Karrierewege in den Geistes- und Sozialwissenschaften

Irrwege, Auswege, Karrierewege

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler diskutieren Herausforderungen der frühen Karrierephasen / Transatlantische Perspektiven beim DFG-Symposium am 30. Mai 2016 in Bonn

Im Wissenschaftszentrum Bonn
Im Wissenschaftszentrum Bonn
© DFG / Eric Lichtenscheidt

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Das Thema des DFG-Symposiums „Irrwege, Auswege, Karrierewege ‒ Onward, Upward, and Out?“ am 30. Mai 2016 in Bonn ist von ungebrochener Aktualität. Das zeigt schon der Blick auf den berühmten Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“ des Soziologen Max Weber aus dem Jahr 1917. Auf Webers Überlegungen bezogen sich die Diskussionen zwischen den rund 90 anwesenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaftspolitik, -management und -kommunikation von beiden Seiten des Atlantiks fast hundert Jahre später in Bonn immer wieder.

Schon Max Weber bezeichnete „die Leidenschaft als unverzichtbar für den entbehrungsreichen Weg zum akademischen Gelehrten“, der Hauptantrieb sei die Aussicht, am wissenschaftlichen Fortschritt beteiligt zu sein. Daran hat sich bis heute wenig geändert – ebenso wenig wie an den „absoluten Zufälligkeiten“, denen eine wissenschaftliche Karriere, auch im Fall Webers, zu verdanken sei. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposiums konnten sich auch seinen Beobachtungen anschließen, dass eine akademische Karriere in Deutschland grundsätzlich ein „Hazard“ sei und für einen jungen Gelehrten, der „keinerlei Vermögen“ habe, „außerordentlich gewagt“.

Das Symposium in Bonn, zu dem Professor Dr. Russell Berman von der Stanford University, Professor Dr. Julika Griem und Dr. Johannes Völz von der Goethe-Universität Frankfurt sowie DFG-Präsident Professor Dr. Peter Strohschneider eingeladen hatten, betrachtete die Situation in den Geistes- und Sozialwissenschaften in Deutschland und Nordamerika. Es nahm dabei eine vergleichende Perspektive ein und hatte möglichst konkrete Diskussionsergebnisse zum Ziel. So stellten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterschiedliche Defizite fest: Während sich in Deutschland insbesondere die Phase zwischen dem Abschluss der Promotion und dem Ruf auf eine Professur ‒ also die Postdoc-Phase ‒ schwierig gestaltet, ist in den USA insbesondere die Promotionsausbildung an den Graduate Schools unter Druck geraten. Zu den Lösungsansätzen gehörte der Wunsch auf beiden Seiten des Atlantiks nach einer besseren Betreuungskultur in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie frühere und ehrliche Information über die Karriereperspektiven in der Wissenschaft und darüber hinaus. Eine Karriere außerhalb Wissenschaft dürfe nicht länger als „Scheitern“ und die Professur nicht länger als der alleinige „Goldstandard“ gelten.

Anhand von zwei einleitenden Kurzvorträgen und in drei Roundtable-Gesprächen erörterten die Anwesenden Fragen nach attraktiveren Karrierewegen in der Wissenschaft und in anderen Sektoren. Die transatlantische, vergleichende Perspektive ermöglichte es, Wissen über die aktuellen Arbeitsbedingungen, Fördermöglichkeiten und Strukturprobleme auszutauschen, Informationslücken über die spezifischen Probleme im jeweils anderen Hochschulsystem zu füllen und sich somit dem Ziel zu nähern, mit in nationalen Debatten verwendeten Gemeinplätzen aufzuräumen. Das Fazit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer fiel positiv aus, denn der Dialog eröffnete sowohl mit Blick auf die unterschiedlichen Stufen der wissenschaftlichen Karriere wie auch in Bezug auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem deutschen und nordamerikanischen Wissenschaftssystem viele präzisierende Einsichten. Professor Dr. Leonard Cassuto, von der Fordham University in New York formulierte den gegenseitigen Blick aufeinander so: „Each has been operating as the imaginary ideal of the other.“

