 13 Tonnen schweren Diplodocus.
Der Kopf des insgesamt 13 Tonnen schweren Diplodocus.
© AMNH/D. Finnin
In den zahlreichen Interviews im Anschluss an die Pressekonferenz beantwortete Sander zahlreiche Fragen – auch die der Nicht-Paläontologen nach den Gründen des Aussterbens (Sehr wahrscheinlich ein Meteoriten-Einschlag im Golf von Mexiko und eine darauf folgende weltweite ökologische Katastrophe) und danach, ob es möglich ist, Dinosaurier à la Jurassic Park zu klonen (Nein, weil sich DNS nicht länger als 100.000 Jahre hält und Dinos vor 65 Millionen Jahren ausgestorben sind). Kindern gegenüber, so Sander schließlich, solle auch immer wieder betont werden, dass die eherne Saurier-Regel „Wer kaut, bleibt klein“ nicht für Menschen gelte.

Die Ausstellung wird im Anschluss an die Station in New York auf eine zehnjährige weltweite Wanderung durch naturkundliche Museen gehen.

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