Richtig nützlich

Professor Dr. Peter Strohschneider
Professor Dr. Peter Strohschneider

Impact und kein Ende: Weltweit rührt das Effektivitäts-Ideologem von Wissenschaftspolitik und Forschungsförderung in vergleichbarer Weise an den Grundfesten moderner Gesellschaften wie der Populismus. Richtig nützlich können Wissenschaft und Forschung aber nur dann sein, wenn nicht kurzfristige Nutzenerwartungen zum generellen Maßstab von Förderentscheidungen werden.

Zum Ende dieses Jahres und an dieser zum Resümieren einladenden Stelle auf die wissenschaftspolitischen Debatten über den Impact von Forschung zu kommen, das mag geradezu weltfremd scheinen – sozusagen elfenbeintürmerhaft. Wie wenn es keine anderen Sorgen gäbe! Droht denn nicht, weit über die Wissenschaften hinaus, beinahe die ganze Welt ins Schlingern zu geraten? Ist nicht der demokratische Verfassungsstaat etwa durch autokratischen und populistischen Machtwillen gefährdet? Steht nicht inzwischen kaum weniger zur Debatte als die offene Gesellschaft und ihre, unsere liberalen Lebensformen?

Doch, danach sieht es tatsächlich aus. Dennoch – und obwohl wir uns nicht schon am Ende, sondern noch am Anfang von Umwälzungen befinden dürften, auf die sorgenvoll zu schauen ausreichend Gelegenheiten drohen: Das eine hat mehr mit dem anderen zu tun, als man zunächst meinen könnte. Der im Imperativ des „Impact!“ geronnene, zeitlich wie sachlich verkürzte Instrumentalismus eines ökonomistischen Forschungsdiskurses rüttelt in ähnlicher Weise an den Pfeilern einer pluralistischen Gesellschaft und Wissenschaft wie die vielfältig grassierenden Populismen mit ihrer manifesten Aversion gegen Expertise und Reflexivität.

Impact also! Diese wissenschaftspolitische Parole funktioniert wie die populistische Rhetorik des „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen!“. Sie tut so, als ob vehement und programmatisch für die Nutzlosigkeit von Forschung gestritten würde; als ob Wahrheit und Nützlichkeit Gegensätze seien. Das ist Unsinn. Niemand kann ja im Ernst etwas dagegen haben, wenn gute Wissenschaft und Forschung richtig nützlich sind, wenn sie ihren Societal Impact möglichst reich entfalten und in möglichst vielfältigen Hinsichten – sozial, ökonomisch oder kulturell. Und es wäre töricht, dagegen anzugehen, denn eben dies würde populistischer Wissenschaftsfeindlichkeit direkt in die Karten spielen.

Impact, ja oder nein? Das ist also ein Scheingefecht. Vielmehr geht es um die Frage, ob es klug sei und dem gesellschaftlichen Nutzen der Wissenschaften förderlich, wenn über ihre Finanzierung und Institutionalisierung generell danach entschieden würde, ob sie bloße Ansprüche auf direkten Impact schon in naher Zukunft erheben können.

Auch ein Trend in diese falsche Richtung prägte das zu Ende gehende Jahr 2016: In Großbritannien stürzte der regierungsamtliche Impact-Imperativ namentlich die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung in eine heftige Legitimitäts- und Finanzierungskrise, noch bevor dann der Brexit die Koordinaten für die Wissenschaft des Vereinigten Königreichs verschob. Die Förderpolitik der EU-Kommission ist geprägt durch einen Rollback von einem breit angelegten, die erkenntnisgeleitete Forschung systematisch integrierenden Ansatz zurück zu einem reduktionistischen Konzept, welches Forschungsförderung allenfalls schwach von obsoleten Formen der Industriesubventionierung unterscheidet. Und in den USA schließlich deuten die spärlichen Äußerungen des President-elect gleichfalls auf eine ganz an kurzfristigen wirtschaftlichen Relevanzvermutungen orientierte Wissenschaftsförderung hin – und auf „hard times“ für die erkenntnisgeleitete Forschung, für die Sozialwissenschaften, ja selbst für die neuerdings ebenfalls als Soft Sciences denunzierten Geowissenschaften (weil sich so nämlich die Global-Change-Forschung ausdünnen ließe).

Es liegt auf der Hand, wie wenig zum allgemeinen Maßstab der Wissenschafts- und Forschungsförderung der verkürzte Instrumentalismus solcher schlichten Impact-Vorstellungen taugt. Ihre Begriffsschwäche ist unübersehbar: Schon die Verwendung von Impact als positive Wertkategorie setzt ja eine klare Unterscheidbarkeit und Unterscheidung von positiven und negativen, von erwünschten und unerwünschten Forschungseffekten voraus; hier bereits gerät das Ideologem in massive Definitionsnöte, die etwa bis in die Dual-Use-Problematik führen können.

