Den Weltenwandel gestalten

DFG-Präsident Prof. Peter Strohschneider
DFG-Präsident Prof. Peter Strohschneider
© DFG / Bildschön

Digitalisierung und Digitalität verändern die Welt und verändern die Wissenschaften – mit unabsehbaren Erkenntnischancen, aber auch enormen Herausforderungen. Ihnen muss sich nicht zuletzt die wissenschaftsgeleitete Forschungsförderung stellen.

Dass die Welt sich wandelt, ist ihr Prinzip. Dass die Wissenschaften die Welt wandeln, ist in gleicher Weise ihre Selbstbestimmung und ihr Versprechen. Sie selbst wandeln sich freilich ebenfalls und sind ihrerseits ständigem Wandel ausgesetzt.

Einen solchen mehrfachen und mehrfach verschränkten Weltenwandel erleben wir derzeit mit der Digitalisierung und Digitalität. Er meint und umfasst viel mehr als das, womit man in der Wissenschaft, aber auch in der Politik die Digitalität zuweilen durchaus behandelt, indem man sie nämlich umständehalber verkürzt auf technische Schlagworte oder auf Fragen der Innovations-, Bildungs-, Rechts- oder Demokratiepolitik, hießen sie nun Industrie 4.0 oder Breitbandausbau, Tablets in die Grundschule oder Artificial Intelligence, Netzwerkdurchsuchungsgesetz oder e-democracy. Die Möglichkeiten und Aufgaben, die sich mit der Computerisierung und mit dem Digital-Werden von Texten, Bildern, Tönen und Dingen sowie mit der ubiquitären Vernetzung all dessen im Internet verbinden, sind viel komplexer und greifen sehr viel tiefer und weiter. Es geht in aller Ernsthaftigkeit um die Fragen von Individualität und Kollektivität, von Wirtschaft und Gesellschaft, von Staat und Recht, von Wissen und Macht. Und selbstverständlich auch um die Fragen der Wissenschaften.

Dieser ebenso rasante wie umfassende Wandel der Welt konfrontiert uns mit jener Erfahrung, die Søren Kirkegaard am Beginn der Hochmoderne in die Formel brachte, dass das Leben zwar allein nach rückwärts verstanden werden könne, aber nach vorne gelebt werden müsse. Wir leben in diesem epochalen Wandel und gestalten ihn wissendunwissend mit, doch bleibt er uns zugleich undurchschaut und vielfach unverständlich. Dabei handeln wir – mitten im Überfluss der Informationen – unter Bedingungen gravierender Informationsmängel und dramatischer Unsicherheit. Verlässlich scheint allenfalls die Aussicht, dass lineare Extrapolationen dessen, was wir schon kennen, die Zukunft verfehlen. Sie wird jedenfalls anders sein, als es die Utopien versprechen und die Dystopien androhen. Dies ist schon deswegen so, weil der Weltenwandel der Digitalität weder zeitlich absehbar an ein Ende kommen wird noch sachlich sich eingrenzen lässt. Er hat nicht den Zuschnitt eines „Problems“, für das sich abschließende „Lösungen“ oder gar die eine und einzige Lösung finden ließen.

Solche Konstellationen von Digitalität und Sozialität, von Handeln-Müssen, Zieloffenheit und Unsicherheit bestimmen auch die Wissenschaften, und nicht weniger sind Wissenschaftsverwaltung, Forschungsförderung und Wissenschaftspolitik mit ihnen befasst.

Forschung treibt diesen Weltenwandel entschieden mit voran: unter anderem in der Mathematik oder Informatik, in den Materialwissenschaften oder jenen neuen Feldern, für die wir einstweilen den unscharfen Ausdruck Data Sciences haben. Dabei sind die Wissenschaften, gleich allen anderen Teilen der Gesellschaft, dem Weltenwandel aber auch unterworfen – mit all den unabsehbaren Erkenntnischancen und Gestaltungsaufgaben, die sich daraus ergeben.