Kurzvorträge: Systemspezifische Perspektiven

Präsident der DFG und Professor für Germanistische Mediävistik: Peter Strohschneider
Präsident der DFG und Professor für Germanistische Mediävistik: Peter Strohschneider
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Den Einstieg ins Thema gaben mit DFG-Präsident Peter Strohschneider und Russell Berman von der Stanford University zwei erfahrene Wissenschaftler und Wissenschaftsmanager. Sie benannten die aus ihrer Sicht wichtigsten Fragen und Eigenheiten der beiden Wissenschaftssysteme. Zugespitzt formuliert, identifizierten sie für Deutschland eine Postdoc- und in den USA eine Promotionskrise. Außerdem wurde deutlich, dass die Promotionszeit in den USA als Ausbildungszeit gesehen wird, während sie in Deutschland als bereits eigenständige wissenschaftliche Tätigkeit zählt.

Die Situation in Deutschland…

Strohschneider betonte in seinem Kurzvortrag drei Eigenheiten des deutschen Systems. Erstens gehe es um das Renommee des Doktortitels: Und zwar nicht nur um die nach wie vor große gesellschaftliche Anerkennung für die Trägerin oder den Träger, sondern auch um ein Unterscheidungsmerkmal für die Universitäten, die das Recht haben, einen Doktorgrad zu verleihen, und die sich insofern gegenüber den Fachhochschulen abgrenzen.

Als zweite Besonderheit nannte er die sich zunehmend etablierenden strukturierten Promotionsprogramme, die neue Standards der Betreuung geschaffen und die Unabhängigkeit der Promovierenden erhöht haben. Der Mediävist warnte gleichzeitig vor allem mit Blick auf die Geistes- und Sozialwissenschaften vor einer Überfrachtung der Promotionsprogramme: „Die vielen vorgegebenen Veranstaltungen haben ihren Wert, kosten jedoch auch Zeit, die die Promovierenden besonders in diesen Fächern für ihre Recherchen und das Schreiben einer Monografie benötigen. Eine stark wachsende akademische ‚coaching industry‘ mag die Qualität der Betreuung steigern, kann aber auch zu einer ‚Infantilisierung‘ der Promovierenden führen.“

Als dritten Aspekt verwies der DFG-Präsident auf die unterschiedlichen Pfade zu einer Professur, die von der klassischen Assistenz über Juniorprofessuren bis hin zu Exzellenzprogrammen für Nachwuchsgruppenleiterinnen und -leiter reichten. Er konstatierte, dass alle Wege über befristete Verträge zu einem Berufungsalter von Anfang bis Mitte Vierzig führten ‒ wenn sie denn überhaupt Erfolg hätten. Gerade hier unterschieden sich das deutsche und das amerikanische System drastisch, denn in den USA verliefen Karrierewege innerhalb der Wissenschaft verhältnismäßig geradliniger. Eine gemeinsame Herausforderung beider Systeme sah er darin, eine Balance zwischen intellektueller Leistungsfähigkeit und sozialer Sicherheit zu finden.

Russell Berman, Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft, Stanford
Russell Berman, Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft, Stanford
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… und in den USA

Doch auch auf der anderen Seite des Atlantiks steht nicht alles zum Besten. Russell Berman, Professor für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft in Stanford und ehemaliger Präsident der Modern Language Association, berichtete von Streichungen bei den amerikanischen Doktorandenprogrammen. Das solle einer „Überproduktion“ an Promovierten entgegenwirken, sodass genügend Stellen für exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verfügbar sind. Er hält das allerdings für einen Trugschluss: „Wir diskreditieren so nicht nur die Promotion, sondern die gesamte Wissenschaft, die von der Qualität ihrer Doktorandinnen und Doktoranden lebt. Langfristig führt das zu einer Verarmung der Gesellschaft.“

