Musik als Sprache der Emotionen

"Musik als Sprache der Emotionen" illustrierte beim vierten Berliner Salon Professor Eckart Altenmüller
© DFG /Fotograf David Ausserhofer

Ein „ganzheitliches intellektuelles Vergnügen“ versprach DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner zu Beginn des Berliner Salons zum Thema „Musik als Sprache der Emotionen“ am 7. April 2011 in der Villa von der Heydt in Berlin. Und so sprach Professor Eckart Altenmüller die gut 30 Anwesenden sowohl mit wissenschaftlichen Ergebnissen im Wort als auch mit Musikbeispielen auf der Querflöte sensorisch und emotional an. Altenmüller führte, wie DFG-Vizepräsident Professor Peter Funke in der Vorstellung seine gesamte Arbeit charakterisierte, auch an diesem Abend die zwei Welten der Medizin und der Musik zusammen.

Altenmüller ist sowohl Neurologe als auch Musiker. Er nahm 1974 ein Medizinstudium auf, das ihn von Tübingen über Paris nach Freiburg führte. Parallel studierte er ab 1979 Musik mit Schwerpunkt Querflöte. 1994 wurde er Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Dort betreibt er unter anderem eine überregionale Spezialambulanz für Musiker-Erkrankungen. Seit der ersten Bewilligung im Jahr 1988 begleitet Förderung der DFG die Arbeit von Altenmüller. Er war unter anderem an der 2010 ausgelaufenen Forschergruppe „Akustische Kommunikation von Affekten bei nonhumanen Säugetieren und dem Menschen: Produktion, Wahrnehmung und neurale Verarbeitung“ beteiligt, die Funke ein herausragendes Beispiel für geglückte interdisziplinäre Verbundforschung nannte.

Seinen Vortrag begann Altenmüller, „wie es sich für einen deutschen Professor gehört“, mit der Definition der drei Schlüsselworte des Titels. Für die Musik zitierte er die beiden modernen Komponisten Wolfgang Rihm, „Musik ist das, was ich als solche definiere“, und Luca Lombardi, „Musik ist das, was eine hinreichende Anzahl von Hörern als solche sieht“. Er selbst formulierte es so: „Musik sind bewusst gestaltete, zeitlich strukturierte Phänomene“. Sprache benannte er als „konkretes, referentielles Zeichensystem“, also gleichsam alle Handlungen, die etwas zum Ausdruck bringen und damit etwas mitteilen. Emotionen sind für Altenmüller Reaktionsmuster, die durch bestimmte Personen oder Objekte (real oder imaginär) ausgelöst werden. Sie werden als Gefühle erlebt und sind immer privat. Emotionen finden ihre Spiegelung in motorischen Systemen wie der Mimik und Gestik, aber das wichtigste sei die Stimme. In nur 50 Millisekunden könne ein Mensch anhand der Stimme ausmachen, ob sein Gegenüber fröhlich, traurig oder aufgeregt ist.

Mit einem bedrohlichen Knurren unterstrich Altenmüller, was er zuvor zu Affekten und Klängen gesagt hatte. Er rekurrierte auf den Wissenschaftler Eugene S. Morton, der Drohlaute als tief, laut und rau klassifiziert hatte und Äußerungen der Angst als hoch und in einem engen Spektrum liegend. Auch das gab Altenmüller mit einem Laut, wie man ihn von Beaker aus der Muppets Show kennt, wieder und betonte, dass diese Klänge bei allen Säugetieren mit den gleichen Affekten gekoppelt seien. Wie die Musik diese Zusammenhänge aufgreift, zeigte er mit seinem ersten Musikbeispiel, dem 1956 komponierten Requiem des japanischen Komponisten Kazuo Fukushima. Diese als Zwölftonmusik komponierte Klage für einen bei einem Autounfall verstorbenen Freund nimmt auch die Tradition der japanischen Shakuhazo-Flöte auf, die traditionell den Kontakt ins Jenseits aufnimmt. Nach einer kurzen Einführung in die Struktur des Stücks spielte Altenmüller selbst und die Schreie und das Leid des Komponisten wurden in der Musik fassbar.