„Forschung“ als ein historisch entstandenes und also wandelbares Konzept wird durch Digitalität schon insofern transformiert, als bisher analoge Daten digital verfügbar und dadurch mit neuen Verfahren und Fragestellungen bearbeitbar werden. In den Lebenswissenschaften oder der Physik machen datenintensive Technologien völlig neue Formen von Forschung überhaupt erst möglich. Zugleich werden etablierte Forschungsformen substituiert; über ganze Wissenschaftsbereiche hinweg lässt sich beobachten, wie statt ihrer neue mathematische Verfahren an Gewicht gewinnen.

Von diesen Fragestellungen, Methoden und Forschungspraktiken kommt man schnell zum Wandel dessen, was in epistemologischer Hinsicht unter Forschung und Wissenschaft verstanden werden kann und was in soziologischer Hinsicht zu den Voraussetzungen und Gegebenheiten ihrer Praxis zählt. Was ist eigentlich „Forschung“, „Erkenntnis“, ein wissenschaftliches „Argument“, ein „Beweis“ oder „Evidenz“, wenn die Abgrenzung von Korrelation und Kausalität unscharf wird oder „Algorithmen“ an die Stelle von „Theorien“ treten? Wenn zum Beispiel ein Experiment durch digitale Simulation ersetzt wird; wenn eine neo-positivistische Zahlengläubigkeit dominiert, die nicht mehr zu unterscheiden weiß zwischen der eventuellen Eindeutigkeit von Daten, der Strittigkeit ihrer Interpretationen und der Ambivalenz ihrer gesellschaftlichen Handlungsfolgen; wenn sich das  Forschungsergebnis einem Algorithmus verdankt, der seinerseits das Ergebnis von Prozessen des „machine learning“ ist.

An solche erkenntnistheoretischen Verschiebungen schließen sodann wissenschaftssoziologische Fragen an. Denn was ist noch eine forscherliche „Leistung“, wenn das Denken automatisiert zu werden beginnt? Wie wird sie individuell zugerechnet? Was wird in Zukunft wissenschaftliche Reputation begründen? Von den juristischen und den finanziellen Fragen – Wer verantwortet die Forschung, wer haftet für ihre Folgen? Wie wird das rechtlich geregelt? Wie finanziell und ökonomisch? – ganz zu schweigen.

Mit diesen und anderen Fragen – unter denen auch solche der guten wissenschaftlichen Praxis, des Publikationssystems und der Forschungsethik zu nennen wären –, stellen sich zugleich neue Herausforderungen für die Wissenschaftspolitik und -administration und nicht zuletzt auch für die wissenschaftsgeleitete Forschungsförderung.

Um nur auch hier die Radikalität des digitalen Wandels anzudeuten: Das gesamte Fördersystem nicht allein der DFG setzt darauf, dass es wissenschaftliche Peers sind, auf deren Mitwirkung alle Finanzierungsentscheidungen beruhen. Aber ist deren Urteilskraft denn unersetzlich? Könnten Förderentscheidungen nicht auch automatisiert, also auf der Grundlage von Algorithmen vorgenommen werden, welche die Projektanträge ranken? Wir kämen dann mit wenigen Sachbearbeitern und einer IT Support Group aus. Aber: Die Anreize, Projektanträge – wiederum algorithmisch – stromlinienförmig zu optimieren, wären unabsehbar, die Folgen für Qualität und Originalität der Forschung vermutlich auch. Vor allem aber: Wäre nicht eine Schwächung der Begründbarkeit und Nachvollziehbarkeit von Förderentscheidungen der Preis einer solchen Automatisierung – und also eine Einbuße an Legitimität?

