Europa? Europa!

Professor Dr. Peter Strohschneider
Professor Dr. Peter Strohschneider

Worauf gründet die europäische Forschungsförderung der Zukunft? Die EU-Kommission setzt für ihr nächstes Rahmenprogramm auf Open Science, Bürgerorientierung und Missionen. Das sollte für die Forschung selbst Grund zu kritischer Begleitung der Pläne sein.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Anfang Juni hat die EU-Kommission ihren Vorschlag für ein 9. Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe präsentiert, das ab 2021 umgesetzt werden soll. Ein solcher Vorschlag ist Ergebnis eines langen Prozesses, der bereits während der Laufzeit des Vorgängerprogramms beginnt. Bis das neue Programm tatsächlich als EU-Verordnung beschlossen ist, werden unter wechselnden Ratspräsidentschaften die Mitgliedsstaaten, das EU-Parlament und unterschiedliche Interessenvertretungen Einfluss nehmen. Einfluss nicht zuletzt auf Programmeinzelheiten, auf Beteiligungsrichtlinien und bereits mit Blick auf die späteren Arbeitsprogramme und auch auf das Gesamtvolumen: Seit dem ersten Forschungsrahmenprogramm sind nicht nur die Laufzeiten von drei auf sieben Jahre verlängert worden, auch der Finanzrahmen von Horizon Europe soll nach dem Vorschlag der Kommission auf 94 Milliarden Euro anwachsen.

Es sind vor allem zwei Gründe, aus denen diesem 9. Forschungsrahmenprogramm besondere Aufmerksamkeit zukommt: Der eine hat mit der krisenhaften Gesamtlage der Europäischen Union zu tun. Seit 1984 fördern die EU-Forschungsrahmenprogramme grenzüberschreitende Forschungskooperationen innerhalb eines gemeinsamen Rechtsrahmens. Dessen Verlässlichkeit ist indes nicht mehr selbstverständlich. Noch als das derzeit laufende Programm Horizon 2020 im Jahr 2016 einer Zwischenbewertung unterzogen wurde, hätte man sich schwerlich vorstellen können, in welcher Weise und wie rasant die Idee eines stetig wachsenden und finanziell gesicherten europäischen Förderprogramms unter Druck geraten würde.

Ein zweiter Zusammenhang hat mit dem europäischen Funktionsgefüge der Forschungsförderung selbst zu tun. Es beruht auf der Idee eines gemeinsamen europäischen Forschungsraums und setzt auf das wissenschaftliche Gewicht und die Vielfalt einer dichten, dynamischen und international verflochtenen Forschung in einer Vielzahl entsprechender Einrichtungen in Europa. Die integrierten Forschungsprogramme der EU sind lediglich ein Baustein der gesamten öffentlichen europäischen Forschungsfinanzierung und sie müssen gegenüber den nationalen Wissenschaftssystemen subsidiär bleiben.

Zugleich haben sie dazu geführt, dass sich unter dem Stichwort „Alignment“ nicht wenige nationale Forschungsagenden an die Vorgaben der Rahmenprogramme angepasst haben. Im Gefolge dessen, zugleich indes mitverursacht durch eine zum Teil rigide Sparpolitik nicht nur finanzschwacher Mitgliedsstaaten, ist eine Schwächung der eigenständigen Funktion nationaler Forschungsförderorganisationen zu beobachten. Entsprechend geraten europäische Forschungseinrichtungen und Förderorganisationen in wachsende Abhängigkeit von einem relativ kleinen EU-Förderbudget.

Umso dringlicher wird die Frage nach der Höhe des Budgets von Horizon Europe – zumal angesichts der innereuropäischen Spannungen der nächste EU-Haushalt gewiss Gegenstand enorm schwieriger Verhandlungen werden dürfte. Und hierbei spielt die finanzielle Ausstattung der Forschung im Vergleich zu der anderer Politikfelder vermutlich kaum die Hauptrolle.

Im Spannungsfeld von europäischer Legitimitätskrise und schrumpfender Wettbewerbsfähigkeit einer ganzen Reihe von mitgliedsstaatlichen Forschungssystemen – bei gleichzeitig wachsendem Konkurrenzdruck aus den USA und Asien – wird das neue Rahmenprogramm seine Leistungsfähigkeit erweisen müssen. Die EU-Kommission fordert dabei eine direkte gesellschaftliche Legitimation von Forschung ein. „Bürgerorientierung“ ist daher eines der Schlüsselwörter für eine wichtige Änderung im neuen Rahmenprogramm: Die Einführung von sogenannten „Missionen“.

