Zum Schutze aller – im Interesse aller!

DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek
DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek
© DFG / David Ausserhofer

Gute wissenschaftliche Praxis: Nicht erst die Ereignisse dieses Jahres lassen über die grundlegenden Empfehlungen der DFG neu nachdenken. Wie können von Vorwürfen betroffene Wissenschaftler besser geschützt werden? Und wie ist ihr Schutz in Einklang zu bringen mit dem von Hinweisgebern und dem Interesse der Wissenschaft an Aufklärung? Erste Überlegungen

Es war einer der Momente in dem nun zu Ende gehenden Jahr, die uns in der Deutschen Forschungsgemeinschaft besonders nachdrücklich in Erinnerung bleiben werden, und ein überaus schwieriger: Mitte März verlieh die DFG ihre diesjährigen Gottfried Wilhelm Leibniz-Preise. Unmittelbar davor wurden uns Hinweise im Zusammenhang mit den Forschungsarbeiten einer der Preisträgerinnen, der Karlsruher Ingenieurwissenschaftlerin Britta Nestler, bekannt gemacht. Diese Hinweise waren anonym und doch so konkret, dass sie der Prüfung bedurften. In dieser Situation blieb nichts anderes übrig, als die Verleihung des Preises an Frau Nestler zunächst auszusetzen.

Zwar erwiesen sich die anonymen Hinweise später als haltlos, sodass wir Britta Nestler ihren Leibniz-Preis Anfang Juli auf der DFG-Jahresversammlung nachträglich überreichen konnten, in besonders festlichem Rahmen und unter großer Aufmerksamkeit in Wissenschaft, Politik, Öffentlichkeit und Medien. Und doch blieb die Frage, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besser vor Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens geschützt werden können, erst recht vor solchen, die vorsätzlich falsch und bewusst schädigend erhoben werden. Dies fragten wir uns selbst und wurden wir auch von anderen gefragt.

Es war freilich nicht erst der „Fall Nestler“, der diese Frage aufwarf. Und nicht erst er zeigte, dass diese Frage in einem schwierigen Spannungsverhältnis steht. Denn so, wie es einerseits um den Schutz der Betroffenen gehen muss, geht es andererseits auch um den Schutz von Hinweisgebern und um das berechtigte Interesse von Einrichtungen und Institutionen an der Aufklärung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens.

Wie all dies in Einklang gebracht werden kann, wurde auch bereits gefragt, nachdem die DFG vor gut vier Jahren ihre „Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ überarbeitet hatte. Diese waren bereits 1997 formuliert worden und hatten einem problembewussten Umgang mit Fragen guter wissenschaftlicher Praxis und wissenschaftlichem Fehlverhalten in Deutschland maßgeblich den Boden bereitet; nun wurden sie um eine Empfehlung zum Schutze von – auch anonymen – Hinweisgebern ergänzt. Diese „Empfehlung Nr. 17“ sorgte seitdem außerhalb und auch in der DFG für Diskussionen, die dann in diesem Jahr erheblichen Auftrieb erhielten.

Vor diesem Hintergrund hat sich in den vergangenen Wochen und Monaten eine Arbeitsgruppe in der DFG-Geschäftsstelle unter meiner Leitung intensiv mit unseren Regeln zum Umgang mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens und mit der Frage einer möglichen Weiterentwicklung und Schärfung der entsprechenden Empfehlung sowie ihrer Kommentierung befasst. Die Überlegungen dazu sind noch nicht abgeschlossen, doch konnten wir sie Mitte Dezember, wenige Tage vor Erscheinen dieser Ausgabe der „forschung“, im Senat der DFG erstmals mit den Repräsentanten aller Wissenschaftsgebiete diskutieren. Und diese Diskussion hat uns darin bestärkt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Der Ausgangspunkt ist dabei zunächst unverändert: Wer als Hinweisgeber auf mögliches Fehlverhalten in der Wissenschaft aufmerksam macht, erfüllt eine unverzichtbare Funktion für die Selbstkontrolle dieser Wissenschaft. Dafür aber riskieren Whistleblower häufig berufliche Nachteile, Beeinträchtigungen in ihrer Karriere und gerichtliche Auseinandersetzungen. Daher ist es grundsätzlich wichtig, den Hinweisgeber zu schützen und auch künftig anonyme Anzeigen zu akzeptieren. Eine Namensnennung kann für die Prüfung einer Anzeige unter Umständen hilfreich sein, sie ist jedoch nicht zwingend.

Denn das entscheidende Kriterium ist ohnehin ein anderes – nämlich die Schlüssigkeit der Hinweise. Wenn eine Anzeige substanziiert erfolgt und hinreichend konkrete und belastbare Tatsachen vorträgt, die eine Überprüfung ermöglichen, dann sollte sie in jedem Fall geprüft werden. Einer Differenzierung zwischen anonymen und nicht anonymen Anzeigen bedarf es unserer Überzeugung nach hier und grundsätzlich nicht mehr. Sie entspricht weder dem Vorgehen staatlicher und strafrechtlicher Ermittlungsstellen noch der Praxis in der Wirtschaft oder in den Wissenschaftssystemen anderer Länder wie der Schweiz und den USA – und auch unserer gelebten Praxis nicht. Denn auch die DFG geht schlüssigen anonymen Hinweisen grundsätzlich nach und möchte Gleiches nun allen anderen wissenschaftlichen Einrichtungen empfehlen.

