Von Vertrauen und von Grenzen …

DFG-Präsident Prof. Dr. Peter Strohschneider
DFG-Präsident Prof. Dr. Peter Strohschneider
© DFG / David Ausserhofer

So bedeutsam moderne Forschung auch ist – sie hat Grenzen. Was an diesen geschieht, bestimmt nicht nur das wissenschaftliche Arbeiten selbst. Hier wird auch über das gesellschaftliche Vertrauen entschieden, ohne das es Wissenschaft und Forschung nicht geben kann. Bemerkungen zur Verleihung der diesjährigen Leibniz-Preise und aus gegebenem Anlass.

Mitte März konnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre diesjährigen Gottfried Wilhelm Leibniz-Preise verleihen. Nun ist die Verleihung dieses bedeutendsten Forschungsförderpreises in Deutschland schon seit ihrer Premiere vor 31 Jahren ein besonders festlich-heiterer Moment, zumal für die Preisträgerinnen und Preisträger, deren Familien sowie Freundes- und Kollegenkreis, aber ebenso für die zahlreichen Gäste aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft und natürlich auch für die DFG.

Jedes Jahr aufs Neue erinnert dieses Ereignis aber auch an jene Prinzipien, ohne welche es Wissenschaft und Forschung gar nicht geben kann und für welche die ausgezeichneten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in besonderem Maße stehen.

Das beginnt bei der neugierigen Bereitschaft, sich von fremdem Wissen produktiv irritieren zu lassen und die eigenen Annahmen über die Welt infrage zu stellen; es umfasst den gelassenen Umgang mit Unvertrautem, mit Unbestimmtheit und Komplexität sowie das Insistieren auf jener Zumutung moderner Forschung, dass es bei der Erforschung der Welt nicht auf Wiedererkennungseffekte ankommt, sondern darauf, die Bezirke unseres Wissens immer wieder neu zu vermessen und auszudehnen; es ermöglicht die Durchbrechung von Planungen und Erwartungen, die Revision, Kritik und Erweiterung des gültigen Wissens sowie den Versuch, auch das einstweilen Ungedachte zu denken, zuweilen sogar das bislang für undenkbar Gehaltene; und es unterstreicht die vielfältigen gesellschaftlichen Bedeutsamkeiten moderner Spitzenforschung.

In diesem Jahr freilich, in Zeiten, da Ressentiment, populistische Vulgarität und Wissenschaftsfeindlichkeit gefährlich anwachsen, wurden diese Prinzipien besonders wichtig. Und dass mit der Bundesforschungsministerin und der Bremer Wissenschaftssenatorin einmal mehr die beiden wichtigsten Repräsentantinnen der Wissenschaftspolitik im förderalen System der Bundesrepublik zur Preisverleihung gekommen waren und Grußworte sprachen, zeigte eindrücklich: Anders als in manch anderer Wissenschaftsnation können sich Wissenschaft und Forschung in unserem Land auch in diesen Zeiten des Vertrauens der Politik erfreuen.

Der Bedeutsamkeit moderner Forschung konnten wir an diesem Nachmittag also gewiss sein und können wir überhaupt gewiss sein. Und doch: So wenig sie überschätzt werden könnte, so wenig ist die Bedeutsamkeit moderner Wissenschaft grenzenlos.

Es gibt finanzielle, rechtliche, politische und ethische Einschränkungen wissenschaftlicher Forschung und womöglich auch Schranken des Systemwachstums. Und auch in anderer Richtung gibt es Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnistätigkeit, etwa als nicht-wissenschaftliches Wissen: als das Wissen des Alltags, von Wirtschaft oder Politik, von Recht, Moral und Anstand, von Religion oder Kunst.

Diese Grenzen sind allerdings entscheidend für das, was im Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft geschieht. Von den Aushandlungen, Kollisionen und Konflikten an diesen Grenzen hängen nicht allein das wissenschaftliche Arbeiten und die Handlungsspielräume von Wissenschaft selbst ab. Hier wird auch über jenes gesellschaftliche Vertrauen entschieden, ohne das es moderne Wissenschaft und Forschung schwerlich geben kann.

