Lunchtime-Talk zur Chancengleichheit in der Wissenschaft

Das Modell der Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Wissenschaft beschäftigt die DFG schon seit geraumer Zeit: seit 2002 ist die Gleichstellung von Männern und Frauen in der Wissenschaft ein Satzungsziel, in zahlreichen Fördermaßnahmen wurden spezielle Maßnahmen zur Herstellung von Chancengleichheit etabliert und 2008 verabschiedete die DFG schließlich die von einer Expertenkommission erarbeiteten „Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards“.

Anknüpfend an den derzeitigen politischen Diskurs zur Steigerung des Frauenanteils in Führungspositionen der Wirtschaft stellte die DFG in einem Lunchtime-Talk am 11. April 2011 im WissenschaftsForum Berlin Vertretern und Vertreterinnen der nationalen und internationalen Politik ihren Weg zu mehr Chancengleichheit im Wissenschaftssystem vor. Neben DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner standen Professor Ferdi Schüth vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung in Mülheim, Vizepräsident der DFG und Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards“, sowie Professor Ursula Gather, Rektorin der TU Dortmund und Mitglied der Arbeitsgruppe „Forschungsorientierte Gleichstellungsstandards“, den rund 30 Teilnehmenden Rede und Antwort.

Zum Hintergrund des Modells: Die Mitglieder der DFG haben für den Zeitraum von 2008 bis 2013 mehrheitlich die Einführung und Umsetzung Forschungsorientierter Gleichstellungsstandards beschlossen. Damit verpflichten sie sich, die Gleichstellung von Frauen und Männern auf allen Feldern voranzutreiben. Ein zentraler Punkt ist dabei das Prinzip der Selbstverpflichtung und damit die Wahrung der Autonomie der Mitgliedseinrichtungen. Die Universitäten haben zugestimmt, in diesem Zeitraum drei Stellungnahmen abzugeben, die von der Arbeitsgruppe um DFG-Vizepräsidenten Professor Ferdi Schüth gesichtet und bewertet werden. Die Bewertung durch die AG und damit die Einhaltung dieser Selbstverpflichtung ist schließlich ein entscheidungsrelevantes Kriterium bei der Vergabe von Fördergeldern durch die DFG an Hochschulen und Forschungsinstitute, was ihr zusätzlichen Nachdruck verleiht. „Wir setzen nicht auf eine starre Einheitsquote, die Standards orientieren sich auch an der Struktur der Einrichtungen und den beteiligten Fächern“, erklärte Matthias Kleiner den DFG-Ansatz. Ferdi Schüth und Ursula Gather fügten aus ihren Erfahrungen in der Arbeitsgruppe hinzu, wie unterschiedlich die Ausgangssituationen mit Blick auf Größe, Struktur und Fächerspektrum an den Hochschulen seien.

Dass die DFG mit den Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards nicht allein stehe, sondern vielmehr die gesamte Wissenschaftslandschaft seit Mitte der 90er Jahre dieses Thema mehr in den Fokus gerückt habe, skizzierte Schüth und nannte als Beispiele die Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz und des Wissenschaftsrates sowie das Professorinnen-Programm. Diese gemeinsamen Bemühungen trügen nun erste Früchte: Während bis zur Intensivierung der Diskussion der Frauenanteil in der Professorenschaft relativ konstant bei rund fünf Prozent gelegen habe, seien es heute immerhin 17 bis 18 Prozent. Dabei gehen auch heute noch mit aufsteigender Qualifikationsstufe immer mehr Frauen dem System verloren, und damit Potenzial, das gerade angesichts des demografischen Wandels nicht ungenutzt bleiben dürfe. Schüth nannte dazu das bekannte Bild der „leaky pipeline“, das „leckende Rohr“.

Um mehr Frauen zu einem Einstieg ins Wissenschaftssystem zu bewegen und insbesondere dort zu halten, sind nach Ansicht der DFG sowohl strukturelle als auch personelle Maßnahmen vonnöten. So betonen die Forschungsorientierten Gleichstellungsstandards unter anderem die Relevanz einer Gleichstellungsstrategie als zentrale Aufgabe der Hochschul- und Institutsleitungen sowie der Erhöhung des Anteils von Frauen an Professorenstellen und anderen wissenschaftlichen Führungspositionen. Schüth unterstrich: „Die Bemühungen um Chancengleichheit müssen eine Querschnittsaufgabe sein, die ganz oben verankert ist.“ Er plädierte außerdem für Transparenz – Daten müssten geschlechtsspezifisch erhoben und veröffentlicht werden. Personalentscheidungen müssten vorurteilsfrei und unter gleichen Bedingungen für alle getroffen werden. Hier seien Schulungen für Führungskräfte ein vielversprechendes Mittel –auch mit Blick auf den akademischen Mittelbau.

