Die wahren Abenteuer liegen woanders

Prof. Dr. Julika Griem
Prof. Dr. Julika Griem

Wissenschaftskommunikation ist in aller Munde. Doch Storytelling und Eventisierung allein werden der Realität und Komplexität der Wissenschaften nicht gerecht. Gefragt ist eine Vermittlung, die aus Konflikten, Widersprüchen und Perspektivenvielfalt Funken schlagen lässt. Dazu braucht es Handwerk und Haltung zugleich.

Es reicht, den Fernseher einzuschalten, und schon sind wir mitten in der Wissenschaftsgesellschaft: Wo sich Zahnpastawerbung, der Wetterbericht oder auch Fußballtrainer als forschungsnah gerieren und immer neue Formate der Unterhaltung durch Wissenschaft kreiert werden, wird der Stellenwert massenmedialer Vermittlung von Wissenschaft augenfällig.

Das symbolische Kapital des Fernsehprofessors aus Bernhard Grzimeks Zeiten mag sich verkleinert haben, dafür setzen nun neue Inszenierungsstrategien auf größere Dramatisierbarkeit. Und so folgen mutigen Forscherinnen und Forschern auf ihren von raunendem Erzählduktus und schwellenden Orchesterklängen unterlegten Reisen an die „last frontiers“ der Biodiversität und ihre tragischen Konfliktlagen. Oder erleben die burlesken Varianten massenmedialer Wissenschaftsvermittlung, in der gerne auf komische Brot-und-Spiele-Formen zurückgegriffen wird, oder die gerade in Deutschland erfolgreichen Dauerbrenner der Landarzt- und Krankenhausserien. Gerade erst ist der Serie „In aller Freundschaft“ bescheinigt worden, dass sie medizinisches Fachwissen unterhaltsam vermittelt.

Auch jenseits von Fernsehformaten haben sich Formen der Wissenschaftsvermittlung etabliert, die zunehmend die Wissenschaftskommunikation prägen. Allseits gefragt erscheinen die Narrativisierung und die Eventisierung von Forschung. Zwar grassiert der Imparativ der Erzählbarkeit nicht nur hier –die Wirtschaft schickt ganze Abteilungen zum „Corporate Storytelling“ – doch ist er gerade im Kontext von Wissenschaft fraglich.

Ist ein Modus, mit dem Ereignisse nicht nur chronologisch, sondern auch kausal so angeordnet werden, dass eine Ordnung aus Anfang, Mitte und Ende und ein Fluchtpunkt der Auflösbarkeit und Schließung entsteht, wirklich der einzig geeignete zur Vermittlung wissenschaftlicher Komplexität? Braucht es immer Protagonisten, mit denen sich das Publikum identifiziert, mit denen gefiebert und gelitten werden kann, um etwas über Wissenschaft zu sagen? Sollte man nicht eher auf Formen des Beschreibens, Erklärens und Argumentierens setzen?

Ebenso einseitig ist der Trend der Eventisierung. Natürlich hat Wissenschaft immer auch eine performative Seite, und die gilt es unbedingt besser zu verstehen und zu nutzen. Das muss aber nicht zu einer Kultur des Spektakels führen, die vor allem auf Kinderunis, Chemieolympiaden und Mathewettkämpfe setzt. Hier werden häufig Ereignisse produziert, die kurzweilig und unmittelbar bannend, viele Sinne direkt ansprechend, emotionalisierend und auf keinen Fall argumentativ sperrig oder gar überfordernd sein sollen. Das Publikum soll „abgeholt werden“ –als ginge es vor allem darum, den Flixbus zum nächsten Science Slam zu besteigen.

Nicht eben anders ist es mit der Formel „Wissenschaft als Abenteuer“, die eine lange Geschichte in der Vermittlung von Wissenschaft hat. Diese setzt spätestens mit der Renaissance, Francis Bacon und Metaphern wie "die große Fahrt“ ein und reicht bis zu Max Weber, der von der Wissenschaft als „wildem Hazard“ und sogar von Rausch redet, von einer Mischung aus glücklichem Zufall und gefährlichem Risiko: Wer nichts wagt, gewinnt auch nicht.

