Sensoren, Wegbereiter, Taktgeber

Professorin Dr. Katja Becker
Professorin Dr. Katja Becker

Die Sonderforschungsbereiche der DFG werden 50 Jahre alt. Wie sie auf vielfältige Weise Impulse in das Wissenschaftssystem gegeben haben – und es auch weiterhin tun können. Ein Blick zurück in die Zukunft

Zugegeben, der Name spricht nicht für sich: Etwas angestaubt und sperrig kommt die Wortprägung „Sonderforschungsbereich“ daher. Das abstrakte Kompositum ist nicht ohne die wissenschaftspolitisch turbulente Phase Ende der 1960er-Jahre zu denken und atmet noch den Geist dieser Zeit. Unter emanzipativaufklärerischen Vorzeichen galt es damals, alles zurückzuweisen, dem (nur) ein Hauch von Elite aus dem Geist des traditionell Überkommenen anhaftete. „Exzellenzcluster“ waren als Begriff und Realität noch in weiter Ferne, und auch die Lorbeeren eines Gottfried Wilhelm Leibniz-Preises kamen damals herausragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern noch nicht zugute. Noch vier Jahrzehnte sollte es dauern, bis der Europäische Forschungsrat gegründet wurde und seine begehrten Grants auslobte.

Diese und weitere Programme haben mit der Zeit eine überaus vielfältige Förderlandschaft für Wissenschaft und Forschung erblühen lassen. Als aber vor nunmehr 50 Jahren die ersten Sonderforschungsbereiche der DFG eingerichtet wurden, standen sie noch alleine auf weiter Flur. Zu ihrem Jubiläum – dem diese Ausgabe des DFG-Magazins einen Themenschwerpunkt und auch dieses Editorial widmet – sind sie längst von einem kleinen Pflänzchen zu einem starken und weitverzweigten Baum herangewachsen. Der Forschungsstandort Deutschland wird darum international beneidet. Welche Rolle spielt, um im Bilde zu bleiben, dieser Baum noch in dem von stetiger Veränderung geprägten Ökosystem? Leistet er auch weiterhin wichtige Beiträge oder verliert er angesichts der Konkurrenz seine ökologische Nische? Und wie sehen überhaupt die Wachstums-und Zukunftsperspektiven aus?

Sonderforschungsbereiche bieten hoch qualifizierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Chance, gemeinsam und disziplinübergreifend zu forschen, und zwar auf internationalem Spitzenniveau. Gleichzeitig dienen sie dem Auf- und Ausbau klar umrissener Forschungsschwerpunkte an den antragstellenden Universitäten. Sie geben damit entscheidende Anstöße für die strukturelle Weiterentwicklung, zum Beispiel mit Blick auf eine strukturierte Nachwuchsförderung oder chancengerechtere Karrierewege. In Zeiten, in denen Universitäten einen zunehmenden Anteil ihrer Forschungsaktivitäten über Drittmittel finanzieren (müssen), ist es besonders wichtig, sich zu positionieren und für den Wettbewerb aufzustellen. Insofern lassen sich Vorbereitung, Einrichtung und Koordination von Sonderforschungsbereichen als „perfektes Training“ für Hochschulen verstehen, sich strukturell und profilschärfend in die Zukunft auszurichten.

Die Voraussetzungen dafür, dass die Sonderforschungsbereiche auch zukünftig ihre Aufgaben und Funktionen in der Förderlandschaft erfüllen können, sind sicherlich gegeben: Denn im Rückblick wird deutlich, in welch nachhaltiger Weise sie Impulse in das ausdifferenzierte Wissenschaftssystem bereits hineingetragen haben – und es weiterhin tun.

So wurden etwa im Jahr 1997 SFB-Nachwuchsgruppen eingeführt, damit Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler frühzeitig in einer selbstständigen Leitungsfunktion Erfahrungen sammeln und sich bewähren können. Dieses Ziel verfolgt auch das 1999 ins Leben gerufene Emmy Noether-Programm, in das SFB-Nachwuchsgruppen später integriert wurden.

In die Bilanz von 50 Jahren SFB gehört aber weitaus mehr und anderes, darunter die bessere Vereinbarkeit von Familie und Forschungstätigkeit; hier haben Sonderforschungsbereiche früh Maßstäbe gesetzt. Darüber hinaus machen viele SFB forschungsgenerierte Erkenntnisse für Wirtschaft oder Gesellschaft nutzbar. So ist es in dem Programm bereits seit 1996 möglich, gemeinsam mit einem Anwendungspartner Transferprojekte zu beantragen. Auch zusätzliche Mittel für Ausstellungen, Schülerlabore oder andere Formate der Wissenschaftskommunikation werden von Sonderforschungsbereichen nachgefragt und engagiert genutzt. Und ebenso kann der Aufbau einer effizienten und professionellen Infrastruktur für den Umgang mit wissenschaftlichen Daten als eigenes Teilprojekt unterstützt werden – und das bereits seit mehr als einem Jahrzehnt, also lange bevor die Bedeutung eines vernetzten Forschungsdatenmanagements offenkundig wurde. Schließlich hat die 2015 mit dem Übergang vom Ortsprinzip zum Hochschulprinzip vereinfachte Beteiligung externer Partner positive Auswirkungen gezeigt.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass und inwiefern Sonderforschungsbereiche im Laufe ihrer Geschichte als Sensor, Wegbereiter und Taktgeber für Veränderungen gedient haben. Das Programm konnte diese Funktion auch deswegen ausfüllen, weil es an einer Reihe charakteristischer Merkmale festhält, die heute selbstverständlich, gleichzeitig aber mindestens genauso wichtig sind wie vor 50 Jahren: die lokale Bündelung von Expertisen verschiedener Fachgebiete, aus der sich über alle Qualifizierungsebenen hinweg regelmäßig persönliche Gespräche ergeben – sowohl geplanter als auch zufälliger Natur. Gerade in Zeiten webgestützter Kommunikation liefert der geplante wie auch der sich spontan ergebende Austausch von Angesicht zu Angesicht auf allen Qualifizierungsebenen immer wieder wichtige, wenn nicht entscheidende Impulse für innovative Forschungsaktivitäten und -ansätze.

Schließlich ist eines nicht zu vergessen: Die Förderspanne von bis zu zwölf Jahren ermöglicht, flexibel und engagiert genutzt, die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Fragen und Problemen aus einer längerfristigen und qualitätsverpflichteten Perspektive. Bei der immer schnelleren Taktung in der Grundlagenforschung wird dies von vielen Forscherinnen und Forschern als Mehrwert gesehen. Dabei ist das Programm seit jeher themenoffen, von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eigenverantwortlich gestaltbar und in Bezug auf die Anzahl an Teilprojekten variabler als oft angenommen.

Wo SFB in Zukunft Maßstäbe setzen werden und wie sie sich etwa Exzellenzclustern gegenüber oder auch im internationalen Vergleich positionieren können, muss sich zeigen. Dass die Herausforderungen dabei nicht geringer werden – das liegt auf der Hand. Diese und die zukunftsweisenden Themen frühzeitig zu erkennen, wird dabei Erfolg versprechend sein und helfen, die Diversität der deutschen Hochschullandschaft weiterhin zu erhalten.

Prof. Dr. Katja Becker
ist Professorin für Biochemie und Molekularbiologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

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