Er wies darauf hin, dass hoch qualifizierte PhD-Absolventinnen und ‑Absolventen der Geistes- und Sozialwissenschaften auch außerhalb der Wissenschaft ein Gewinn seien. Ohnehin arbeite ein Großteil der Absolventinnen und Absolventen im Wissenschaftsmanagement oder außerhalb der Wissenschaftswelt, wie weithin bekannt sei: „Trotzdem pflegen wir weiterhin den Mythos, dass die akademische Ausbildung überwiegend zu einer beruflichen Laufbahn innerhalb der Wissenschaft führe. Was in den anderen Disziplinen normal ist, ist in unseren Fächern immer noch tabu: Die Professur bleibt der Goldstandard. Sich außerhalb der Wissenschaft zu orientieren, ist keine Option.“

Auch Berman forderte deshalb zum Umdenken auf: In den „doctoral studies“ sollten auch Schlüsselqualifikationen für einen Werdegang außerhalb der Akademia vermittelt werden. „Allerdings darf das die hohe Qualität der Wissensproduktion an den Universitäten nicht gefährden, und die Promotion soll auch keine Berufsausbildung sein.“ Wie es in anderen Disziplinen bereits geschehe, müssten die Betreuerinnen und Betreuer ihren PhD-Studentinnen und -Studenten frühzeitig ein realistisches Bild vermitteln und auch alternative Wege aufzeigen.

Während in Deutschland der amerikanische Tenure Track oft als Vorbild herangezogen wird, sieht Berman gerade dieses System in Gefahr. Nach Angaben der American Association of University Professors arbeiteten nur 30 Prozent der „university instructors“ auf einer Tenure-Track-Stelle, 70 Prozent hingegen nicht. Denn viele Universitäten wandelten Tenure-Track-Professuren zunehmend in befristete Stellen um, sodass Postdocs eine Stelle nach der anderen besetzten – ohne eine langfristige Perspektive und in großer finanzieller Unsicherheit. „Wir nennen es die ‚Postdoc-Falle‘, da die Chancen auf eine Berufung nach mehreren Postdoc-Stellen immer geringer werden“, unterstrich er.

Roundtable I: Die prekäre Lage wissenschaftlicher Arbeitskräfte

Themen: Die Situation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in frühen Karrierephasen, insbesondere Tenure Track statt Befristungen, Kettenverträge und unsichere Perspektiven

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

  • Annika Eisenberg, Doktorandin an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt
  • Dr. Marissa Gemma, Postdoktorandin am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt/Main
  • Professor Dr. Marlis Hochbruck, Mathematikerin vom Karlsruher Institut für Technologie und Vizepräsidentin der DFG
  • Professor Dr. Lars Koch, Germanist von der Technischen Universität Dresden
  • Daniel Reid, Direktor der Whiting Foundation in New York
  • Moderation: Dr. Johannes Völz, Akademischer Rat und ab Oktober 2016 DFG-geförderter Heisenberg-Professor an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt
Panel I: Daniel Reid, Marlis Hochbruck, Johannes Völz, Lars Koch, Marissa Gemma, Annika Eisenberg (v.l.)
Panel I: Daniel Reid, Marlis Hochbruck, Johannes Völz, Lars Koch, Marissa Gemma, Annika Eisenberg (v.l.)
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„Ich stoße erstaunlicherweise immer wieder auf das gleiche Paradoxon: Einerseits herrscht große Verzweiflung angesichts der schwierigen Karrierewege in der Wissenschaft. Andererseits gibt es da ein unzerstörbares Vertrauen, dass es ‚mich nicht treffen wird‘“, schilderte der Amerikanist Johannes Völz seine Beobachtungen. Annika Eisenberg, die selbst eine Karriere außerhalb der Forschung plant, steuerte direkt ein Gegenbeispiel bei: Bereits früh in ihrer Promotion habe sie sich auf ihre organisatorischen Fähigkeiten besonnen und gezielt eine wissenschaftsnahe Anstellung in der Hochschuladministration gesucht.

