Verflechtung von Tanzkulturen
Professor Gabriele Brandstetter zu Besuch in Indien (mit dem Leiter des DFG-Büros Indien, Torsten Fischer)
© DFG
Tanz als Thema für die Wissenschaft und als Austauschmöglichkeit zwischen Kulturen – diese beiden Grundgedanken griff die Leibniz-Lecture am 4. März 2011 in New Delhi, Indien, auf. Mit der Tanzwissenschaftlerin Professor Gabriele Brandstetter von der Freien Universität Berlin und Leibniz-Preisträgerin 2004 sprach eine ausgewiesene Expertin dieses sowohl in Deutschland als auch Indien noch jungen Wissenschaftsgebiets vor rund hundert Gästen aus Wissenschaft und Kultur.
Im bekannten Nehru Memorial, dem Sitz des ersten indischen Premierministers Nehru in der indischen Hauptstadt, berichtete Brandstetter in der nunmehr zweiten Leibniz-Lecture in Indien aus diesem Forschungsgebiet aus den Kunst- und Geisteswissenschaften. Zugleich eröffnete sich damit ein Diskussionsraum rund um die Unterschiede, die Überkreuzungen und Möglichkeiten eines Austauschs zwischen Künstlern und Wissenschaftlern in Indien und Deutschland.
Die in der Leibniz-Lecture aufgeworfenen Fragen – inwiefern in Tänzen unterschiedliches kulturelles Wissen, Ästhetiken, Körperkonzepte ausgedrückt sind und in welcher Weise Tänze aus unterschiedlichen Kulturen in zeitgenössischen Kontexten verflochten sind – fanden ein lebhaftes Echo in der Diskussion nach dem Vortrag. Dabei trat insbesondere die Frage nach dem Status des „traditionellen“, des klassischen indischen Tanzes in der heutigen Zeit in den Fokus der Debatte.
Auch nach der Leibniz-Lecture beschäftigte dieses Thema Professor Brandstetter bei ihrem Besuch, der vom DFG-Büro Indien organisiert und begleitet wurde. In verschiedenen Institutionen drehten sich die Gespräche – mit unterschiedlichen und kontroversen Akzenten – um das Verhältnis von traditionellem und zeitgenössischem Tanz. Gleichzeitig schnitten die facettenreichen Debatten immer auch Grundfragen der Geistes- und Sozialwissenschaften, der geschichtlichen Forschung ebenso wie der „postcolonial“ und der „gender studies“ an. Bezogen auf den Tanz, seine Körperkonzepte und Fragen des (politischen) Raums – beispielsweise der Spannung zwischen Tanztraditionen des Nordens und Südens Indiens – zeigte sich, wie brisant diese bislang wenig beleuchteten Themen auch und gerade für interdisziplinären und interkulturellen Wissenschaftsaustausch sein können. Weniger die Differenz von Ost-West (Indien – Europa) als vielmehr die komplexen Beziehungen zwischen Tradition und Zeitgenössischem aber auch die Ausprägungen multipler Konzepte des Modernen im indisch-südostasiatischen Raum wurden zum Brennpunkt der Gespräche.
Stationen der Reise, auf denen auch die aus Berlin mitgereisten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Christina Deloglu, Holger Hartung und Kirsten Maar, ihre Forschungen vorstellten, waren die National School of Drama, unter der Leitung von Dr. Anuradha Kapur; der Abhyas Trust, unter Leitung von Navtej Johar; und die School of Arts and Aesthetics der Jawaharlal Nehru University, unter der Leitung von Professor Parul Dave Mukherji.
Den Abschluss der Reise von Professor Brandstetter bildeten die „Roundtable Discussions“ am 8. März 2011 im Goethe-Institut – Max Mueller Bhavan unter dem Titel „Dance and Choreography – between arts, research, and public sphere“. Mit Anusha Lall, Shri Sadanand Menon, Jayachandran Palazhy und Shuddhabrata Sengupta nahmen namhafte Vertreter aus der zeitgenössischen indischen Tanz-Performance-Szene an der sehr gut besuchten Veranstaltung teil. Die Themen des Austauschs reichten von klassischen Tanzformen, ihren Codes und Körperdisziplinierungen bis zu den Herausforderungen zeitgenössischer Kunstpraktiken und Medien. Sowohl auf wissenschaftlicher als auch auf künstlerischer Ebene boten die Diskussionen reichlich Anknüpfungspunkte für die Fortsetzung des interkulturellen Gesprächs. Als besonders dringlich empfanden die Anwesenden Fragen nach Möglichkeiten und Formen der Verknüpfung von künstlerischer Praxis und Theorie sowie nach Fördermöglichkeiten. Sie regten daher weitere, kontinuierliche Gespräche zwischen Berlin und New Delhi an.
Aus Sicht der Delegation aus Berlin war der Besuch sehr erfolgreich. Vor ihrem Rückflug nach Berlin sagte Professor Brandstetter zu Vertretern der indischen Presse: „Unser Aufenthalt in New Delhi war wegweisend für weitere Projekte. Für inhaltliche Forschungsinteressen und Ideen zu einem projektbezogenen, längerfristigen Austausch zwischen der FU Berlin und Institutionen in New Delhi haben wir eine Basis hergestellt. Die entscheidende Innovation, die neue Akzente im Verständnis der Geistes- und Sozialwissenschaften setzen wird, besteht dabei in einer Kooperation in der Forschung, die sowohl Künstler als auch Wissenschaftler, Tänzer und Tanzwissenschaftler gleichermaßen einbezieht.“