Über die Herzkammer

Professor Dr. Peter Strohschneider
Professor Dr. Peter Strohschneider

Die Debatte um die Zukunft des Wissenschaftssystems in Deutschland läuft Gefahr, auf Organisationskonflikte verengt zu werden. Wichtiger wäre indes zunächst ein Blick darauf, worum es in der Wissenschaft geht und wie sie also organisiert werden müsste, um so produktiv wie möglich sein zu können.

Zu den schönen Obliegenheiten, die das Amt des Präsidenten der DFG mit sich bringt, gehört es, an dieser Stelle über gewichtige Themen von Forschung, Forschungsförderung und Wissenschaftspolitik nachdenken zu können – nicht als Einziger freilich, aber doch in regelmäßiger Folge.

In diesem Horizont dürfte derzeit kaum ein gewichtigeres Thema auszumachen sein als die Debatte um die Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems. Diese Debatte wird in Entscheidungen münden, welche die Strukturen der Wissenschaft für eine ganze Generation bestimmen könnten. Kein Wunder daher, dass sich in ihr mannigfache Systemfragen und Spannungslinien der Wissenschaft, ihrer Organisation, ihrer Finanzierung und ihrer politischen Gestaltung höchst komplex überlagern – zumal angesichts von Finanzkrise und Bundestagswahlkampf.

Mitten in dieser Debatte hat in der DFG ein neuer Präsident sein Amt angetreten. Ergreift er das Wort, so liegen Erwartungen an Neues, vielleicht an Programmatisches nahe. Ich bin mir ihrer bewusst, ohne ihnen doch entsprechen zu können. Schon die institutionelle Qualität der DFG ermisst sich ja nicht zuletzt daran, dass sie über den Wechsel einzelner Personen hinweg Stetigkeit gewährleistet. Sie kann nicht funktionieren ohne Verlässlichkeit: für ihre Mitglieder, für die Antragstellerinnen und Antragsteller und für alle, die vermittels der DFG an der Selbstorganisation der Wissenschaft mitwirken – und die das allermeist rein intrinsisch motiviert und ehrenamtlich tun.

Eine gewisse Zurückhaltung gegenüber der großen programmatischen Neuerungsgeste legt indes auch die aktuelle wissenschaftspolitische Debatte selbst nahe. Einerseits wird sie ja entlang von eher technischen, wiewohl oft höchst intrikaten Einzelfragen (Verfassungsnovelle, Kooperationsmodelle, Promotionsrecht, Projektkostenstruktur usw.) geführt, andererseits aber aus der Vogelperspektive mit Blick aufs große Ganze der „Großbaustelle Wissenschaftssystem“. Wie indes Sachdetails und allgemeine Systemfragen zusammenhängen, dies bleibt im einen wie im anderen Fall unklar: Was als Lösung eines konkreten Problems Erfolg verspricht, mag sich dann als bloße Perspektivverengung erweisen, und der vermeintlich große Wurf könnte umso ferner rücken, je näher man sich ihm wähnt.

Wie aber sich anders der Frage nach der Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems nähern? Man könnte bei diesen zwei Prämissen starten: einerseits, dass die Komplexität moderner Wissenschaft und moderner Wissenschaftssysteme einfache Masterpläne ausschließt; andererseits, dass es durchaus klug sein kann, Prinzipienfragen nicht mit Wirklichkeitsferne zu verwechseln. Manches scheint sich aktueller Konkretisierung zu entziehen, um alsbald nur umso direkter wieder dorthin zu leiten. Zu solchen Fragen gehört, worum es in der Wissenschaft geht und welchen Grundsätzen ihre Organisation gehorchen sollte, damit sie möglichst produktiv werden kann.