Die Tanzwissenschaftlerin Professor Gabriele Brandstetter, die Tanz in verschiedenen Kulturen erforscht, erweiterte in der anschließenden Diskussion den Blick auf das Fukushima-Requiem um die Frage nach seinem kulturellen Kontext. Die Flöte spiele beispielsweise im No-Theater eine große Rolle.

Gänsehaut kann man lernen

Wie der menschliche Körper auf Musik reagiert, führte Altenmüller anhand der Hannoverschen Forschungen zur Gänsehaut aus. Einige Ergebnisse: 70 Prozent aller Menschen bekommen Gänsehaut, es gibt „Gänsehaut-Musik“, also bestimmte Parameter, die diese erzeugen, und bestimmte Menschen sind „anfälliger“ als andere. Altenmüller fokussierte dabei auf die „musikalische Gänsehaut“ und erwähnte sowohl die durch bildende Kunst, Literatur oder Architektur als auch die „negative“ bei Frieren oder Berührung nur am Rande.

Musik, die Gänsehaut erzeugt, muss unvorhergesehene Strukturwechsel haben – auch wenn das noch nicht bei allen Hörern die Härchen an den Armen aufrichtet. „Immun“ gegen musikinduzierte Gänsehaut sei man bis zur Pubertät. Danach reagieren die „Sensibelchen“ besonders stark auf musikalische Reize, oder wie Altenmüller sagte: „Eher die, die einen Waldspaziergang dem Bungee-Jumping vorziehen.“ Das treffe auch für Menschen zu, die sich über soziale Kontexte definieren und damit auch für bestimmte Berufsgruppen. „Therapeuten bekommen eher Gänsehaut als Ingenieure und Physiker“, sagte Altenmüller. Und: Man kann Gänsehaut lernen! Altenmüller berichtete von einem Experiment, in dem Chorsänger Mozarts Requiem hörten. Die, die das Stück schon selbst aufgeführt hatten und „in und auswendig“ kannten, bekamen deutlich mehr – und schon vor den besonders anrührenden Stellen – Gänsehaut als die, die es noch nicht gesungen hatten. Auch bei Brahms‘ Bratschensonate, die er im Angesicht des Todes schrieb, reagieren Hörer stärker, die wissen, dass diese das Lied „Wenn ich einmal muss scheiden“ verarbeitet.

Beim Musikhören schüttet der Körper Glücks- und Motivationshormone aus. Das verstärkt die Gedächtnisbildung, erklärte Altenmüller die physiologischen Hintergründe. Am Beispiel der Zwölftonmusik illustrierte er, dass Gehörbildung in allen Altersstufen möglich ist. Experten, die zunächst „kein Gehör“ für die Kompositionsgrundsätze dieser Musikrichtung gehabt hätten, hätten diese einige Jahre später sehr klar ausmachen können. Und andersherum, so fügte er später hinzu, basiere musikalischer Ausdruck auf intellektueller Durchdringung. Er zitierte dazu seine Kollegin in Hannover, Professor Marina Sandel, die in einem entsprechenden gemeinsamen Seminar den Lernenden vier Worte als Basis für ihre Arbeit mitgegeben habe: „Wissen, Wissen, Wissen und nochmal Wissen.“

Beschwörende Klänge

Das Stück „Für eine heitere Vereinigung des Seins mit der Welt“, eine von fünf „Incantations“ des Komponisten André Jolivet von 1936, schlug als Illustration zur Gänsehaut eine ganz andere Saite in den Zuhörenden an als das Requiem. Diese Musik kreist um virtuelle Mittelpunkte und Altenmüller zeigte vor seinem Flötenspiel den Anwesenden seine Vision des Stücks: Das Bild „La charmeuse de serpents“ von Henri Rousseau. Die dunklen Farben und die schattenhafte Person mit Flöte vor einem Urwald stimmten auf das Stück ein, das auch von den Beschwörungsgesängen nordafrikanischer Stämme inspiriert wurde.