Darüber, dass die Lage der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Karrierephasen bis zur Professur häufig prekär ist, waren sich die Diskutantinnen und Diskutanten einig. Zumal Promovierende sich in den USA, wie Daniel Reid berichtete, für ihre wissenschaftliche Ausbildung hoch verschulden müssten – und das in einem Land mit einem schwachen Sozialhilfesystem und unsicheren Jobperspektiven nicht nur in der Wissenschaft. Einigkeit herrschte auch darüber, dass die prekäre Lage insbesondere des geistes- und sozialwissenschaftlichen Nachwuchses im System angelegt ist: „Die Professorinnen und Professoren vermitteln, dass der einzige richtige Weg innerhalb der Wissenschaft verläuft, der Ausweg in den privaten Sektor wird als Scheitern dargestellt“, sagte Russell Berman. Diese Sichtweise müsse sich gerade unter den Etablierten ändern. Der Forderung nach einem Kulturwandel in der Betreuung pflichtete Marissa Gemma bei: „Anstelle eines Scheiterns in der Wissenschaft sollten wir vom Erfolg in anderen Berufsfeldern sprechen.“

Annika Eisenberg betonte, dass es entscheidend sei, mit der Aufklärung über unterschiedliche Karrierewege zu Beginn der Promotion anzusetzen. Lars Koch stimmte dem zu und befürwortete eine „Atmosphäre der Verantwortung“: Er sehe sich als Gatekeeper für die Promovierenden in seinem Team. Die Beratung solle die verschiedenen Phasen der wissenschaftlichen Karriere begleiten und an das jeweilige Stadium angepasst sein. Je weiter die Karriere fortgeschritten sei, umso nötiger sei eine ehrliche Einschätzung seitens der Mentorinnen und Mentoren. Es sei nicht vertretbar, so der Generalsekretär der Volkswagenstiftung, Dr. Wilhelm Krull, dass insbesondere Postdoktorandinnen und -doktoranden über viele Anstellungen hinweg „als Sklaven der Professorinnen und Professoren“ im Wissenschaftssystem gehalten würden.

Von einem anderen Blick auf den wissenschaftlichen Nachwuchs berichtete Marlis Hochbruck aus den Naturwissenschaften. Die Option, nach der Promotion nicht in der Wissenschaft, sondern beispielsweise in der Industrie zu arbeiten, sei außerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften bereits in die Ausbildung einbezogen: „Insofern bedeutet es für uns weder Scham noch Scheitern, wenn jemand die Wissenschaft verlässt.“ Unter denen, die in der Wissenschaft bleiben wollten, herrsche gleichwohl auch etwas von einer „Atmosphäre der Verzweiflung“ – mit der wichtigen Einschränkung, dass die Auswege aus der Wissenschaft in sichere und gut bezahlte Jobs besser seien, auch noch einige Jahre nach der Promotion.

Zur in der Debatte häufig zitierten „Atmosphäre der Verzweiflung“ gab es jedoch auch Rückfragen. Beispielsweise von der Mitorganisatorin des Symposiums, Professor Dr. Julika Griem von der Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt, mit Blick auf die allerorts ausgebauten Beratungsangebote: „Haben wir hier nicht einen Sektor vor uns, in dem neue Stellen auch für Promovierte entstehen, die sich der Aufrechterhaltung von Beratungsbedürftigkeit durch ein Narrativ der Prekarisierung verdanken?“ Professor Dr. Ulla Haselstein von der Freien Universität Berlin pflichtete ihr bei. Immerhin seien mehr Fördergelder denn je im deutschen Wissenschaftssystem und die Bedingungen für eine Promotion nie so gut gewesen wie heute. Sie gab außerdem zu bedenken: „Die Unsicherheit von Karrierewegen ist keine Eigenheit der Wissenschaft, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen.“

