Weitere Informationen zur Preisverleihung
In der Rubrik Geförderte Projekte / Wissenschaftliche Preise finden Sie umfassende Informationen sowie Dokumente und weitere Bilder zum Ursula M. Händel-Tierschutzpreis 2011.
Mit der Verleihung des Ursula M. Händel-Tierschutzpreises durch die DFG und einer Podiumsdiskussion stand am 24. Januar 2011 das Thema tierexperimentelle Forschung im Mittelpunkt. Die rund 80 Gäste aus Politik und Wissenschaft erhielten im Berliner WissenschaftsForum einen Einblick in aktuelle DFG-geförderte Forschung und ihre ethischen Dimensionen.
Die Verleihung des Ursula M. Händel-Tierschutzpreises war für die DFG ein willkommener Anlass, die oft kontrovers diskutierten Fragen rund um den Tierschutz in der Forschung einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. „Die Forschungsarbeiten der Preisträger zeigen, dass Grundlagenforschung einen substanziellen Beitrag zum Tierschutz leisten kann“, sagte DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner in seiner Begrüßung. In diesem Zusammenhang nannte er die Reduktion der notwendigen Versuche und die Verbesserung der Bedingungen für die Versuchstiere. Aus Sicht der Forschung blieben jedoch Tierversuche unverzichtbar.
Professor Gerhard Heldmaier, Vorsitzender der Senatskommission für tierexperimentelle Forschung
© DFG / Fotograf David Ausserhofer
Der Vorsitzende der Senatskommission für tierexperimentelle Forschung Professor Gerhard Heldmaier erklärte in seiner Rede das Prinzip der 3R: Sie stehen für die englischen Begriffe replace, reduce und refine. Heldmaier führte aus, dass die Reduktion auf das notwendige Minimum in der Grundlagenforschung heutzutage gängige Praxis sei. Das größte Problemfeld sei der Ersatz von Tierversuchen durch alternative Methoden. Hier würde heute jedoch überall mit Nachdruck an Zellen und Zellsystemen geforscht, um einzelne Funktionen auf größere Zusammenhänge in Geweben oder Organsystemen vorhersagen zu können. Wie jedoch ein ganzes Lebewesen funktioniere oder wie sich beispielsweise bestimmte Substanzen auf einen Organismus auswirken, sei am Ende weiterhin nur am Gesamtsystem und damit oft im Tierversuch nachzuvollziehen.
Wie konkret Tierversuche vermieden werden können, zeigen die 2011 ausgezeichneten Preisträger des Ursula M. Händel-Tierschutzpreises. Professor Thomas Eschenhagen führte für sein Team am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf aus, wie die (Neben-)Wirkungen von Medikamenten an Herzmuskelzellen überprüft werden können. Am Beispiel eines Jungen, der nach der Einnahme eines Hustensaftes unter Herzrhythmusstörungen litt, machte er deutlich, wie wichtig es ist, Arzneimittel genau zu prüfen. Für solche Tests war bislang eine große Zahl an Tierversuchen nötig. Um die notwendigen Tierversuche für die pharmakologische Überprüfung in solchen Fällen deutlich zu reduzieren, setzt das Hamburger Team in seinem neu einwickelten System auf Automatisierung und damit höhere Effizienz und gleichzeitig auf humane embryonale Stammzellen, um die Verhältnisse im menschlichen Körper abzubilden und nicht mehr auf tierische Zellen zurückgreifen zu müssen.
Die zweite Preisträgerin, Dr. Maria Moreno-Villanueva, erklärte in ihrem Vortrag, wie sie gemeinsam mit Professor Alexander Bürkle und der Arbeitsgruppe an der Universität Konstanz eine Methode zur Messung von Genotoxizität entwickelt hat. Mit dieser kann automatisiert und damit schnell und effektiv eine große Zahl von Zellen auf aufgesprungene DNS-Stränge untersucht werden. Diese Veränderungen in der Struktur der DNS deuten auf Schädigungen des Erbgutes hin. Um den Grad der Schädigung ablesen und somit die genotoxische Wirkung von chemischen Substanzen auf menschliche Zellen testen zu können, nutzt das Team ein Fluoreszenz-Verfahren. Auch mit dieser Methode kann die Zahl der notwendigen Tierversuche erheblich reduziert werden.
Erstmals begleitet wurde die Verleihung des Tierschutzpreises von einer Podiumsdiskussion, die nicht zuletzt eine wissenschaftspolitische Perspektive hatte. Professor Axel Haverich (Medizinische Hochschule Hannover), Professor Stefan Treue (Deutsches Primatenzentrum Göttingen) und Professor Marcel Leist (Universität Konstanz) diskutierten, moderiert von Marco Finetti (DFG), über die Notwendigkeit und Verzichtbarkeit von Tierversuchen in der Grundlagenforschung sowie über die Chancen und Grenzen von Ersatzmethoden. Dabei machten sowohl der Herzchirurg und Transplantationsmediziner Haverich als auch der Biologe und Neurowissenschaftler Treue mit eindrücklichen Beispielen deutlich, dass – bei allen Bemühungen um die drei „R“ – Tierversuche in ihren Bereichen weiter absolut notwendig seien.