Altenmüller bezog sich auf die emotionalen, akustischen Signale aus dem Stück, um die universellen Laute aller Säugetiere wie lachen, weinen oder stöhnen aufzuzeigen. Auch ein nächster Schritt, die Gruppenbildung durch Musik, sei im Tierreich weit verbreitet. So „trommeln“ Gibbons gemeinsam – eine rhythmische, motorische Aktivierung des Gehirns. Die Fähigkeit, Rhythmen und Melodien zu unterscheiden, gehe dann mit der Kontrolle der Zunge einher, die sich beim Menschen herausgebildet habe. So verrate bei den Vorfahren des Homo sapiens der Durchmesser des die Zunge steuernden Nervs ins Gehirn, wie ausgeprägt Sprache gewesen sei. Darauf aufbauend sei dann sowohl differenzierte Sprache, beispielsweise zur Organisation von Arbeitsprozessen, als auch Musik entstanden.

Musik als „transformative technology“ übernehme dabei viele Funktionen, erläuterte Altenmüller und gab unter anderem zwei Beispiele für den Konnex Medizin und Musik. So erhöht das Singen im Chor nachweislich den Immunglobulin-Spiegel und stärkt die Abwehrkräfte. Nach einem Schlaganfall erholen sich Patienten viel schneller, wenn sie direkt danach zwei Stunden lang ihre Lieblingsmusik hören. Dabei gehe es tatsächlich um ihre persönliche Lieblingsmusik, sagte Altenmüller: „Es gibt keine musikalisch verbindliche Hausapotheke.“ Zurück bei der Entwicklung von Sprache und Musik führte er die beiden Pfade unter dem Schlagwort „Musik als Sprachträger“ wieder zusammen. Belege, wie Musik Sprache unterstützt, seien Barden und Sänger und die Tradierung von Geschichten und Mythen wie der Odyssee und der Ilias in Form von Liedgut.

Lebhafte Diskussion

In der lebhaften Diskussion zum Abschluss vertieften etliche Fragen das Gehörte und gaben ihm neue Facetten. So drehte eine Frage „den Spieß“ herum: Wenn man verstehe, wie Musik wirke, könne man sich dies ja auch zur Manipulation von Menschen zu Nutze machen. Altenmüller nannte als Beispiele die Umzüge der Nationalsozialisten und die Auswahl der Liszt-Prélude für die Wochenschau. Diese Musik sei rhythmisch akzentuiert, nutze vor allem Blechbläser, die damals mit Militär und Herrschaft assoziiert worden seien, und sei ganz bewusst ausgewählt worden. Er erinnerte außerdem an die Rolle der Medien bei solchen Prozessen und gab als aktuelles Beispiel den Earth Song von Michael Jackson.

Auch nach den „überkreuzten“ Sinnen, der Synästhesie, wurde gefragt. Altenmüller führte anhand aktueller Arbeiten aus, dass dieses Phänomen sehr individuell und höchst unterschiedlich ausgeprägt sei: „Nicht jeder Synästhetiker hört C-Dur als Rot! Es kann genauso gut Türkis sein.“ Man nehme außerdem an, dass Synästhesie bei Säuglingen normal sei. Erst im Alter von drei bis vier Jahren würden die Sinne durch den Aufbau von Hemmungen abgegrenzt. Bei psychischen Erkrankungen oder durch Drogeneinnahme könnten diese Barrieren wieder fallen.

Nach der Veranstaltung waren sich alle Anwesenden einig: Vortrag, Musikbeispiele und Diskussion waren ein Vergnügen. Die vielen angeregten Gespräche im Anschluss zeigten ein großes Bedürfnis zum weiteren Austausch und damit gleichsam, wie eng Emotion, Sprache und Musik zusammengehören.

Impressionen des Berliner Salons

Bild 1 von 6

Die Villa von der Heydt gab den Rahmen
© DFG / Fotograf David Ausserhofer

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© 2010-12 DFG Aktualisierungsdatum: 24.11.2011Sitemap  |  Impressum  |  Kontakt  |  RSS Feeds

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