Diese Grenzen lassen sich auf ganz verschiedene Weise beschreiben, ihnen kann man sich auf ganz unterschiedlichen Wegen annähern, so etwa unter den Stichworten: Nutzenorientierung, Verheißungen, Demokratiefähigkeit und Nicht-Wissenschaft.

Nutzenorientierung also zunächst: Moderne Forschung ist systematisch darauf angelegt, neues und zugleich methodisch verlässliches Wissen zu generieren. Das geht nicht ohne Kommunikationsordnungen und -praxen, in denen Wissen frei und allgemein verfügbar gehalten wird. Nur so lassen sich Wissensansprüche und Innovationsbehauptungen prüfen, anpassen und weiterentwickeln. Und sind sie einmal als verlässlich und neu identifiziert, dann können sie in die Ordnungen des wissenschaftlichen Wissens zurückwirken. Andere übersetzen sich in unabsehbar weite außerwissenschaftliche Funktionszusammenhänge, und daran ist auch nichts auszusetzen. Im Gegenteil, es ist eine Basisbedingung gesellschaftlich bedeutsamer Wissenschaft.

Grenzen freier, produktiver Forschungspraxis verlaufen hingegen dort, wo kommerzielle Nutzungsinteressen in die Kommunikationsordnungen von Wissenschaft hineindrängen. Dies lässt sich derzeit etwa am durchaus auch jenseits der Grenzen des Seriösen geführten Angriff auf die vorgeschlagene Novellierung des Urheberrechts beobachten.

Und auch dort sind Grenzen, wo Prüfung und Kommunikation von Wissensansprüchen zur Angelegenheit von Patentanwälten werden. Wie kurz der Weg dorthin sein kann, dafür sind die gegenwärtigen Rechtsstreitigkeiten rund um das Genome Editing vielleicht nicht das einzige, aber doch ein prägnantes Beispiel.

Auch aus Verheißungslogiken ergeben sich für die modernen Wissenschaften immer wieder Vertrauenserschwernisse: Die gesellschaftlichen Leistungserwartungen gegenüber den Wissenschaften steigen. Das ihnen entgegengebrachte Vertrauen wächst kaum in gleichem Maße. Und das hat Folgen. Wissenschaft, zumal wenn sie öffentlich getragen wird, muss gesellschaftlich rechtfertigungsfähig sein – und in Finanzverteilungskämpfen politisch durchsetzbar. So wächst der Druck, den direkten und kurzfristigen Societal Impact von investierten Mitteln nachzuweisen.

Es liegt nahe, dass Wissenschaft darauf reagiert mit Versprechungen möglichst sofortigen praktischen Nutzens – von der Schaffung von Arbeitsplätzen über die Besiegung der großen Volkskrankheiten bis zur Rettung der Welt überhaupt. Doch spielt sich somit eine Überbietungsspirale von Impact-Anforderungen und Impact-Verheißungen ein, welche gesellschaftliches Vertrauen in Forschung weniger festigt, als vielmehr zu ruinieren droht. Auch das unerfüllte, das in überschaubarer Zeit gar nicht erfüllbare Lösungsversprechen ist eine der Grenzen, jenseits derer es daher für die Forschungsfreiheit folgenreich werden kann. Diese Grenze wird (zu) oft übertreten.

Wenn es um Grenzen von Forschung geht, dann ist drittens auch über die Demokratiefähigkeit (Klaus Töpfer) von Forschung und Technologien zu reflektieren. Ohne moderne Technologien wäre gesellschaftliches Vertrauen in die Wissenschaften nur schwer denkbar. Grenzen des wissenschaftlich Verantwortbaren liegen indes dort, wo wissenschaftliche Erkenntnis so enorme private Machtansammlungen ermöglicht, dass diese von demokratischer Politik allenfalls teilweise noch kontrolliert werden können. Und oft ist Erkenntnis strukturell ebenso ambivalent wie technische Innovationen; eben dies ist die Dual-Use-Problematik. Auch hier gilt also: Risiken nicht ignorieren, der vermeintlichen deutschen Technologie-Aversion nicht lediglich mehr fröhliche Zuversicht abfordern, sondern Grenzen mitreflektieren.