Was aber macht eine Anzeige schlüssig? Hierzu wollen wir in unsere Empfehlungen ganz konkrete Kriterien aufnehmen. Diese sollen Hinweisgebern zeigen, was sie in ihren Anzeigen beachten sollten – angefangen von den an ihren Einrichtungen geltenden Regelungen zur guten wissenschaftlichen Praxis und der „richtigen Stelle“ zur Meldung der Vorwürfe über möglichst konkrete Angaben zu denen, gegen die die Vorwürfe erhoben werden, bis zum eigentlichen potenziellen Fehlverhalten und seiner Dokumentation. Solche Kriterien können möglichen Whistleblowern ebenso helfen wie den ermittelnden Einrichtungen und die Transparenz der Ermittlungen erhöhen.

Die eigentliche Ausgangsfrage ist damit aber noch nicht beantwortet – die nämlich, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, welche mit Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens konfrontiert werden, noch besser geschützt werden können. Dass sie eines besonderen Schutzes bedürfen, steht außer Frage, da ihre wissenschaftliche Karriere und Reputation durch die Vorwürfe bedroht werden.

Die DFG möchte in ihren Empfehlungen – und auch in ihrer eigenen Verfahrensordnung – daher künftig noch deutlicher betonen, dass für alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis zum Nachweis eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens die Unschuldsvermutung gilt. Dem Schutz der Betroffenen muss sowohl in den Empfehlungen als auch in den jeweiligen Verfahrensordnungen zur Untersuchung von Vorwürfen ausdrücklich Rechnung getragen werden. Dies gilt für den Grundsatz der Vertraulichkeit des Verfahrens ebenso wie für die Beachtung der schutzwürdigen Interessen und betroffenen Rechtsgüter der Beteiligten. Insbesondere muss sorgsam abgewogen werden zwischen dem möglichen Reputationsverlust des Betroffenen bei einem nicht bestätigten Verdacht und dem möglichen Schaden für die jeweilige Einrichtung oder schutzwürdige Dritte bei einem erwiesenen Fehlverhalten. Auch die rechtsstaatlichen Verfahrensgrundsätze und die Rechte der Betroffenen sollten in den Verfahrensordnungen noch klarer verankert werden, als sie es bislang sind.

Besser geschützt werden können von Vorwürfen Betroffene schließlich auch dadurch, dass missbräuchliche oder bewusst schädigende Anzeigen möglichst verhindert werden. Hierfür wollen wir künftig die in „gutem Glauben“ erfolgende Anzeige klar von der „missbräuchlichen Anzeige“ abgrenzen. Doch nicht nur das: Für den Fall, dass Vorwürfe wissenschaftlichen Fehlverhaltens bewusst unwahr erhoben werden, wollen wir dem Hinweisgeber die möglichen Folgen für ihn selbst unmissverständlich vor Augen führen. Wer solche Vorwürfe erhebt, muss gegebenenfalls auch mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen – so wie ja auch wissenschaftliches Fehlverhalten unter Umständen Straftatbestände erfüllen kann.

Nicht zuletzt bestehen auch seitens der ermittelnden Einrichtungen schützenswerte Interessen, die wir künftig noch stärker betonen wollen. Jede Einrichtung, der ein schlüssiger Vorwurf in Bezug auf ein Mitglied gemeldet wurde, ist grundsätzlich an der Aufklärung des Sachverhalts interessiert. Ein besonderes Interesse an einem ordnungsgemäßen und vertraulichen Untersuchungsverfahren, welches eine Vorverurteilung möglichst vermeidet, besteht sodann in dem oftmaligen Fall, dass die ermittelnde Einrichtung zugleich Arbeitgeber der betroffenen Wissenschaftler ist, womit ihr auch Fürsorgepflichten obliegen. Andererseits wirft natürlich jeder bekannt werdende Fall eines wissenschaftlichen Fehlverhaltens an einer Einrichtung auch einen gewissen Schatten auf die Einrichtung selbst, an der das Fehlverhalten möglich war und eventuell sogar längere Zeit nicht entdeckt wurde. Auch die Einrichtungen haben deshalb ein eigenes Interesse an der Vertraulichkeit des Verfahrens – und müssen doch mitunter eine Abwägungsentscheidung treffen, um zum einen die Betroffenen und zum anderen ihr eigenes Ansehen oder das eines Preises oder Gremiums zu schützen.

Hier wie insgesamt müssen Einrichtungen die Prinzipien und die Verfahren guter wissenschaftlicher Praxis auch selbst „richtig leben“, um das Vertrauen in die Untersuchungsverfahren zum Schutz der Whistleblower, der Betroffenen und aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weiterhin zu bestärken. Denn nur bei Vertrauen in die Untersuchungsverfahren der ermittelnden Einrichtungen wird es zur Meldung und damit zu einer möglichen Aufklärung von Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens kommen. In diesem Sinne wollen wir auch den ermittelnden Einrichtungen künftig noch bessere Hilfestellung geben.

Wie sich diese Überlegungen in konkreten Formulierungen zur Weiterentwicklung unserer Empfehlungen niederschlagen, das werden die kommenden Diskussionen in der Arbeitsgruppe und unseren Gremien zeigen. Wir sind jedenfalls zuversichtlich, dass wir auf dieser Grundlage die diversen und mitunter divergierenden Schutzinteressen aller Beteiligten an der Aufklärung von Vorwürfen wissenschaftlichen Fehlverhaltens besser in Einklang bringen können.

Dies zu tun, ist im Sinne aller dieser Beteiligten, aber nicht weniger auch der Wissenschaft insgesamt. Denn sie, ihre Arbeit und ihr Zusammenhalt, aber auch ihr öffentliches Ansehen und ihre Förderung, basiert nicht zuletzt auf einem Fundament – auf Vertrauen. Und dieses Vertrauen ist ein doppeltes: auf gute wissenschaftliche Praxis im Alltag – und auf verantwortungsvolle Selbstkontrolle bei Verstößen gegen diese Praxis.


Professorin Dorothee Dzwonnek
ist Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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