Einig waren sich die Diskutierenden bei der Feststellung, dass sowohl in Deutschland wie in den USA die Gefahr bestehe, dass die Promotion unattraktiv werde und dadurch der Wissenschaft die besten Kandidatinnen und Kandidaten verloren gingen. Dies wiederum sei auch negativ für die Gesellschaft, da ihr so Erkenntnisgewinn und Wissenszuwachs vorenthalten blieben. Die Prekarisierung stünde zudem dem Exzellenzgedanken entgegen: Wer sich ständig um seine Zukunft Gedanken machen müsse, könne sich nur schwer auf seine Forschung konzentrieren und Höchstleistungen vollbringen. Allerdings wurde auch darauf hingewiesen, dass Prekarisierung und Kontingenz zu unterscheiden seien: Letzteres gehöre zur Wissenschaft als Beruf dazu.

Roundtable II: Durchlässigkeit wissenschaftlicher und nicht wissenschaftlicher Karrierewege

Themen: Wissenschaftliche und gesellschaftliche Unterschiede in der Qualifikationsphase auf deutscher und amerikanischer Seite und die Voraussetzungen für eine größere Durchlässigkeit und Flexibilität

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

  • Professor Dr. James Grossman, Executive Director der American Historical Association
  • Manuel J. Hartung, Leiter des Chancen-Ressorts bei der Wochenzeitung „Die Zeit“
  • Professor Dr. Laurence McFalls, Université de Montréal
  • Dr. Cornelia Schu, Geschäftsführerin des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration
  • Dr. Sabine E. Zimmermann, Direktorin des Siemens Technology and Innovation Councils
  • Moderation: Professor Dr. Julika Griem, Johann Wolfgang von Goethe-Universität in Frankfurt
Aus Panel II
Panel II: Julika Griem, James Grossman, Manuel Hartung (v.l.)
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Das Podium war sich einig, dass ein Wechsel von der Wissenschaft in andere Arbeitsgebiete innerhalb der Universität und andere Arbeitsmärkte außerhalb grundsätzlich möglich sei, wenn auch erheblicher Nachbesserungsbedarf bestehe. Auch hier mahnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Bewusstseinswandel in der Betreuungskultur der Geistes- und Sozialwissenschaften an, um den Weg aus der Wissenschaft heraus als Erfolg zu betrachten und im Zweifelsfall nicht zu lange aufzuschieben, wie James Grossman sagte. Er bezeichnete es als „schlichtweg inakzeptabel“, dass in Deutschland die Mehrheit der Postdocs, die keine Professur erreichen, erst mit Anfang oder Mitte Vierzig in die Gesellschaft „entlassen“ werden. Genauso unverantwortlich sei die Situation in den USA, wo ein zunehmend großer Anteil der Postdocs eine Stelle nach der anderen annehme, ohne sich beruflich oder privat absichern zu können. Um auch andere Karrierewege neben einem wissenschaftlichen Werdegang zu ermöglichen, darin waren sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, müssten in der Promotionsphase Schlüsselqualifikationen vermittelt werden. Laurence McFalls hingegen machte sich für den Elfenbeinturm stark und forderte, dass die Universität Heimstatt der Wissenschaft bleiben müsse und nicht Ausbildungsstätte für andere Berufe werden dürfe.