Auch in solcher Hinsicht ist der Weltenwandel der Digitalität also eine enorme Gestaltungsaufgabe. Die Wissensordnungen und die Sozialordnungen der Wissenschaft, die epistemischen, ökonomischen, finanziellen, rechtlichen und politischen Aspekte dieses Wandels beeinflussen einander auf vielfältige Weise und müssen in ihren komplexen und kontingenten Zusammenhängen bedacht sein.

Eben diese Anforderung scheint ein besonders prominenter Versuch, den Weltenwandel forschungspolitisch zu gestalten, allerdings zu verfehlen: Die sogenannte 3-OStrategie (Open Science, Open Innovation, Open to the World), wie sie der Forschungskommissar Carlos Moedas namens der Europäischen Kommission entwickelt hat, macht das aktuell erreichte technische Niveau von Digitalisierung zum Maßstab wissenschaftspolitischer Programmatik. Dabei verdeckt das ideologische Schlagwort von der „openness“ freilich die Offenheit und Unabsehbarkeit des Weltenwandels eher, als dass es ihn konzeptionell ernst nähme und seiner politischen Gestaltung eine kluge Richtung wiese.

Als Fördereinrichtung wie als Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaften in der Bundesrepublik sieht die DFG hier ihre Verantwortung. Wir nehmen uns vor, ihr in dreierlei Hinsicht gerecht zu werden: Erstens in der Eröffnung von Foren und in der Begleitung fachspezifischer Reflexion auf den digitalen Wandel in allen Bereichen der Wissenschaft (und was dabei Fachspezifik heißt, wird sich unter den Bedingungen von Digitalität selbst wandeln). Zweitens werden unser Förderhandeln und seine Instrumente und Verfahren weiterentwickelt werden müssen. Und drittens kommen auf die DFG neue Aufgaben bei der Beratung von Politik und Gesellschaft im Hinblick auf die Entwicklung der Wissenschaften im digitalen Zeitalter zu.

Um dieser dreifachen Verantwortung gerecht werden zu können, führen wir in der Geschäftsstelle der DFG ein umfangreiches Strukturierungsprojekt durch (siehe Beitrag oben). Das Präsidium wird überdies eine hochrangige Expertenkommission „Wissenschaft im digitalen Zeitalter“ einsetzen, und auch in anderen organisatorischen Formen werden wir den digitalen Wandel der Wissenschaften förderlich zu begleiten suchen.

Dabei lassen wir uns allerdings von der Auffassung leiten, dass es auch künftig ankommt auf Forschung in jenem verfassungsrechtlich präzisierten Sinne einer spezifisch professionalisierten Form freier methodischer Wahrheitssuche. Sie setzt unverändert öffentliche Trägerschaft und Finanzierung – auch in den Data Sciences – voraus. Und diese muss sich legitimerweise vollziehen in der Form von Förderentscheidungen, die auch künftig auf – nicht automatisierbarer – menschlicher Urteilsfähigkeit beruhen.

Solche Urteilsfähigkeit ist freilich nicht schlicht gegeben. Vielmehr ist sie uns aufgegeben. Sie muss gepflegt werden, und sie bedarf institutioneller Freiräume, um sich entfalten zu können. Ohne sie gäbe es keine Zurechenbarkeit von Forschungsleistungen und keine Begründbarkeit von Förderentscheidungen, die für die DFG konstitutiv sind. Die komplexe Verschränkung von Technologischem, Epistemischem und Sozialem, die in allem Digitalen vorliegt, lässt sich nicht einfach digital überspringen. Viel zu voraussetzungsreich ist dafür produktive und faszinierende Forschung, die das gesellschaftliche Vertrauen in sie rechtfertigt.

In diesem Sinne sollte die Wissenschaft und sollten wir in der DFG die vor Augen stehenden Aufgaben der Gestaltung von Wissenschaft im digitalen Zeitalter angehen. Es sind Aufgaben des Handelns wie Aufgaben der Erkenntnis gleichermaßen!

Prof. Dr. Peter Strohschneider
ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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