Derartige Fragen führen nämlich rasch zu den Universitäten und der besonderen Stellung, die sie im Wissenschaftssystem haben. Nur in ihnen lässt sich ja über das gesamte Spektrum der Disziplinen hinweg dreierlei miteinander verknüpfen: die Weltwerdung des wirklich Neuen, mit der moderne Wissenschaft, zumal die von Erkenntnisneugier motivierte Grundlagenforschung befasst ist, sodann die Leistungserwartungen und Problemvorgaben der Gesellschaft – und schließlich jener Eigensinn, mit dem Wissenschaft von diesen Erwartungen und Vorgaben, und zwar gerade im Interesse ihrer gesellschaftlichen Leistungskraft, auch Abstand nimmt. Sie ist ja mehr als ein Instrument bloß für definierte Zwecke, nämlich auch eine Kulturleistung.

Es ist diese besondere Komplexität, welche die Universität zur „Herzkammer“ der Wissenschaft macht, welche sie von allen anderen Einrichtungen des Wissenschaftssystems unterscheidet und wegen welcher jene auf leistungsfähige Universitäten angewiesen bleiben.

Dieser besonderen Stellung der Universitäten muss die Wissenschaftsgesellschaft bei der Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems Rechnung tragen, und zwar bei allen anstehenden Fragen: beim Wissenschaftsföderalismus; beim Verhältnis von Forschung und Lehre, von hochschulischer und außeruniversitärer Forschung; bei der Organisation von Forschung und Forschungsförderung; bei den Proportionen von Grundfinanzierung und Drittmitteln sowie von projektförmigen Funktionen und Daueraufgaben; schließlich bei der Weiterentwicklung der Exzellenzinitiative, des Paktes für Forschung und Innovation und des Hochschulpaktes. Politisch wäre das etwa denkbar in einer systematischen Rahmenvereinbarung für die gemeinsame Wissenschaftsfinanzierung von Bund und Ländern, die mit verfassungsrechtlich erweiterten Kooperationsmöglichkeiten die verschiedenen Wissenschaftsfunktionen sorgfältig aufeinander abzustimmen erlaubt und finanziellen Spielraum schafft, um die Grundausstattung der Universitäten deutlich zu verbessern.

Von hier aus ist man dann rasch auch bei der DFG. Wenn die Universitäten für das Wissenschaftssystem funktional konstitutiv sind, so muss dem auch die Förderung der universitären Grundlagenforschung Rechnung tragen. Insbesondere in dieser Perspektive bestimmt sich die spezifische Rolle und Verantwortung der DFG.

Die Funktionen und Leistungen der Teileinheiten der Wissenschaft sind wichtig. Noch wichtiger sind indes diejenigen des Gesamtsystems. Eigentlich ist es in einem Gefüge von Hochschulen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Förderorganisationen klug gegliedert. Man muss nur die Balancen sorgfältig austarieren: diejenigen zwischen den verschiedenen Funktionen und Qualitätsstufen von Wissenschaft – es gibt keine Spitzenforschung ohne eine solide Basis normaler Forschung –; die organisatorische Balance zwischen den Universitäten und den Einrichtungen der außeruniversitären Forschung; und schließlich auch die Balance – und organisatorische Trennung – von Forschungs- und Förderorganisationen.

Diese Balancen könnten eine Richtschnur gemeinsamen Handelns sein. Die Instrumente, mit denen die Politik das Organisations- und Funktionsgefüge von Wissenschaft steuert, werden jedenfalls umso wirksamer sein, je besser sie diese Balancen zu halten erlauben.

Mit Strichen der angedeuteten Art ließe sich jener Rahmen – und hier und da auch bereits seine Füllung – skizzieren, von dem her sich die DFG in die Debatte um die Zukunft des Wissenschaftssystems einbringen wird. Der Gang und hoffentlich der Fortgang dieser Debatte wird gewiss auch an dieser Stelle ein Thema bleiben.

Professor Dr. Peter Strohschneider ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Zusatzinformationen

© 2010-12 DFG Aktualisierungsdatum: 02.04.2013Sitemap  |  Impressum  |  Kontakt  |  RSS Feeds

Textvergrößerung und Kontrastanpassung