Japanisch-deutscher Austausch in Tokyo: Selbstkontrolle und Selbstverpflichtung der Wissenschaft

Bilaterales Symposium „Beitrag zur Förderung Wissenschaftlicher Integrität“ zu Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis und den geregelten Umgang mit Verstößen / Mehr als 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer

DFG-Vizepräsident Frank Allgöwer (rechts) und Mitglied des DFG-Senats Klaus-Michael Debatin (Mitte) schilderten die Perspektive des deutschen Wissenschaftssystems.
DFG-Vizepräsident Frank Allgöwer (rechts) und Mitglied des DFG-Senats Klaus-Michael Debatin (Mitte) schilderten die Perspektive des deutschen Wissenschaftssystems.
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Licht und Schatten lagen für die Wissenschaft in Japan zuletzt dicht beieinander. Gleich zwei Nobelpreise in diesem Jahr (Takaaki Kajita für Physik und Satoshi Ōmura für Medizin) ließen die Forscherinnen und Forscher und mit ihnen die japanische Öffentlichkeit jubeln – spektakuläre Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten wie am renommierten Riken-Institut untergruben das Vertrauen eben jener Öffentlichkeit in die Wissenschaft und ließen bei den Forschenden selbst die Angst vor Gesichtsverlust aufkommen.

Die damit einmal mehr virulente Frage nach den Ursachen für unredliches Handeln in der Wissenschaft und nach möglichen Vorkehrungen gegen diese stand Ende September in Tokyo auch im Mittelpunkt eines bilateralen Symposiums, auf dem sich Expertinnen und Experten aus Japan und Deutschland über Ansätze und Beispiele zur Sicherung „Guter Wissenschaftlicher Praxis“ austauschten. Ausgangspunkt war dabei die Tatsache, dass sich die Wissenschaft und das Wissenschaftssystem in beiden Ländern mit wissenschaftlichem Fehlverhalten konfrontiert sehen. Die Veranstaltung, zu der mehr als 130 hochrangige Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen waren, wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Japan Society for the Promotion of Science (JSPS), der Japan Science and Technology Agency (JST) und der Japan Agency for Medical Research and Development (AMED) gemeinsam als ein „Beitrag zur Förderung Wissenschaftlicher Integrität“ organisiert. Professor Dr. Frank Allgöwer, Vizepräsident der DFG, betonte in seiner Begrüßung, dass die Sicherstellung des redlichen Verhaltens nur durch Sensibilisierung und die entsprechende Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses gelingen könne. Allgöwer: „Wir als DFG messen der Selbstverpflichtung der Wissenschaft einen sehr hohen Stellenwert bei. Diese Selbstverpflichtung muss durch geeignete Instrumente untermauert werden – so schauen wir heute auf konkrete Schritte der Umsetzung.“

Gruppenbild der Vertreterinnen und Vertreter aus Forschungsförderung und Wissenschaftsadministration
Gruppenbild der Vertreterinnen und Vertreter aus Forschungsförderung und Wissenschaftsadministration
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Um falschem Verhalten stärker vorzubeugen, setzt Japan seit Kurzem darauf, seine Forscherinnen und Forscher grundlegend und strukturiert in Fragen der Wissenschaftsethik zu schulen. JSPS hat beispielsweise mit dem „Green Book“ einen didaktischen Band geschaffen, mit dem bereits Studierende den Verhaltenskodex erlernen sollen. Für das kommende Jahr werden zusätzlich Kurse für erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Principal Investigators entwickelt. Das japanische Council for Science, Technology and Innovation (CSTI) möchte Schulungen verpflichtend machen, und auch JST macht die Teilnahme am hauseigenen eLearning-Kurs zur Voraussetzung für die Antragsstellung auf Fördermittel. Neben den Onlinekursen, bei denen zum Beispiel Filmsequenzen gezeigt werden, um den „richtigen“ Umgang mit kritischen Situationen zu demonstrieren, werden zudem speziell für die Naturwissenschaften Inhouse-Schulungen angeboten. Das Ministry of Education, Culture, Sports, Science and Technology (MEXT) wird ebenfalls ein eigenes Standardprogramm für methodische Schulungen ausarbeiten.

Richtlinien und Sanktionen

Kirsten Hüttemann stellte die DFG-Denkschrift zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis vor.
Kirsten Hüttemann stellte die DFG-Denkschrift zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis vor.
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Neben dem Themenkomplex der Ausbildung zur guten wissenschaftlichen Praxis stellten die Repräsentantinnen und Repräsentanten von Förderorganisationen und Ministerien ihre Maßnahmen zur Schaffung eines institutionellen Rahmens vor – von der Ausarbeitung von Richtlinien (Prävention) über die Einrichtung von Anlauf- und Beratungsstellen (Schlichtung) bis hin zum geregelten Umgang mit festgestellten Fehlverhaltensfällen (Sanktionierung). Als zentrale Anliegen der DFG konnten sich im Dialog die Etablierung einer Diskussionskultur, die Wertschätzung von Whistleblowern, die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und die Einführung eines Ombudswesens herauskristallisieren.