Die historische Fachgesellschaft in den USA (AHA) habe fünf Kompetenzen definiert, die Promovierende sowohl für die wissenschaftliche Laufbahn als auch den privaten Sektor qualifizierten, berichtete James Grossman: Kommunikation, Kooperation, Kenntnisse im Umgang mit Zahlen, digitales Engagement und intellektuelles Selbstvertrauen. Manuel Hartung unterstrich die Bedeutung, bereits während der Promotion mit der „realen Welt“ außerhalb der Wissenschaft in Kontakt zu treten: „Geistes- und sozialwissenschaftliche Promovierte bringen sehr gute Kenntnisse und analytische Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt mit.“ Er verwies auf den eigenen Beruf und sagte, die Arbeit als Journalist beinhalte viel mehr Fähigkeiten als Themen zu erfassen und zu verarbeiten. Auch er plädierte dafür, sich weitere Kompetenzen frühzeitig anzueignen, um erfolgreich außerhalb der Wissenschaft Fuß zu fassen.

Wer von der Praxis zurück in die Wissenschaft wechseln möchte, hat schlechte Karten, lautete ein weiteres Votum. Dafür müsste das System in beide Richtungen durchlässiger werden. „Die Universitäten müssen sich im Klaren sein, dass sie mit allen anderen Arbeitgebern um gute Kräfte konkurrieren“, sagte Cornelia Schu, „sie sollten ihre Türen öffnen, die Forschung breiter anlegen und Fachleute mit Praxiserfahrung aufnehmen.“ Dafür müssten sie ihre Aufnahmekriterien überdenken und entsprechende neue Positionen schaffen. Immerhin haben Industrieunternehmen das Potenzial der Geistes- und Sozialwissenschaften für den Umgang mit Innovationen erkannt, wie Sabine Zimmermann am Beispiel Siemens bestätigte.

Roundtable III: Vorschläge für die Reform von Promotions- und Postdoc-Programmen

Panel III: Sally Pratt, Wilhelm Krull, Leonard Cassuto, Sibylle Baumbach, Russell Berman, Bernd Engler, Ulla Haselstein.(v.l.)
Panel III: Sally Pratt, Wilhelm Krull, Leonard Cassuto, Sibylle Baumbach, Russell Berman, Bernd Engler, Ulla Haselstein.(v.l.)
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Themen: Reformvorschläge für Doktoranden- und Postdoc-Programme

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:

  • Professor Dr. Sibylle Baumbach, Universität Innsbruck
  • Professor Dr. Leonard Cassuto, Fordham University
  • Professor Dr. Bernd Engler, Rektor der Eberhard Karls Universität Tübingen
  • Professor Dr. Ulla Haselstein, Freie Universität Berlin
  • Dr. Wilhelm Krull, Generalsekretär der VolkswagenStiftung
  • Professor Dr. Sally Pratt, Slawistin an der University of Southern California und Mitglied im Board of Directors des Council of Graduate Schools
  • Moderation: Professor Dr. Russell Berman, Stanford University

Was kann verändert werden, um den Weg zur Professur persönlich weniger belastend und sozial sicherer zu machen und die Wege aus der Wissenschaft erfolgreich zu gestalten? Für Deutschland adressierte das Panel hier den größten Handlungsbedarf bei Postdoktorandinnen und -doktoranden, die nach einer langen Qualifizierungsphase ohne eine Professur vor dem Nichts stünden. Sibylle Baumbach stellte einen Vorschlag der Jungen Akademie in Deutschland vor, deren Vorsitzende sie 2013 bis 2014 war. Demnach solle die Zahl der Postdocs im Mittelbau reduziert und die Zahl der Professuren erhöht werden. Ein aktueller Vorschlag der Jungen Akademie sieht zudem die Einführung einer sogenannten Bundesprofessur mit langfristiger Perspektive und freier Ortswahl vor. Besser als in der Postdoc-Phase sieht es laut den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Promotionsphase in Deutschland aus; hier habe sich in den letzten Jahren vieles zum Besseren verändert. Da der Doktortitel nicht nur Renommee, sondern auch echte Jobchancen mit sich brächte, sahen viele auch die hohe Zahl an Promovierten nicht kritisch. Trotzdem mahnte Bernd Engler die Einhaltung kürzerer Promotionszeiten an, idealiter nicht länger als drei Jahre, und bezeichnet ein Abschluss jenseits eines Alters von 35 Jahren als schlichtweg zu spät.