In den ersten Stellungnahmen aus dem Jahr 2009 habe sich ein sehr heterogenes Bild zur Umsetzung der Standards ergeben, berichtete Gather aus der Tätigkeit der Arbeitsgruppe. Dies sei einerseits auf die unterschiedlichen Ausgangslagen und Profile der Universitäten zurückzuführen, andererseits aber auch auf die geringen formalen Vorgaben für die Berichterstellung. Zur Bewertung der Berichte hat die Arbeitsgruppe zunächst vier Stadien definiert: Institutionen in Stadium 1 haben erste Schritte auf dem Weg der Gleichstellung getan, in Stadium 2 existieren erfolgversprechende Maßnahmen oder befinden sich in Planung. Hochschulen in Stadium 3 haben ein überzeugendes Gesamtkonzept bereits überwiegend implementiert und in Stadium 4 befinden sich Einrichtungen, die ein solches Gesamtkonzept bereits erfolgreich umgesetzt und durch innovative Ansätze ergänzt haben. Die Einordnung in eins dieser Stadien wird bei den Zwischenberichten 2011 und den Abschlussberichten 2013 überprüft – damit schließt die Arbeitsgruppe auch aus, dass sich zunächst gut beurteilte Hochschulen „auf ihren Lorbeeren ausruhen“. Für die Anfang 2011 eingereichten Zwischenberichte gab es bereits einen Leitfaden für die Erstellung der Berichte, der den Hochschulen und Forschungsinstitutionen bei der Erstellung helfen und die Bewertung praktikabler gestalten solle. Für die Abschlussberichte 2013 könne man sich vorstellen, noch genauere Vorgaben zu machen, schilderte Gather den kontinuierlichen Lernprozess der Arbeitsgruppe.

Um die Mitgliedseinrichtungen zusätzlich zu unterstützen, hat die DFG bereits 2009 einen Instrumentenkasten im Internet zusammengestellt, der Anregungen für praxiserprobte und qualitätsgesicherte Maßnahmen zur Etablierung von Chancengleichheit in wissenschaftlichen Einrichtungen gibt.

Bis zu den Abschlussberichten 2013 hofft die DFG auf weitere Fortschritte bei der Durchsetzung von Chancengleichheit im Wissenschaftssystem. Die DFG tue das ihre für Planbarkeit und Perspektiven wissenschaftlicher Karrieren, sagte Kleiner und nannte die Abschaffung von Altersgrenzen im Programm „Eigene Stelle“ und in den Nachwuchsprogrammen als Beispiele. „Die DFG kann nicht alle Defizite des Wissenschaftssystems lösen, aber wir versuchen, Zeichen zu setzen“, sagte er. Als eine gesellschaftliche Randbedingung, auf die die DFG und die Wissenschaft wenig Einfluss hätten, nannte Schüth die Betreuung von Kindern: „Generell herrscht die Auffassung, dass die Frauen sich um die Familie kümmern – und die Familiengründung fällt oft mit der Phase der wissenschaftlichen Qualifikation zusammen.“ Hier müsse ein Kulturwandel stattfinden, der Männer mehr in die Pflicht nehme. Aber darüber hinaus könnten der Wissenschaft angepasste Angebote von Kindergärten und Kindertagesstätten helfen: mit Betreuung von Kindern zwischen 0 und 3 Jahren sowie flexiblen Öffnungszeiten – auch mal über Nacht. Gather betonte jedoch auch, dass Wissenschaft vielleicht tatsächlich nicht so planbar sei wie andere Berufe. Es gelte also, die passenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Kleiner setzte hinzu: „Die Wissenschaft ist als Lebensform sicherlich besonders – aber wo möglich, sollte sie Vereinbarkeit gewährleisten.“

Trotz aller Aktivitäten in der Wissenschaft warnte Schüth vor übertriebenen Erwartungen: „Dramatische Sprünge bei den Frauenanteilen sind nicht realistisch, da Professorinnen und Professoren gemeinhin lange Verweilzeiten im System haben.“ Ein positives Indiz sei jedoch die Geschlechterverteilung bei den Professuren mit W-Besoldung. Denn 22 bis 23 Prozent der seit der Einführung im Jahr 2005 eingerichteten Professorenstellen seien mit Frauen besetzt worden. Und wenn Frauen sich für eine Bewerbung auf eine Professur entscheiden, haben sie gute Chancen: Zwar sind unter den Bewerbungen nur 23,6 Prozent von Frauen, aber 25,6 Prozent der Stellen werden mit Frauen besetzt.

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