Dr. Kirsten Hüttemann, Direktorin im Justitiariat der DFG, präsentierte dem Plenum die 1998 veröffentlichte und 2013 überarbeitete DFG-Denkschrift zur „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“. Die darin beschriebenen 17 Empfehlungen dienen als „handlungsleitende Maßstäbe“ zur Selbstkontrolle der Wissenschaft, Antragstellerinnen und Antragsteller verpflichten sich ihnen. Dr. Christine Spitzer vom DFG-Justitiariat führte an einem Fallbeispiel vor Augen, wie die DFG auf Fehlverhalten reagiert und welche Maßnahmen der Sanktionierung angewendet werden können. Zu den Richtlinien auf japanischer Seite zählen die Schrift zu „Addressing Research Misconduct“, veröffentlicht 2014 vom CSTI, und die 2014 erneuerten „Guidelines for Responding to Misconduct in Research“ des MEXT. Die Schriften fordern wissenschaftliche Institution dazu auf, ein eigenes Verfahren zum Umgang mit Fehlverhaltensfällen zu entwickeln und ein Monitoring dazu durchzuführen. Das MEXT evaluiert aktuell, wer welch Verfahren entwickelt hat und welche Maßnahmen sich als effizient erweisen.

Beratung bei Verdachtsmoment

Dokumentationspflicht – wichtig für wissenschaftliche Redlichkeit, verdeutlichte Christine Spitzer.
Dokumentationspflicht – wichtig für wissenschaftliche Redlichkeit, verdeutlichte Christine Spitzer.
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Auf großes Interesse der japanischen Zuhörer stieß das deutsche Ombudswesen, zu dem neben lokalen Ombudsleuten an den Universitäten und Forschungseinrichtungen auch das überregionale Gremium des „Ombudsman für die Wissenschaft“ zählt. Ombudspersonen sind eine weisungsungebundene, neutrale Instanz. Sie nehmen Verdachtsmomente entgegen und können helfen, einen Konflikt mit Hinblick auf gute wissenschaftliche Praxis zu schlichten. Erhärten sich die Verdachtsmomente eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens, gibt der Ombudsman den Vorgang an die Kommission der Hochschule oder Forschungseinrichtung ab. Vertiefende Fragen zum Ombudswesen wurden auch bei einem Workshop geklärt, der am Folgetag des Symposiums von Professor Dr. Klaus-Michael Debatin, Mitglied im DFG-Senat und im Ausschuss zur Untersuchung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens, und den Mitgliedern des DFG-Justitiariats angeboten wurde.

Ein dem deutschen vergleichbares Ombudswesen gibt es in Japan nicht, doch werden immer mehr Strukturen geschaffen, die sich ebenso mit den beschriebenen Herausforderungen befassen: Das MEXT hat eine Abteilung für wissenschaftliche Integrität gegründet, auch die AMED hat im Justitiariat eine Abteilung für Gute Wissenschaftliche Praxis eingerichtet. An der Universität Waseda können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich an ein Büro für Forschungsethik wenden, an der Universität Tokyo gibt es eine Kontaktstelle für die Einhaltung wissenschaftlicher Richtlinien. Dennoch zeigt es sich als schwierig, Anlaufstellen auf nationaler Ebene zu etablieren oder auf einheitliche Standards zu setzen.

„Kultur der negativen Daten“

Über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen am Symposium teil und nutzen die Gelegenheit für Nachfragen.
Über 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen am Symposium teil und nutzen die Gelegenheit für Nachfragen.
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Im offenen Meinungsaustausch zum Abschluss der Diskussion lobte Debatin den japanischen Ansatz der Sensibilisierung und Weiterbildung wissenschaftlichen Personals. Zugleich verwies er darauf, dass in der Realität jeder genau wisse, wann er fälscht. „Eine Online-Schulung allein verhindert kein Fehlverhalten“, gab Debatin zu bedenken. Vielmehr komme es auf die täglich gelebte Praxis in den Laboren und etablierte Strukturmaßnahmen der gegenseitigen Kontrolle an. „Außerdem: Der Hauptteil des Fortschritts entsteht in der Diskussion. Eine gesunde Diskussionskultur grenzt wissenschaftliches Fehlverhalten ein und kann es gegebenenfalls sogar verhindern“, so Debatin.

Einig waren sich die Vertreterinnen und Vertreter beider Länder nicht nur darin, was gute Wissenschaft ausmacht, sondern auch, welche Berge es noch zu erklimmen gilt. So sind es vornehmlich die Rahmenbedingungen des Wissenschaftsbetriebs, die Unredlichkeit heraufbeschwören, etwa der zu hohe Publikationsdruck. „Wir brauchen eine Kultur der negativen Daten“, forderte Debatin, „negative Ergebnisse sind auch Ergebnisse und haben nichts mit Scheitern zu tun.“ Dr. Katsunori Matsuoka vom National Institute of Advanced Industrial Science and Technology (AIST) pflichtete bei, dies sei wichtig für eine intellektuelle Gesellschaft.

Frieda Berg ist Volontärin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der DFG.

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