Schließlich jene Barrieren, denen Wissenschaft dort begegnet, wo sie auf andere Wissensformen trifft, also auf Nicht-Wissenschaft. Auch nicht-wissenschaftliches Wissen kann durchaus Wissen eigenen Rechts sein. Es mag dann – in Traditionsbeständen, individuellen Erfahrungen, kollektiven Regulierungssystemen oder religiösen Überzeugungen – andere Geltungsgründe haben, als methodische Forschung sie bereitstellt, und auch andere Funktionen.

Teils steht solches Wissen unverbunden neben wissenschaftlicher Erkenntnis oder ihren technischen Manifestationen; wer einmal versucht hat, bei der Lufthansa einen Sitz in Reihe 13 zu buchen, der weiß, was dies heißt. Teils konkurrieren nicht- oder pseudo-wissenschaftliche mit wissenschaftlichen Wissensformen – so fordern kreationistische Intelligent-Design-Konzepte etwa die Evolutionstheorie heraus. Teils sind sie auch komplementär zueinander, wie etwa im Fall von Wertund Normbeständen.

Zwar kennzeichnet es die Lage der umfassend verwissenschaftlichten Zivilisation, dass in ihr der Rückgriff auf wissenschaftliche Erkenntnis als Möglichkeit der Letztbegründung von Entscheidungen gilt. Aber dabei muss man ausblenden, dass wissenschaftliches Wissen ungewisses Wissen ist. Allermeist konkurrieren auch in den Wissenschaften unterschiedliche Wissensansprüche miteinander. Auch die methodische Unverfügbarkeit von letzten Gewissheiten zieht also eine Grenze: Forscherexpertise ist immer partikular und selektiv. Und das muss nicht nur in der gesellschaftlichen Kommunikation wissenschaftlichen Wissens stets mitkommuniziert werden. Es hat auch dies zur Folge, dass Wissenschaft Gesellschaft und Politik nicht ansprechen darf als Instanzen, welche scheinbar eindeutige wissenschaftliche Vorgaben bloß administrativ zu exekutieren hätten.

Moderne Wissenschaft befindet sich also stets in einer Dialektik von Freiheit und Selbstbegrenzung. Für alle, die in ihr arbeiten, ergibt sich daraus eine spezifische Spannungslage:

Die intellektuellen wie praktischen Herausforderungen ihres Tuns erfordern eine tiefe Überzeugung von dessen Bedeutsamkeit. Die komplexen Implikationen und Kontexte verlangen demgegenüber danach, die Grenzen des eigenen Tuns wie der Wissenschaften überhaupt stets mitdenken zu können. Die Freiheit der Wissenschaft ist eine Funktion des verantwortlichen Umgangs mit diesen Grenzen.

Allein eine Wissenschaft, die sich in solchen Spannungslagen reflexiv zu bewegen weiß, kann ihre intellektuellen Grenzüberschreitungen rechtfertigen. Daraus wäre vieles zu folgern und zu postulieren: die konstitutive Offenheit und Öffentlichkeit der wissenschaftlichen Kommunikation beispielsweise; ebenso die Seriosität und Bescheidenheit von Leistungsversprechungen auch dort, wo Wissenschaft gesellschaftlich begründungspflichtig ist; und schließlich die kritische Reflexion individualethischer und soziomoralischer Konsequenzen wissenschaftlichen Wissens und Könnens.

Und es bedeutet anzuerkennen, dass es auch anderes als Wissenschaft gibt.

In den konkreten Arbeitszusammenhängen der Forschung aber muss sich das Bewusstsein für die Grenzen von Forschung zu verbinden wissen mit jener Leidenschaft zum intellektuellen Wagnis der Grenzübertretung, ohne die es moderne Forschung nicht geben kann – ganz so, wie es sich bei den Trägerinnen und Trägern des Leibniz-Preises der DFG immer wieder zu verbinden weiß.

Professor Dr. Peter Strohschneider
ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Zusatzinformationen

© 2010-2017 DFG Aktualisierungsdatum: 20.12.2016Sitemap  |  Impressum  |  Datenschutzerklärung  |  Kontakt  |  RSS Feeds

Textvergrößerung und Kontrastanpassung