Nicht weniger einschlägig die Frage, wie sich denn der zukünftige Nutzen zukünftiger Forschung schon jetzt messen lassen sollte, erst recht dann, wenn Arbeitsplatz- und Wirtschaftswachstumsindikatoren als Kennzahlen nicht verfügbar oder untauglich sind. Und weiter: Wie schnell muss der Nutzen sich einstellen, wie langsam darf er sich entwickeln? Kein Indikatorenmodell kann diese und viele damit zusammenhängende Fragen einfach beantworten. Schon deshalb nicht, weil Indikatorfragen schließlich Machtfragen sind. Ist das, was in der einen politischen Konstellation als effektiv gefördert wird, in einer anderen womöglich ineffektiv, unerwünscht und also nicht förderwürdig?

Nicht minder elementar als diese Schwächen ist der ja keinesfalls rätselhafte Umstand, dass schlichte Impact-Betonung der Eigenlogik und dem Eigensinn von Forschung, von erkenntnisgeleiteter Forschung zumal, schwerlich gerecht werden könnte: Weder lässt sie den nötigen Raum fürs Unplanbare und Nicht-Antizipierte, ohne welches von der Neuheit wissenschaftlichen Wissens nicht ernsthaft die Rede sein könnte, noch kennt sie die Möglichkeit legitimen Scheiterns. Vor allem aber hält sie einen Überbietungswettkampf immer neuer Zusagen, immer kühnerer Versprechungen von wissenschaftlicher Problemlösung in Gang, eine Spirale von Impact-Anforderungen und Impact-Verheißungen, welche die Legitimität von Wissenschaft und das gesellschaftliche Vertrauen in Forschung keineswegs steigert, sondern vielmehr zu ruinieren droht.

Schädlich also ist der gedankenlose Zwang, im Vorhinein die Nützlichkeit von Wissenschaft inszenieren zu müssen. Und er ist dies übrigens in einer Weise, die derjenigen der Populismen nicht unähnlich ist: Hier wie da werden die Wissenschaften und ihr Pluralismus gedanklich-konzeptionell negiert, hier wie da werden sie daran gehindert, richtig nützlich zu sein. Wenn also an der richtigen Entfaltung der Forschung und damit an den Möglichkeiten ihrer Effektivität und Nützlichkeit alles gelegen ist, dann darf dies gerade nicht als universaler Zwang zur Maßgabe von Förderentscheidungen gemacht werden.

Wissenschaft und Forschung in Deutschland sind von einer Impact-Ideologie der kritisierten Art bislang weitgehend verschont geblieben. Auch hierzulande hat zwar die Finanzierung und Steuerung von Forschung auf der Grundlage von quantitativen Kennzahlen weiter an Gewicht gewonnen; eine kritische Diskussion der „vermessenen Wissenschaft“ füllt gerade in diesen Monaten die Konferenzsäle und Journale.

Gleichwohl: Die Checks and Balances der organisierten Wissenschaft und eine insofern aufs Ganze gesehen kluge Wissenschafts- und Förderpolitik gewährleisten die produktive Komplementarität einerseits derjenigen Organisationsund Förderformen von Forschung, die in völlig legitimer Weise gesellschaftliche, ökonomische, kulturelle Relevanzannahmen zu einem entscheidungsleitenden Kriterium machen, und andererseits derjenigen, die – wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft – anstatt solcher Nützlichkeitsvorgaben allein die Qualität von Forschung berücksichtigen.

Wie sehr insofern die deutsche Wissenschaftspolitik und Forschungsförderung im Vergleich mit vielen Teilen der Welt eine geradezu sehnsüchtig bewunderte Ausnahme darstellt, dies zeigt nicht zuletzt die 2016 gestartete „Exzellenzstrategie“. Sie wird Spitzenforschung an den Universitäten dauerhaft mit vielen zusätzlichen Milliarden fördern, und zwar außerordentlich flexibel in einem gänzlich themenoffenen Wettbewerb, dessen Entscheidungen auf wissenschaftlicher Urteilsfähigkeit beruhen. Auch dies gehört zur Bilanz dieses Jahres. Gegen seine verstörenden Ereignisse und besorgniserregenden Entwicklungen setzt es einen optimistischen Kontrapunkt.

Professor Dr. Peter Strohschneider
ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Zusatzinformationen

© 2010-2017 DFG Aktualisierungsdatum: 20.12.2016Sitemap  |  Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Kontakt  |  RSS Feeds

Textvergrößerung und Kontrastanpassung