Ursula M. Händel-Tierschutzpreis 2016 an Forscherinnen des Paul-Ehrlich-Instituts verliehen

Die Preisträgerinnen mit dem DFG-Präsidenten
Preisträgerinnen und Präsident: Dr. Heike Behrensdorf-Nicol, Emina Wild, Jolanta Klimek, Ursula Bonifas, Dr. Beate Krämer, Dr. Birgit Kegel, Prof. Peter Strohschneider (v.l.)
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Anlässlich der sechsten Verleihung des Ursula M. Händel-Tierschutzpreises unterstrich DFG-Präsident Professor Dr. Peter Strohschneider: „Die Freiheit der Wissenschaft ist mit großer Verantwortung verbunden. Es gilt immer wieder sorgfältig abzuwägen, was wissenschaftlich notwendig und was zugleich ethisch vertretbar ist.“ Dieser – mit Blick auf den Tierschutz in der Forschung besonders wichtigen – Verantwortung seien die Preisträgerinnen aus der Abteilung Veterinärmedizin am Paul-Ehrlich-Institut in besonderem Maße gerecht geworden, so Strohschneider am 28. September 2016 im Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. Dr. Birgit Kegel und Dr. Beate Krämer erhielten die mit 100 000 Euro dotierte Auszeichnung gemeinsam mit vier weiteren Mitgliedern der von ihnen geleiteten Arbeitsgruppe für ein neu entwickeltes Testverfahren, das anstelle von bislang notwendigen und für die Tiere sehr belastenden oder tödlichen Versuchen eingesetzt werden kann. Damit leisteten sie einen herausragenden Beitrag zur Umsetzung des 3-R-Prinzips (Reduction, Refinement, Replacement).

Dr. Beate Krämer und Dr. Birgit Kegel
Die Preisträgerinnen stellen ihre Arbeit vor
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In einem Kurzvortrag vor rund 70 Zuhörerinnen und Zuhörern stellten die beiden Preisträgerinnen Kegel und Krämer ihre Arbeit vor. Den Forscherinnen des Paul-Ehrlich-Instituts, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel in Langen, ist es gelungen, ein In-vitro-Verfahren zu entwickeln, das relevante Mechanismen der schädigenden Wirkung von Botulinum-Neurotoxinen – bekannt als Botox – künstlich nachbildet und so für das Testen der Toxine eingesetzt werden kann. Die durch Bakterien produzierten Botulinum-Neurotoxine rufen bei Mensch und Tier Muskellähmungen hervor. Wegen dieser Eigenschaft sind diese Substanzen neben ihrer Anwendung in der ästhetischen Chirurgie ein bedeutender Wirkstoff in Medikamenten zur Behandlung vielfältiger neurologischer Erkrankungen. Vor ihrem Einsatz in medizinischen Produkten müssen die Wirkstoffe standardmäßig an Mäusen getestet werden.

Das neu entwickelte Testverfahren erlaubt es nun, diese Tierversuche in großem Umfang – betroffen sind allein in Deutschland über 600 000 Tiere im Jahr – zu vermeiden. Für einen der zwei bestehenden Typen der Botulinum-Neurotoxine haben die Wissenschaftlerinnen bereits ein Ersatzverfahren entwickelt und publiziert; jetzt soll das In-vitro-Verfahren für das andere Neurotoxin weiterentwickelt werden. „Mit dem Preisgeld werden wir eine internationale Ringstudie durchführen, die nötig ist, um den Tierversuch im Europäischen Arzneimittelbuch zu streichen und das neue Testverfahren als Standardmethode einzuführen“, erklärten Kegel und Krämer.

DFG-Senatskommissionsmitglied Heidrun Potschka
DFG-Senatskommissionsmitglied Heidrun Potschka hob die große ethische Motivation der Mitglieder der ausgezeichneten Arbeitsgruppe hervor
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In ihrer Laudatio zeigte sich Professor Dr. Heidrun Potschka, wissenschaftliches Mitglied der Ständigen DFG-Senatskommission für tierexperimentelle Forschung, sehr zuversichtlich, dass die Preisträgerinnen die genannten Ziele erreichen werden. „Mit dieser und vorangegangenen Arbeiten haben Frau Kegel und Frau Krämer nicht nur gezeigt, dass sie in der Lage sind, große wissenschaftliche Herausforderungen zu meistern“, sagte Potschka. „Sie haben unter Beweis gestellt, dass sie auch den langen und aufwendigen Weg zur Implementierung neuer Testverfahren erfolgreich bewältigen können.“ Für ihre Arbeit zum Tetanus-Toxin seien die Wissenschaftlerinnen daher auch schon 2010 mit dem Tierschutzpreis der Bundesregierung ausgezeichnet worden.

Festvortragsredner Stefan Treue
Festvortragsredner Stefan Treue ist Vorsitzender der Steuerungsgruppe, die die Arbeit und die Inhalte der Initiative „Tierversuche verstehen“ verantwortet
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Die Umsetzung des 3-R-Prinzips und die damit verbundenen ethischen Fragen standen auch im Fokus des Festvortrags „Tierversuche verstehen – eine Informationsinitiative der Wissenschaft geht online“ von Professor Dr. Stefan Treue, Leiter des Deutschen Primatenzentrums am Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen. „Verantwortungsbewusst zu handeln heißt, Tierversuche möglichst zu reduzieren, zu verbessern oder gar zu ersetzen – dazu gehört aber auch, für Transparenz und Kommunikation zu sorgen“, sagte Treue. Mit der Informationsinitiative ermögliche die Allianz der Wissenschaftsorganisationen der interessierten Öffentlichkeit, sich eine faktenbasierte Meinung zum Thema zu bilden. Ziel sei es, zu einer sachlichen gesellschaftlichen Diskussion über Tierversuche beizutragen.

Abschließend beglückwünschte der DFG-Präsident die Preisträgerinnen dazu, dass sie den hohen Ansprüchen und Hoffnungen, die die Stifterin Ursula M. Händel in den Preis gesteckt hat, in vorbildlicher Weise gerecht geworden seien. „Wo die Dignität des Tieres beginnt und wo sie verletzt wird, wie sie geachtet und bewahrt werden kann, das muss freilich von der Wissenschaft immer wieder neu gefragt und beantwortet werden: im Labor, in der konkreten Forschungspraxis, aber auch im Gespräch innerhalb der Wissenschaft – und mit der Gesellschaft“, sagte Strohschneider.

Zusatzinformationen

„Tierversuche verstehen“ – Informationsinitiative zu tierexperimenteller Forschung

Mit einer neuen Initiative informiert die Wissenschaft in Deutschland umfassend und transparent über Tierversuche in der Forschung. Das Projekt „Tierversuche verstehen“ der Allianz der Wissenschaftsorganisationen bietet auf einer Internetplattform und über die Sozialen Medien vielfältiges Informationsmaterial an, vermittelt Experten und ermöglicht interaktiv Diskussionen.

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