Missionen sollen bei der Forschungsförderung prioritäre Problemstellungen in risikoreicher Weise aufgreifen und für sie zeitlich strikt befristet fokussierte und messbare Lösungen bieten. Für die Politik mögen Missionen als „show cases“ von Forschung durchaus attraktiv sein. Während aber die Funktion von Missionen in dieser Hinsicht klar beschrieben scheint, fehlt es bislang an einer Definition ihrer Form wie ihrer wesentlichen Strukturelemente. Missionen unterscheiden sich nämlich von den diskursiv gut etablierten sogenannten „Globalen Herausforderungen“ in Bereichen wie Umwelt, Gesundheit und Energie. Doch wie sie dies tun, das wird an einzelnen, oft genannten Beispielen – plastikfreie Meere, Reduktion der gesellschaftlichen Belastung durch Demenz – keineswegs schon systematisch hinreichend deutlich. Erst recht unklar ist einstweilen, wie Forschungsförderung hier mit der Verantwortung anderer Politikbereiche koordiniert werden könnte.

Missionen versprechen im Übrigen eine Planbarkeit der Wissensproduktion, die allenfalls in Ausnahmefällen tatsächlich gegeben ist. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind selten völlig eindeutig oder in vorab definierten Zeiträumen erreichbar. Sie sind Gegenstand des intellektuellen Streits, sie stehen unter dem prinzipiellen Vorbehalt methodischer Skepsis, und praktisch anwendbare Ergebnisse der erkenntnisgeleiteten Forschung sind oft Resultat langfristiger oder zeitlich zurückliegender Entdeckungen des Unvorhergesehenen. Sollte allein die Wissenschaft für die Erreichung von Missionszielen verantwortlich gemacht werden und sollten die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kurzfristige Erfolgsverheißungen nicht einlösen können, dann würden Missionen gesellschaftlichen Vertrauensverlust in die Wissenschaft eher befördern als verringern.

Politische Steuerung von Missionen wird den vermeintlichen Verlust solchen Vertrauens allein durch gesteigerte Erwartungen an direkten ökonomischen Impact und die unmittelbare gesellschaftliche Relevanz noch gar nicht begonnener Projekte schwerlich beheben können. Und ebensowenig dürfte sich so deren Innovationskraft steigern lassen.

Responsible research“ ist ein weiterer Grundsatz in Horizon Europe, der auf das öffentliche Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft abzielt. Dabei ist Bürgerbeteiligung in den traditionsreichen Formen der Laienforschung – zum Beispiel in der Lokalhistorie oder beim Sammeln von Umweltdaten – ebenso selbstverständlich und wichtig, wie es nun die kritische Diskussion der unter dem ideologischen Label „Open Science“ vorgetragenen Forderungen nach gesellschaftlichem „Co-Design“ von Forschung ist. Denn: Wer genau ist hier die Gesellschaft und wie verhalten sich seine Interessen zur qua Wissenschaftsfreiheit garantierten produktiven Offenheit der Erkenntnissuche?

Die Behauptung, „Open Science“ sei schon als solche „Excellent Science“, stellt einen schlichten Kategorienfehler dar. Von freier Erkenntnissuche geleitete Forschung muss – und sie kann! – gesellschaftlich gerechtfertigt werden. Und ihre Verfahren, Erkenntnisse und Grenzen müssen öffentlich intensiv kommuniziert werden. Dass man Wissenschaftskommunikation und Legitimität öffentlich getragener Forschung verwechseln dürfe, heißt das indes keineswegs.

Die DFG ist eine der wichtigsten Forschungsförderorganisationen in unserem differenziert ausbalancierten Wissenschaftssystem. Und in Europa. Nicht zuletzt in der Allianz der deutschen Wissenschaftseinrichtungen und im Verbund mit ihren europäischen Partnerorganisationen in Science Europe engagiert sie sich für eine Förderung, die die Wirkungskraft erkenntnisgeleiteter Forschung und deren produktiven Eigensinn gerade nicht verkennt.

Prof. Dr. Peter Strohschneider
ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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