So berichtete Haverich von einer kürzlich durchgeführten Herzklappenoperation an einem nur wenige Monate alten Kind. Dieser Eingriff sei wissenschaftlich-technisch und auch ethisch nur möglich und vertretbar gewesen, nachdem er zuvor an einer Reihe von Schafen durchgeführt worden sei. Ähnliches gelte für Bypass-Operationen, im Grunde aber für sämtliche chirurgische Eingriffe. Haverich: „Wer lässt sich schon gerne operieren, wenn das Verfahren nicht durchgehend getestet ist?“ Der Primatenforscher Treue schilderte, dass tierexperimentelle Forschung in seinem Gebiet besonders hohen Ansprüchen genügen müsse. Das Leidenspotenzial bei Primaten sei besonders hoch und daher stehe die Arbeit unter besonderer Beobachtung von außen. Auch deshalb würden, wo immer möglich, Ersatzmethoden entwickelt und eingesetzt – von Computersimulationen über bildgebende bis hin zu minimalinvasiven Verfahren.
Aus Sicht von Marcel Leist, dem Direktor des bundesweit einmaligen Zentrums für Alternativmethoden zum Tierversuch, haben solche und andere Ersatzmethoden auch in der Grundlagenforschung jedoch nach wie vor einen deutlich zu geringen Stellenwert. Dies liege nicht zuletzt daran, dass ihre Entwicklung vor allem von privaten Institutionen vorangetrieben werde – weniger aber von Universitäten und Fördereinrichtungen. Auch Leist unterstrich, dass Tierversuche zur Klärung vieler wissenschaftlicher Fragestellungen notwendig seien – doch könne man die Ergebnisse nicht überall und vorschnell auf den Menschen übertragen. Leist: „Manche Medikamente wären nie zugelassen worden, wenn sie am Tier getestet worden wären, denn dort hätten sie verheerende Wirkung, während sie dem Menschen helfen.“ An anderer Stelle, etwa beim Schwangerschaftstest oder in der Toxikologie bei Hauttests, sind Alternativmethoden heute völlig selbstverständlich und der Tierversuch gehört der Vergangenheit an.
Ein zentrales Thema der Diskussion war die neue EU-Richtlinie zum Schutz von Versuchstieren in der Forschung, die bis Ende 2012 auch in deutsches Recht umgesetzt werden muss. Sie ist aus Sicht von Stefan Treue ein Beispiel dafür, wie Wissenschaft durch intensive fachliche Beratung positiven Einfluss im Sinne der Wissenschaft auf Politik nehmen kann. „Wir haben zwei Jahre anstrengende, aber auch ertragreiche Lobbyarbeit in Brüssel gemacht“, sagte Treue. „Im Ergebnis ist die Richtlinie deutlich ausgewogener, als es nach den ersten Entwürfen zu erwarten war.“ Dennoch gebe es weiter problematische Inhalte, so etwa die Unterscheidung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung. Dies gehe an der Realität und der wissenschaftlichen Praxis vorbei, monierte auch Haverich. Einig waren sich die Podiumsteilnehmer darin, dass die EU-Richtlinie die wissenschaftliche Arbeit in Deutschland nicht maßgeblich verändern werde, da sie zu größten Teilen bereits vom deutschen Tierschutzgesetz abgedeckt sei, das weltweit zu den strengsten und ausgefeiltesten Regelungen in diesem Bereich zähle.
DFG-Präsident Professor Matthias Kleiner
© DFG / Fotograf David Ausserhofer
Unterschiedliche Ansichten gab es abschließend zur „Basler Deklaration“, in der deutsche und schweizerische Lebenswissenschaftler – parallel zur EU-Tierschutzrichtlinie – Ende 2010 die Notwendigkeit von Tierversuchen, aber auch ihre Verantwortung für die Versuchstiere betont und sich zugleich zu einem offensiven Dialog mit Politik und Öffentlichkeit verpflichtet hatten. Für Marcel Leist bleiben alle diese Punkte, vor allem aber das Bekenntnis zur Verantwortung der Wissenschaft, „zu wenig und zu vage“. Für Stefan Treue, der die Deklaration mit formuliert hatte, ist sie dagegen der bisher am weitesten gehende Versuch, das Thema Tierversuche und Tierschutz in der Forschung offensiv und in allen Facetten aus Sicht der Wissenschaft gegenüber Politik und Gesellschaft zu vertreten.
Genau dazu, so konnten DFG-Präsident Matthias Kleiner und Gerhard Heldmaier als Vorsitzender der DFG-Senatskommission abschließend feststellen, diente auch die Kombination aus Preisverleihung und Podiumsdiskussion, die nach der Überreichung der Urkunden an die Preisträger mit einem Empfang und weiteren Gesprächen endete.