Resonanzen dieser Abenteuersemantik sind auch in aktuellen wissenschaftspolitischen Programmtexten zu finden. Hier wird mehr Risikofreude in Form von Gründergeist gefordert, und aus der durch amerikanische Managementhandbücher popularisierten Disruption wird in Deutschland die sozialverträglichere „Sprunginnovation“, die weniger nach Störung als nach wissenschaftlichem Betriebssport klingt.

Und rund um das 100-jährige Jubiläum von Webers Rede von der „Wissenschaft als Beruf“ gibt es ein starkes Bedürfnis nach der Wiederherstellung wissenschaftlichen Charismas durch jene „Heroisierung“, die schon Weber umgetrieben hatte. Dieses Phänomen steht möglicherweise im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Verachtung und Anfeindung von Wissenschaft: Wo deren Prinzipien intrinsischer Motivation und meritokratischer Legitimation einerseits heftig kritisiert werden (nicht immer grundlos), steigt andererseits die Bereitschaft, von Abenteuern zu erzählen und dabei als Held aufzutreten.

Doch der Topos von Wissenschaft als Abenteuer blendet zentrale Aspekte aus: Helden können nur wenige sein, als Abenteuer ist Wissenschaft – obwohl dies in der gegenwärtigen  Wissenschaftskommunikation gern anders dargestellt wird – ein Privileg einiger weniger und damit schwer demokratisierbar. Verdrängt wird häufig auch die alltägliche Dimension des Forschens, ihre schwer inszenierbare Wirklichkeit als Normalwissenschaft und der Zusammenhang unverzichtbarer Routinen. Im Abenteuer singularisiert sich das herausragende Individuum oder seine Gruppe und definiert sich über Ereignisse, die vom Alltäglichen und Gewohnten abweichen. Forschung funktioniert aber oft gerade nicht als individuell zuschreibbare und die Mühen des alltäglichen Weitermachens überstrahlende Einzelleistung. Sie ist vielmehr in sehr komplizierte Prozesse der Planung, Vorbereitung und Koordinierung eingebunden, und in diesen spielen nicht nur Menschen und ihre minutiöse Abstimmung, sondern auch administrative Prozesse und technische Infrastrukturen ihre Rolle. Akten, Daten und Apparate sind aber deutlich schwerer zu heroisieren als Individuen.

Es geht also auch um logistische und operative Finesse und um die Berücksichtigung von Details in immer kleinteiligeren und arbeitsteiligeren organisatorischen Komplexen. Und es geht um die Sorgfalt, die gerade auch fur unspektakuläre Phänomene aufgebracht werden muss.

Ausgeblendet wird im Abenteuermodus auch oft die spielentscheidende Mikrodimension von Wissenschaft – ihre eigene Zeit. Fur die Helden auf Jagd scheint hier einfach zu wenig zu geschehen. Dabei geht es tatsächlich darum, warten zu können und die Wartezeit ökonomisch zu nutzen. Beschreibt man aber Wissenschaft als unspektakuläre Suche, geht es um Beharrungskraft, Geduld und die Fähigkeit, Langeweile produktiv machen zu konnen. Und während die Suche ergebnisoffen und auf Scheitern vorbereitet ist, treibt die Jagd blinder Eifer und starre Fixierung auf ein Ziel, das als Erfolg gilt. Zu guter Letzt: Das Abenteuer und die Jagd sind bis heute männlich codiert. Die Suche und die Sorgfalt haben dagegen auch eine weibliche Aura.

Was lasst sich aus diesen Beobachtungen schließen? Zuallererst sollte versucht werden, das Publikum nicht einfach irgendwo „abzuholen“, sondern sorgfältig, umsichtig, furchtlos und man könnte auch sagen zärtlich zu überfordern.

Als Oberbegriff umfasst Wissenschaftskommunikation auch Marketing. Aber es kann nicht nur darum gehen, Personen, Drittmittelrekorde oder ganze Hochschulen zu verkaufen wie Schokoriegel oder Kleinwagen. Da Wissenschaft immer wettbewerbsförmiger wird, zieht sie sich professionalisierende Expertinnen und Experten fur akademischen Kapitalismus heran –und diese sehen ihre Aufgabe häufig in der Produktion von Alleinstellungsmerkmalen, Standortwerbung und Hochglanzbroschüren. Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler –und auch der Wissenschaftsjournalismus –sollten uns gut berlegen, wo wir uns verbessern müssen, um diesem Trend kompetent gegenübertreten zu können.