Ähnlich wie eine späte Karriereentscheidung von Postdocs in Deutschland existiert in den USA die „Postdoc-Falle“, in der sich Hochqualifizierte über lange Zeit in prekären Verhältnissen befinden. Und anders als mehrheitlich in Deutschland wahrgenommen, berichteten die amerikanischen Vertreterinnen und Vertreter von Kürzungen der Tenure-Track-Stellen und stattdessen vermehrt vergebenen befristeten Stellen. Trotzdem sahen die amerikanischen Experten die Probleme eher in der Promotionsphase. Sally Pratt erinnerte an den ursprünglichen Zweck der Promotion: Sie solle ein origineller Beitrag zum Wissen sein. Dies gelte für beide Seiten des Atlantiks. James Grossman brachte es deutlich auf den Punkt: Für einen Job in einer Unternehmensberatung brauche man keinen Doktortitel. Allerdings sei eine Promotion eben keine Ausbildung, sondern schule kritisches Denken, und sei aus diesem Grund wertzuschätzen. Leider gebe es diese Wertschätzung außerhalb der Akademia nicht immer. Aus dieser grundsätzlichen Betrachtung der Promotion leitete Sally Pratt die Frage ab, ob es denn nicht unterschiedliche Promotionstypen und Abschlüsse geben solle, etwa ein Forschungsdoktorat und ein professionelles Doktorat.

„Wir brauchen eine Reform der Prestigeökonomie“, forderte Leonard Cassuto. Denn was bis heute in den Geistes- und Sozialwissenschaften unter den etablierten Kräften überwiegend zähle, seien vor allem ihre Publikationen und nicht zuletzt ihre Schülerinnen und Schüler, die wiederum Professorinnen und Professoren werden. Das Wertesystem müsse sich zum Wohle der „schwächsten“ Mitglieder der wissenschaftlichen Community, also der Promovierenden, verändern. Im Gegenzug hätten jüngere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Verantwortung, für sich zu klären, wie ihre Chancen auf eine Professur stehen und welche alternativen beruflichen Wege es gibt. James Grossman merkte an, dass es sich manche Wissenschaftlerin und mancher Wissenschaftler gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften im „Kokon“ der Wissenschaft zu sehr gemütlich mache und den Kontakt zur „Außenwelt“ scheue. Er kritisierte auch die intellektuelle Arroganz gegenüber anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Eine abschließende Lösung aller Probleme sei jedoch schwierig, solange man kein systematisches und belastbares Wissen über die Karriereverläufe in den Geistes- und Sozialwissenschaften habe. Mithilfe von Career Tracking müsse man entsprechende Daten sammeln und verfügbar machen, um wirklich zu wissen, was erfolgversprechend ist.

Impressionen des Symposiums
Der Saal

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Die Panellisten im Überblick

Alle Panellisten

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Sibylle Baumbach (University Innsbruck)
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Russell Berman (Stanford University)
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Leonard Cassuto (Fordham)
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Annika Eisenberg (Goethe Universität Frankfurt)
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Bernd Engler (Eberhard Karls Universität Tübingen)
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Marissa Gemma (Max Planck Institute for Empirical Aesthetics)
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Julika Griem (Goethe Universität Frankfurt)
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James Grossman (American Historical Association)
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Manuel Hartung (Die Zeit, Hamburg)
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Ulla Haselstein (Freie Universität Berlin)
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Marlis Hochbruck (KIT, DFG)
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Lars Koch (Technische Universität Dresden)
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Wilhelm Krull (VolkswagenStiftung, Hannover)
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Laurence McFalls (Université de Montréal)
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Sally Pratt (University of Southern California)
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Daniel Reid (Whiting Foundation, New York)
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Cornelia Schu (SVR, Berlin)
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Peter Strohschneider (DFG)
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Johannes Völz (Goethe Universität Frankfurt)
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