Dabei kommt es zum einen an auf Differenzierungs und Reflexionsarbeit. Sie ist besonders wichtig, wenn die Wissenschaftskommunikation auf Fachkulturen und ihre Traditionen, Gegenstände, Habitus und Praxen abgestimmt werden soll. Die Medizin oder die Ingenieurwissenschaften haben andere Erkenntnisformen, Publikationsweisen und auch Innovationsbegriffe entwickelt als Geistes- und Sozialwissenschaften – und deren Aufgabe besteht eben nicht darin, unmittelbar das Leben zu erleichtern. Es geht nicht immer um den Abbau von Komplexität, sondern auch um den Aufbau alternativer Möglichkeiten.

Weit stärker zur Geltung kommen müsste auch der ganz spezielle Ort der Wissenschaftskommunikation in Gefügen, in denen es nicht nur um idealistische Werte und intrinsische Motivation geht. Wissenschaft wird nicht auf Inseln nobler Gesinnung betrieben, sondern sie ist auch insofern Teil der Gesellschaft, als dass ihre Ausübung von sozialen Hierarchien und Asymmetrien betroffen ist. Abenteuererzählungen ignorieren oder glorifizieren Machtkämpfe, aber sie helfen uns nicht dabei, Wissenschaft in hochdifferenzierten Gesellschaften auch als organisatorisches und institutionelles Geschehen zu verstehen. Klassische Helden bringen sich gern gegen diese Dimension des Sozialen und Gesellschaftlichen in Stellung. Dieser Mythos lebt fort in Selbstbeschreibungen von Wissenschaftlern, die – interessanterweise genau wie ihre wissenschaftsfeindlichen Kritiker – anti-institutionelle Affekte mobilisieren. In diesem Narrativ sind es häufig die Technokraten und Bürokraten in der Hochschulleitung, in Bonn oder in Berlin, die das intrinsisch motivierte Individuum abhalten, Bahnbrechendes zu leisten.

Diese gerade auch in den Geisteswissenschaften populäre Form der Selbsterzählung blendet aus, dass öffentlich finanzierte Wissenschaft notwendigerweise organisiert und institutionalisiert ist. Wissenschaftskommunikation sollte auch diese Dimension sichtbarer machen: So wie es nicht nur um Durchbruche, sondern auch um Durchhalten geht, geht es eben nicht nur um das Recht, in Ruhe zu forschen, sondern auch um die Pflicht, dies mit anderen Anforderungen etwa der Lehre abzustimmen. Entscheidend ist es, ähnlich wie in der Hochschul-Governance, keine Ideallandschaften zu malen, die nur Wahrheit und Wertfreiheit akzentuieren. Diese Normen müssen vielmehr verteidigt und gegen konkurrierende Normen abgewogen werden; und dazu braucht es Wissen nicht allein über die unspektakulären Sozialformen, über die guten und schlechten Routinen der Wissenschaft, sondern auch darüber, wie Regelverstöse, Machtkonflikte und Verteilungskämpfe gerade nicht zum Verschwinden gebracht, sondern überzeugend bearbeitet werden können. Auch davon konnte Wissenschaftskommunikation doch handeln.

Wenn dies nicht nur als Beschwörung von Abenteuern geschehen soll, braucht es dazu auch einen Stil, eine Haltung. Diese muss auf ihren Gegenstand abgestimmt sein und einen schwierigen Balanceakt meistern: Natürlich kann es nicht darum gehen, den normativen Glutkern wissenschaftlichen Arbeitens zu zertrümmern; natürlich braucht unsere Sache Leidenschaft und ihre Verkörperung. Diese lässt sich aber durchaus mit Nüchternheit, Realismus und Bedachtsamkeit – und vielleicht sogar mit Humor kombinieren. Was wir brauchen, ist kein barrierefreier Abenteuerspielplatz. Sondern ein bisschen mehr hartnackiger und frustrationstoleranter Ernst fur die Sache. Und das Vertrauen, dass sich gerade aus Konflikten, Spannungen, Widersprüchen und Perspektivenvielfalt kommunikative Funken schlagen lassen.

Prof. Dr. Julika Griem
ist Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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